Anmerkungen zum Freitod von Pfarrer Oskar Brüsewitz

Aus Anlass der Uraufführung der Orgel-Sinfonie Nr. II „Das Flammenzeichen in honorem Oskar Brüsewitz – ein Pfingststück“von Oscar Gottlieb Blarr – Mai 2019

von Superintendent Heinrich Fucks
Foto: Thomas Götz

Erinnerung

Oskar Brüsewitz, ich wusste nicht mehr genau, wer er war, eine blasse Erinnerung, eine Spur im Gedächtnis. In der Recherche und ersten Auseinandersetzung wurde es wieder klar: Die Meldung der Tagesschau zu seinem Tod war mir deutlich wieder im Gedächtnis und auch der Kontext in den ich seinen Tod und seine Tat einordnete. Am 20. August 1976 ging  die Meldung von der Tat Oskar Brüsewitz‘ damals durch den Äther. Er hatte sich selbst entflammt, wie Sie, Herr Prof. Blarr, es sorgfältig und achtsam formulieren. Der Kontext in den ich es einordnete: Zu meinen Kindheits- und Jugenderinnerungen  zählen auch jene Meldungen und Bilder von Selbstverbrennungen buddhistischer Mönche während des Vietnamkriegs und andernorts in Ostasien. Ebenso – dunkel – kam auch die Erinnerung an die Folgewirkungen zurück, die Auseinandersetzung um die Deutung und Bedeutung der Tat und des Todes von Oskar Brüsewitz.

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Das Flammenzeichen

„Das Flammenzeichen“ nennen Sie es, ein Flammenzeichen, das die SED mit brutalen Mitteln zu unterdrücken suchte. Ein Flammenzeichen, das die Kirchenleitungen und kirchlichen Kollegen und Kolleginnen erschrocken hat, zu dem sie dann aber auch stehen konnten. Das Flammenzeichen, ein Fanal wurde es in die Gesellschaft der DDR hinein, war es auch ein zündender Funke für die aufkommende Bürgerrechtsbewegung der DDR. Für die Kirche eine Erinnerung an die Bergpredigt: Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. (Mt 5,37)

Biographisches
Oskar Brüsewitz war es nicht in die Wiege gelegt, so zu enden wie es dann kam. Am 30. Mai 1929 im Memelland geboren, begann er in den Kriegswirren eine Lehre zum Kaufmann. Mit 15 wurde er ins Heer eingezogen. Ein Versuch der Desertion scheiterte. Er kam in russische Kriegsgefangenschaft und wurde Ende 1945 in den Osten Deutschlands entlassen, absolvierte eine Schusterlehre und heiratete seine erste Frau Therese Heinrichen. Sie ließen sich in der Nähe von Osnabrück nieder. Dort legte er die Meisterprüfung 1951 als jüngster deutscher Schustermeister ab. 1952 kommt seine erste Tochter Renate zur Welt. Dann zerbricht die Ehe 1954, und er geht in den Osten des Landes, um dort neu anzufangen.

Er ist gesundheitlich angeschlagen. Er braucht die Zuwendung vieler. Trost und Rat der christlichen Schwestern und Brüder findet er in der Leipziger Elim-Gemeinde.  Eine psychosomatische Erkrankung wird diagnostiziert und behandelt. In der Elim-Gemeinde findet er eine Freikirche, die seiner Glaubensvorstellung entspricht, in der er entdeckt, dass er missionarisch wirksam werden möchte und, dass sein Christentum ein Tatchristentum ist. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Christa Rohland, die er 1955 heiratet, lässt er sich 1956 nach der Erfahrung der Geisttaufe erneut taufen und bekennt sich zur Herrschaft Jesu Christi.

Nicht umsonst nehmen Sie, Prof. Blarr, ein Zitat aus der Offenbarung des Johannes (Off. 1, 17b.18) in Ihrem Werk auf, denn die Kontur seines Glaubens und seines christlichen Lebensstils ist nicht nur radikal, sie ist tatsächlich  apokalyptisch geprägt. Ein erster Versuch, in die Predigerschule Wittenberg zu gelangen, und sein missionarisches Wirken zum Beruf zu machen, scheitert. Später gelingt es in Erfurt. Obwohl er in seinem Schusterhandwerk mehr als erfolgreich ist, wenn auch als eigenständiger Schuster mit vielen Angestellten immer auch im Fokus der SED, wählt er seinen Weg.

