2021 – Vergnügen, Abenteuer und Barmherzigkeit!

Predigt von Superintendent Heinrich Fucks, gehalten am 3. Januar 2021 in der Johanneskirche – Stadtkirche, Düsseldorf

Superintendent
Heinrich Fucks.jpg

Liebe Gemeinde,

Tag 3 des neuen Jahres. Schon der 3. Tag des so sehnsüchtig erwarteten 2021.

Was machen Ihre Vorsätze – heute und auch noch in 10 Tagen dürfte es gehen aber dann. Für meinen Teil habe ich mit dem Thema Vorsatz abgeschlossen – wenigstens zur Jahreswende, ist diese doch zu echter Veränderung (darum sollte es wohl gehen) wenig geeignet. Zu hoch der Einstieg, zu erwartbar der Sturz.
Anders, spielerisch beteilige ich mich gerne an der Frage, was wohl das neue Jahr neues bringen könnte. In den Social Media Kanälen gibt es jene netten Spiele mit denen man charakteristische Merkmale des kommenden Jahres herausfinden kann.

Wahrscheinlich läuft das Ganze ein wenig nach dem Muster der Horoskope – es ist so allgemein, dass es zutreffen muss. Oder nach dem Muster geleiteter Erwartungen. Die Erwartung lässt dann das Erwartet erkennen.
Jedenfalls läuft es konkret so: In einem quadratischen Feld sind auf und ab Buchstaben fast zufällig zusammengebracht. Man kann sie von oben nach unten und unten nach oben, von rechts nach links oder links nach rechts lesen. Meist kommt dabei Buchstabensalat ohne Sinn zustande. Und dann dazwischen – Worte. Das Versprechen dieser Spiele: die ersten drei Worte, die du findest, prägen dein Jahr, jetzt das Jahr 2021. Das kann dann allerhand sein: Reife, Vermögen, Familiengründung, Gesundung, Glück, Erfolg, Freunde, Einsicht, Tiefe, Liebe, Harmonie, Erfüllung. Ein wenig hängt es von der Seite ab, auf der du das Spiel gefunden hast, ein wenig von – ich hatte es schon erwähnt – von deinen Sehnsüchten und Erwartungen.

Dieses nette Spiel tröstet über die winterliche Tristesse und Langeweile. Mehr wohl kaum, blieb mir doch das Jahr 2017 bis heute das versprochene Vermögen schuldig. Erstaunlicherweise findet sich auch kaum anstrengendes (hin und wieder: Disziplin oder ähnliches) und schon gar nichts wirklich schlimmes wie Krankheit, Arbeitslosigkeit in den Buchstabenhaufen oder – ohne im Jahr 2019 noch einmal kontrolliert zu haben – Pandemie oder ins positive gewendet: Impfstoff kamen in den Zukunftsspielen nicht vor. Dabei verbinde ich mit dem Stichwort Impfstoff viele Stärken des vergangenen Jahres. Es zeigte sich eine erstaunliche Bereitschaft zur gemeinsamen Arbeit an der Zukunft, angefangen bei den Forscher:innen und weiter bis zu denen, die bereit waren, die Impfstoffe in den Testreihen an sich erproben zu lassen. Danke! – Für heute genug davon! Zwischen den Jahren habe ich diese Spiele hin und wieder gespielt. Einmal auch auf Französisch und ich habe mich entschieden es mit dem Ergebnis für diese Jahr zu versuchen. Welche drei Worte kamen heraus: Le plaisir und l‘aventure würden mein neues Jahr bestimmen. Also Vergnügen und Abenteuer. Vergnügen ist jetzt nicht das klassische Wort zur Beschreibung meiner protestantischen Tugenden. Doch kann ich es nicht leugnen, les plaisirs de la table, die Tafelfreuden – unübersehbar. Abenteuer, die sind mir deutlich fremder und doch, sie haben einen Reiz. Und das dritte Wort – ich habe es nicht gefunden. Ich war wohl zu abgelenkt von den Ergebnissen anderer und habe dann im Netz die Seite verloren.

Ein drittes: Eins nehme ich jedes Jahr auf. Einen Satz, mit dem ich durch das Jahr gehen möchte. Die Jahreslosung. In diesem Jahr 2021 stammt sie aus dem Lukasevangelium, dem 6. Kapitel.

