Abschiedlich leben

Dr Dietrich Knapp
von Dr. Dietrich Knapp

Unsere Gesellschaft scheint in Neuanfänge verliebt zu sein. Öffnet ein besonderes Geschäft in einer Einkaufsmeile oder in einem großen Shopping-Center neu, so wird das groß in Zeitungen, auf Plakaten und im Internet beworben. Wird eine Kultureinrichtung neu eröffnet, gibt es ebenfalls eine Welle an öffentlicher Wahrnehmung. Die Nachricht, dass eine neue Person eine wichtige Stelle in der Politik oder der Wirtschaft erhalten wird, bekommt ebenfalls jede Menge Aufmerksamkeit. Dabei schwingen viele Hoffnungen mit: Mit diesem Anfang wird sich etwas ändern, es wird vieles anders, ja besser werden. Eine ganz neue Ära wird beginnen.

Ich frage mich manchmal, ob hier nicht übertrieben wird, ob hier nicht regelrecht ein Kult um Neuanfänge betrieben wird. Ja, Neuanfänge sind reizvoll und verheißungsvoll. Es ist schön, wenn sich Neues ereignet, wenn es mit den Neuanfängen die Chance auf Veränderung gibt. Wer kann von sich sagen, dass er oder sie hier nicht neugierig wäre und Hoffnungen mit dem Neuen verbinden würde. Der Neubeginn übt eben eine besondere Faszination aus.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Es gibt eben nicht nur Neuanfänge, sondern es gehen auch Dinge zu Ende, werden nicht mehr fortgesetzt. Man verabschiedet sich von ihnen, aus den verschiedensten Gründen. Das wird in der Öffentlichkeit in der Regel weniger wahrgenommen, weil das nicht so spektakulär, nicht so faszinierend ist. Wenn etwas zu Ende geht, gibt das meistens keinen Kick. Es ist eben das Gewohnte, das Alte, das Erledigte, das keine Zukunft mehr hat. Warum soll man sich damit länger beschäftigen? Abschiede sind irgendwie nicht attraktiv.

Der Philosoph Wilhelm Weischedel (1905-1975) hat den Begriff „abschiedlich leben“ geprägt und damit deutlich machen wollen, dass es sinnvoll ist, sich bewusst zu machen, dass Leben ständig auch Abschied bedeutet. In einem kürzlich erschienenen Buch wird das, was Weischedel damit meint, kompakt zusammengefasst:

„Abschiedlichkeit als Bereitschaft zum Abschied im ständigen Angesicht des Todes ist die Vergegenwärtigung der Vergänglichkeit und zugleich die Akzeptanz des Lebens. Sie führt zu einer Grundstimmung einer schwebenden Trauer und einer stillen Melancholie. Die damit verbundenen ethischen Haltungen sind zum einen Entsagung und Demut als die Gegenstücke zu Ehrgeiz, Stolz und Machtgier. Zum anderen führt die Abschiedlichkeit zu Selbstbeherrschung und Besonnenheit. Im Weiteren ist damit auch die Tugend der Tapferkeit und des Mutes verbunden.

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Abschiedlich zu leben bedeutet anzuerkennen, dass unser ganzes Leben von Abschieden durchdrungen ist. Eine solche Lebenshaltung ermöglicht es, sich den Abschieden des eigenen Lebens bewusst zu stellen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, auf dass wir frei und offen werden für Neues.“ (Hrsg. Eckhard Frick und Konrad Hilpert, Spiritual Care von A bis Z, Berlin/Boston 2021, S. 1)

Diese Grundhaltung des „abschiedlichen Lebens“, wie sie Weischedel beschreibt, sollte in unserer Gesellschaft mehr Gewicht bekommen. Das würde sicher unsere Gesellschaft auch zum Positiven verändern, weil dahinter eine angemessenere Haltung dem Leben gegenüber steht. Für das Leben ist es wichtig, dass man sich bewusst macht, dass eben beides dazu gehört, Anfang und Ende. Und wer Abschiede akzeptiert, wer abschiedlich lebt, wird sich dann auch voll und ganz auf Neues einlassen können. Mit diesen Überlegungen möchte ich mich aus dem Autorenteam des Blogs „Himmelsleiter“ von Ihnen verabschieden, da ich in den Ruhestand gehe. Ich danke Ihnen sehr für Ihr Interesse an dem Blog und hoffe, dass Sie auch in Zukunft der „Himmelleiter“ gewogen bleiben. Es lohnt sich!