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Seelsorge, Organisation kreativer Aktionen, das sind seine Dinge, keine theologischen Diskussionen, die eher nicht. Als er nach Rippicha, einer Gemeinde in Sachsen-Anhalt, kommt, stellt er sich vor, indem er Gemeindehaus und Kirche renoviert. Das ist das Eintrittsbillet ins Pfarramt. Dort wirkt er vom Ende der 60er Jahre bis in die 70er  – nicht unauffällig. Man kann ihn als einen Menschen erkennen, der es anderen nicht immer leicht macht, der auch für seine Kollegen und Mitwirkenden nicht immer einfach ist. Das erleben auch SED und Volkspolizei. Auf seine Kirche setzt er ein Neonleuchtenkreuz, das nachts weit ins Land hineinstrahlt. Zum 25jährigen Jubiläum der DDR, das mit einer der dort üblichen Losungen kundgetan wird, stellt er gegenüber dieser Losung ein Schild auf: „2.000 Jahre Kirche Jesu Christi“. Ein ökumenischer Kirchentag, den er nicht anmeldet, bringt ihm eine Strafe über 700 Mark ein. Seine Kolleginnen und Kollegen legen zusammen und unterstützen ihn, die Strafe zu bezahlen. Er gerät in den Fokus der SED-Behörden. Es wird nicht unbedingt ernst, aber unangenehm, und so kommt 1975 von der Kirchenleitung der Rat, doch in eine andere Gemeinde zu wechseln und dort anzufangen, neu, unauffälliger, denn „Kirche im Sozialismus“ war nicht mehr durch Konfrontation geprägt.

Das Zeichen
Einen Menschen mit einem apokalyptischen Verständnis seiner Zeit, mit einer radikalen Jesustreue, den traf das nicht so, wie erwartet. Obwohl er zugesagt hatte, diesen Wechsel zu vollziehen, ist wohl in dieser Zeit die Saat gelegt, sich selbst als Zeuge Jesu Christi zu deuten, vielleicht sogar als Blutzeuge. Man weiß, dass ihn eine Bonhoeffer-Biographie sehr beeindruckt hat. Bonhoeffer deutet seinen Widerstand als eine freiwillige Schuldannahme, die er aus seinem Glauben und aus einem als Gebot empfundenen Anruf und Aufruf Gottes übernommen hat. Ein Buch über Blutzeugen im Nationalsozialismus, das sich in seinem Besitz befindet, scheint das zu unterstreichen. Er bereitet seine Selbstentflammung vor. Schreibt zwei Abschiedsbriefe, einen an den Pfarrkonvent und einen an seine Tochter Esther. In diesem Brief schreibt er: „Ich habe mich lange durchgerungen und bin auch nun froh darüber für meinen König und Feldmarschall in dieser scheinbar so friedlichen Welt ein Zeichen aufzurichten. Über mich sollt ihr nicht trauern, denn nun soll ich den schauen, den ich sehr geliebt habe.“ Am 18. August fährt er mit seinem Talar bekleidet in die größere Stadt Zeitz, positioniert beschriftete Kartons, die sein Handeln deuten, begießt sich mit Benzin und entzündet sich. Die Flammen können gelöscht werden, doch mehr als 80% seiner Haut sind verbrannt. Er stirbt am 22. August. Obwohl er noch ansprechbar war und sich auch äußern konnte, wurden weder seine Familie noch seine Kirchenleitung zu ihm vorgelassen. Auf den Kartons, die hinterher natürlich verschwunden waren, soll gestanden haben: „Funkspruch an alle: Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an wegen Unterdrückung an Schulen, an Kindern und Jugendlichen.“

Deutungen
Auch im Westen die große Frage, wie ist diese Tat zu deuten. Ein Martyrium? Eine kleinteilige Diskussion wurde um die Frage geführt: Ist Oskar Brüsewitz denn richtig verfolgt worden? Das konnte man so sicher nicht sagen.
Obwohl mit dieser Tat die Konfrontation zwischen Kirche und Staat in der DDR ganz erheblich zugenommen hat, hat die sachsen-anhaltinische Kirche solche Diskussion vermieden. Ich weiß nicht, ob Oskar Brüsewitz je daran gedacht hat, wie man sein Handeln theologisch deuten könnte. Oscar Gottlieb Blarr deutet es in seiner Orgel-Sinfonie Nr. II, als ein Werk des Heiligen Geistes und ordnet Oskar Brüsewitz direkt neben Dietrich Bonhoeffer. Das lässt mich eine biblische Deutung wagen. Seine Tat kann als eine Art prophetische Zeichenhandlung verstanden werden. Wie der Prophet Jesaja drei Jahre nackt durch Israel gelaufen sein soll, um Israel zu warnen und eine andere Geschichte in Gang zu bringen (Jes 20), wie Jeremia den Krug zerschlägt, um Gottes Handeln herauf zu führen (Jer 19) und später einen Acker zukauft, um Hoffnung zu stiften (Jer 32) – so diese Selbsttötung. Blarr betont sehr deutlich, dass ihm der Begriff der Selbstverbrennung überhaupt nichtzutreffend scheint. So besser: eine Sache in Gang zu bringen, einen falschen Frieden zu stören und seinem Christus den Weg zu bereiten. Aber Selbsttötung in Gottes Namen, geht das nicht zu weit?