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Die Jahreslosung ist mir deshalb so lieb, weil sie mir eine Brille ist, mit der ich klarer sehen und erkennen kann. Es ist wie so oft, der Umgang mit einem Vers schärft die gesamtbiblische Sicht, während die Sicht auf das Gesamt der Bibel in der Fülle ihrer Verse leicht verloren geht. In diesem Jahr nimmt die Jahreslosung eine biblische Zentralperspektive ein: Barmherzigkeit.

Als Gott am Berg Sinai an Mose vorüberzieht, stellt er sich ihm mit den Worten vor: „Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue.“ (Ex 34,6b) Barmherzigkeit, das ist der Name Gottes. Mit der Jahreslosung ließe sich 2021 Gott auf die Spur kommen. Wäre das Wort nicht ein wenig blass und verschwommen. Barmherzigkeit, hat im Deutschen eine unerfreuliche Schwester – die Beliebigkeit. Beliebt es, ist man barmherzig. Beliebt es eben nicht, ist man nicht barmherzig. Dann wird es halt hartherzig und bei uns in Deutschland dann gleich auch noch rechthaberisch.

Doch die Muttersprache der Barmherzigkeit ist nicht das Deutsche. Die Muttersprache ist das biblische Hebräisch und dort wird es mütterlich, sehr mütterlich. Bei Erbarmen klingt es alles an – Treue, Gnade – und Mutterschoß. Von der Wortwurzel, mit der das biblische Erbarmen gebildet wird, wird ebenfalls das hebräische Wort für den Mutterschoß gebildet. Dieser Klang bleibt bestimmend. In welche Richtung das nun geht, das deuten die jüdischen Witze – natürlich in der Genderperspektive höchst problematisch – über die jüdischen Mütter an. Die Kraft und Leidenschaft jüdischer Mütter eröffnet eine leichte Ahnung von der Kraft und der Leidenschaft des barmherzigen Gottes. Der barmherzige Gott tritt für das in Not geratene Israel ein gleich ob die Not selbst verschuldet war oder nicht. Erbarmen – ein Wort eben, das an den Anfang und den Grund führt, an die Anfänge Gottes mit Israel – noch einmal: „Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue.“

Eben alles andere als beliebig. Die Übersetzung biblischer Barmherzigkeit ins Lateinische teilt diese Leidenschaft: Misericordias – Wo ist Gottes Herz? Gottes Herz ist bei den Armen, denen im Geiste, denen im Herzen, denen die arm dran sind und – tatsächlich bei denen, die nichts und niemanden anderen haben als Gott und das dann auch noch zuerst. Da kann man sich dann drüber aufregen – aber gut tut das nicht.

Dem Jahr 2021 tut es sicher richtig gut, dass Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Also was bringt mir 2021 Vergnügen, Abenteuer, Barmherzigkeit. Andersherum wohl besser: Barmherzigkeit zuerst. Wie bei Gott so auch bei Dir und bei mir. So Jesus: Seid barmherzig.

Versuchen wir es mal: lassen wir uns berühren von Not und Verstrickung, bleiben wir treu einander, treu auch den Verlorenen. Schreiben wir sie nicht ab, die Schwurbler, die Verschwörungsgläubigen und geistig Armen, die mit uns so wie so nicht mithalten können. Machen wir es wie Gott – bleiben wir mit großem Herzen und wachem Verstand dran. Gottes Wege – wir wissen.

Hm, klingt noch ein bisschen schwächelnd.

Am Sinai, in der Wüste, auf der Flucht aus Ägypten hat sich Gott so vorgestellt. Mit Leidenschaft für Euch. Also – Das geht auch leidenschaftlicher – und barmherziger. Man könnte jetzt barmherzig , geduldig und mütterlich einwenden: Wir sind doch erst am Anfang des Jahres – stimmt. Schauen wir mal, wie es in der Mitte des Jahres aussieht mit unserer Barmherzigkeit. Ich lad uns ein zum Austausch – versprochen.

Bis dahin erst einmal viel Vergnügen mit und an dem Abenteuer der Barmherzigkeit 2021!

Amen

Predigt gehalten am 3. Januar 2021 in der Johanneskirche – Stadtkirche, Düsseldorf https://www.youtube.com/watch?v=wGjIoBk3cZE

Foto: sergej_lepke.jpg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.