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9 Kommentare

  1. Lieber Herr Dr. Knapp,
    durch meine eigene „Abschiedlichkeit“ habe ich ja erst diese Himmelsleiter entdeckt. Sie lohnt sich wirklich sehr, erinnert, weckt Neugier auf mehr und Neues.

    In jedem Abschied (so interpretiere ich persönlich einige Sätze von Eberhard Jüngel) liegt „ Freiheit zur Freude am Leben“.
    Ihnen , lieber Herr Dr. Knapp, alles Liebe und Gute!
    Gisela Minz

  2. Lieber Herr Dr. Knapp,

    abschiedlich leben eröffnet über die Demut eine weitere Perspektive: Dankbarkeit. Dankbar habe ich Ihren Artikel zu ihrem persönlichen Abschied gelesen. Dankbar bin ich für Ihr Wirken als Dozent und Leiter der Akademie!

    Herzlich Ihr

    Heinrich Fucks

  3. Nicole Manns-Rodenbach

    Lieber Herr Dr. Knapp,
    auch wenn wir persönlich nicht die Gelegenheit hatten zusammen zu arbeiten, wünsche ich Ihnen für Ihren Ruhestand Gottes Segen und viele spannende neue Entdeckungen!
    Mit besten Grüßen, Nicole Manns-Rodenbach (Jugendreferat)

  4. Lieber Herr Dr. Knapp,

    „Der Abschied von einer langen und wichtigen Arbeit ist immer mehr traurig als erfreulich.“ (Friedrich Schiller)

    Zu Ihrem Eintritt in den Ruhestand wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute, Gesundheit, Zufriedenheit, Zeit für die schönen Dinge im Leben und viel Segen.

    Natalie Wilcke (Evangelische Emmaus Kirchengemeinde Düsseldorf)

  5. Bruno Schmidt-Späing

    Lieber Herr Knapp,

    jetzt kann ich nicht mehr an Ihrer Tür klopfen, wenn ich mal wieder in der Düsseldorf bin – eine Attraktion in der Stadt weniger.
    Was Sie immer alles wußten! Muß ich jetzt die Bücher und Artikel selber lesen, die Sie immer parat hatten? Und bei dem großen Reichtum an Gelehrsamkeit blieb immer Ihre bescheidene und feine Art völlig unbeschädigt und ermöglichte ein Gespräch auf Augenhöhe. Erlauben Sie, dass mir (und uns) Ihr Abschied traurig macht. Ich wünsche Ihnen einen anregenden Ruhestand, auch da gibt es Reichtümer zu entdecken!
    Glückauf in Essen! Ihr Bruno Schmidt-Späing
    P.S. Sie wissen, dass Essen eine S-Bahn nach Düsseldorf hat?

  6. Lieber Herr Dr. Knapp,
    ein schönes Abschiedsgeschenk haben Sie uns mit Ihren Text gemacht.
    Vielen Dank!
    Ich wünsche Ihnen viel Freude, Gesundheit und alles Gute in dem vor Ihnen liegenden Lebensabschnitt; und in allem Gottes Segen und Geleit!
    Herzliche Grüße, Stefan Kläs

  7. Lieber Herr Knapp,
    Ich danke Ihnen sehr für diese trostvollen Worte Ihres Abschieds-Blogs „Abschiedlich leben“. Ich bin bereit, sie in mein Fühlen und Denken aufzunehmen.
    Bleiben auch Sie wohlbehütet und abschiedlich gegrüsst von
    Ihrer
    Uta Strauven

  8. Elisabeth Schwab

    Lieber Herr Dr. Knapp,
    Sie hinterlassen viele Spuren in vielen Düsseldorfer Köpfen.
    Gott sei Dank, dass Sie hier waren und in der Stadtakademie so beharrlich vertiefte Bildung und theologisches Arbeiten gefördert haben.
    Seien Sie unserem treuen Gott befohlen!

    Abschiedlich grüßt von Herzen
    Ihre
    Elisabeth Schwab

  9. Liebe Kommentator:innen,
    für Ihre Reaktionen auf meinen Artikel „Abschiedlich leben“, Ihre freundlichen Grüße und guten Wünsche zu meinem Übergang in den Ruhestand danke ich Ihnen ganz herzlich – ich habe mich sehr darüber gefreut.
    Ihnen allen wünsche ich alles Gute und Gottes Segen
    Ihr
    Dietrich Knapp

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