Ich weiß nicht, ob Oskar Brüsewitz Dietrich Bonhoeffers „Fragmente zur Ethik“ kannte. Darin ist ein Abschnitt über den Selbstmord[1]. Bonhoeffer betont sehr eindrücklich das Recht des Menschen auf die Selbsttötung. Ein Recht, das dem Menschen erst dann verlustig geht, wenn er sich coram deo, also unter dem Willen Gottes, sich eingefügt in die Geschichte mit Gott erkennt. Wenn er im Glauben darauf hofft, dass Gott sein Ende bestimmt, und nicht er als Mensch. Es gibt aber eine Ausnahme auch für Christenmenschen, über die Bonhoeffer und seine Freunde sehr genau nachgedacht haben, und die einige auch praktiziert haben. Jochen Klepper hat sich, um der Verhaftung seiner Frau und ihrer Ermordung zu entgehen, gemeinsam mit seiner Frau getötet. Bonhoeffer erkennt fast eine Pflicht zum Selbstmord, wenn der Selbstmord ein Opfer ist, mit dem man größeren Schaden verhindern kann – und steht damit in einer Tradition in der Kirchengeschichte. Die Verschwörer gegen Hitler haben natürlich darüber nachgedacht, um nicht unter der Folter Namen und Planungen preiszugeben. In der neuesten Ausgabe von Bonhoeffers Ethik-Fragmenten gibt es einen Verweis auf eine Grundlage seiner Überlegung, der ich leider nicht nachgehen konnte, dass die alte Kirche die Selbsttötung sogar als eine von Gott gewollte Tat ansehen konnte[2]. Oskar Brüsewitz, dem Gebot Gottes folgend?!

 „Das Flammenzeichen in honorem Oskar Brüsewitz – ein Pfingststück“.  Ein ehrendes Gedenken für einen Zeugen des christlichen Glaubens, der vielen Christenmenschen gleich, ein Leben in Brechungen und Fragmentierungen führte, der getragen in seinem Glauben und sich von Gott zu Taten bestimmt sah, die über ihn hinaus gegangen sind.

In der vergangenen Woche war ich bei einer kleinen Tagung, die dem Verhältnis von Christologie und Ekklesiologie – von Jesus Christus zur Kirche – gewidmet war. Eine der Einsichten: die Kirche vermag es immer wieder, den großen Christus, der in seiner Vielgestaltigkeit und in seiner Kraft alles Menschliche übersteigt, gekonnt einzuhegen, damit er so nicht zu gefährlich wird. Zum Beispiel: Für einen Rheinländer im Bild des Tabernakels, in das man Jesus Christus sicher wegschließen kann. Bei uns Protestanten, habe ich gelegentlich den Eindruck, dass wir ihn in durch Glaubensformeln eingehegt bekommen. Der Heilige Geist aber, der bricht Christus Bahn auch durch Lebensgeschichten hindurch und an dieser Stelle auch in einer Weise, die für mich letztlich nicht ganz verständlich wird.

Die Orgel-Sinfonie Nr. II „Das Flammenzeichen in honorem Oskar Brüsewitz – ein Pfingststück“, entspricht nicht ganz klassischen Harmonielehren. Wie sollte es auch bei dieser Biografie? Wie sollte es auch bei Gottes Gegenwart in einer Zeit wie der damaligen? Rückgrat hat Oskar Brüsewitz bewiesen, genau wie Dietrich Bonhoeffer, das ist es das, was Oscar Gottlieb Blarr imponiert und zu seiner Sinfonie bewegt hat..


[1] Dietrich Bonhoeffer, Ethik.München 1992, S. 192ff

[2] Ebenda S. 197 Anm. 101

Foto: tz.-wikimedia_commons.jpg

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