Antisemitismus heute

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens

Mein Gesprächspartner, Dr. Michael Kiefer wurde im März 2021 auf die neue Professur für „Soziale Arbeit und Migration mit dem Schwerpunkt muslimische Wohlfahrtspflege“ an der Universität Osnabrück berufen. Er arbeitete viele Jahre bei einem Düsseldorfer Jugendhilfeträger, der AGB e.V. Ehrenamtlich ist er Personalkirchmeister im Presbyterium der Lutherkirchengemeinde und gehört als stellvertretendes Mitglied dem Kreissynodalvorstand an. An der Stadtakademie hat er am 7.3.2006 und am 12.2.2019 zum Themenkomplex Antisemitismus und Islam referiert.

Prof. Dr. Michael Kiefer Foto: Thomas Götz

Gerrens: Lieber Herr Kiefer, Sie beschäftigen sich seit viele Jahren mit dem Themenbereich Islam und Antisemitismus. Hat Sie die Intensität überrascht, mit der sich antisemitische Hetze in den letzten Wochen verbreitete?

Kiefer: Nein, dies hat mich nicht überrascht. Wir erleben seit dem Jahr 2000, mit dem Beginn der Al-Aqsa-Intifada, in Deutschland immer wieder antisemitische Mobilisierungen, die sich stets dann verstärken, wenn in Gaza und Israel Konflikte eskalieren. Da kann man schon von einem Muster sprechen. Vor allem die Sozialen Medien wirken hier als Verstärker.

Gerrens: Antisemitismus ist keine Spezialität muslimisch geprägter Gesellschaften. Gerade in Deutschland kann man das nicht häufig genug sagen. Dennoch lässt sich kaum bestreiten, dass uns jetzt neben dem „einheimischen“ auch ein mit der Migration „importierter“ Antisemitismus begegnet. In den sozialen Medien der letzten Wochen wurde viel über die Frage der Gewichtung diskutiert: Wie viel davon ist „alt“, wieviel „neu“? „Wieviel „heimisch“, wie viel „importiert“? Ist die These richtig, dass Deutschland aus seiner furchtbaren antisemitischen Vergangenheit in der Nachkriegszeit gelernt hat bis die Migration diese Erfolge wieder zunichtemachte?

Kiefer: Unstrittig ist, dass der Antisemitismus in vielen arabischen Staaten und der Türkei ein großes Problem darstellt. So können wir z.B. in Syrien oder Ägypten seit sechs Dekaden eine antisemitische Propaganda beobachten, die Israel dämonisiert. Unterlegt ist das Ganze mit Verschwörungsanwürfen. Die Importthese ist jedoch nicht ganz richtig. Werfen wir einen Blick in die alte Charta der HAMAS aus den 80iger Jahren des 20. Jahrhunderts. Hier ist explizit auf die „Protokolle der Weisen von Zion“ verwiesen. Diese haben mit dem Islam nichts zu tun. Sie stammen aus den Arsenalen des europäischen Antisemitismus. Bekannt wurden die „Protokolle“ im Ägypten der 50iger Jahre. Übrigens waren an der Verbreitung auch deutsche NS-Schergen beteiligt, dies sich nach dem Krieg in Ägypten und Syrien niederließen. Berüchtigt ist vor allem Johann von Leers. Er wurde von dem Großmufti Amin al- Husseini nach Ägypten geholt. Leers gilt als einer der umtriebigsten antisemitischen NS-Propagandaspezialisten. Angesicht dieser Fakten müsste man eher von einem Reimport sprechen.

Gerrens: Wer in den letzten Wochen Israel-Fahnen verbrannt hat, verstieß gegen § 104 des Strafgesetzbuches (Verbrennen ausländischer Fahnen). Das erklärt vielleicht, warum das oft nachts und im Verborgenen geschah. Dennoch gab es Hetze auch auf offener Straße, in den sozialen Medien und sonstwo. Unter dem wissenschaftlichen Vorbehalt, dass Aussagen über unbekannte Täter:innen fragwürdig bleiben: Welche muslimischen Gruppen betrieben in den vergangenen Wochen den Antisemitismus besonders aggressiv und woher beziehen sie ihre Motivation? Stehen diese politisch eher dem Regime im Iran nahe oder der palästinensische Hamas? Sind es türkische Rechtsradikale (graue Wölfe), Palästinenser:innen und deren Nachfahren (unter denen es viele Christ:innen gibt) oder eher Salafist:innen mit Maghreb-Hintergrund?

Kiefer: Offenkundig war hier ein breites Bündnis tätig. Neben „Grauen Wölfen“ waren Anhänger der HAMAS und Hizbollah aktiv. Aber nicht alle sind organisiert. Auffällig war, dass sehr viele junge Menschen demonstrierten. Darunter auch Kinder, die vielleicht zwölf Jahre alt sind. Das muss uns Sorgen bereiten, denn offenkundig funktioniert unsere Antisemitismusprävention in diesen Milieus nicht.

Gerrens: Kann man bei Antisemitismus in muslimischem Kontext religiöse und nationale/nationalistische (also antizionistische) Motivation auseinanderklambüstern? Ist eins davon primär und das andere sekundär?

Kiefer: Das ist schwer möglich. Die Narrative vermischen verschiedene Dinge. Von den Ritualmordbeschuldigungen, die ursprünglich ja aus dem christlichen Kulturraum kommen, den bereits erwähnten Verschwörungsmythen, die dem modernen europäischen Antisemitismus zuzuordnen sind, bis hin zu Erzählungen aus Hadith und Koran – all dies kommt vor.

Gerrens: Zum Vergleich: Wie war das beim „alten“ Antisemitismus in christlichem Kontext. Konnte man dort religiöse und deutsch-nationale (nationalistische) Motive auseinanderklambüstern? Welche Rolle spielte der Rassismus im engeren Sinne, also nationalsozialistische und verwandte „Rassenlehren“?

Kiefer: Wie bereits gesagt, der Antisemitismus heute ist ein „flexibler Code“, der in verschiedene kulturelle und religiöse Kontexte eingebunden werden kann. Meines Erachtens ist es nicht möglich, hier klar zwischen Phänomenen zu unterscheiden.

Gerrens: In Ihrem Buch von 2017 (siehe unten im Literaturverzeichnis) haben Sie die bisher in der Antisemitismusbekämpfung vorhandenen Formate der Schule und Jugendhilfe als nicht ausreichend bewertet. Sehen Sie sich in diesem Urteil bestätigt?

Kiefer: leider ja! Die Schule ist der mit Abstand wichtigste Präventionsort. Hier erreichen wir alle jungen Menschen zwischen 6 und 18 Jahren. Obwohl wir seit vielen Jahren Antisemitismus in migrantischen Milieus beobachten können, sind immer noch keine angemessenen und wirksamen Konzepte da. Die schulische Thematisierung des Antisemitismus endet häufig mit 1945. Unterrichtsmaterialien, die den Nahost-Konflikt kritische reflektieren, gibt es kaum. Auch die Lehrkraftausbildung weist hier Leerstellen auf. Hier muss endlich etwas unternommen werden.

Gerrens: Was sollten die Kirchen, was die Moscheegemeinden tun?

Kiefer: Vor allem die Moscheegemeinden müssen diese Themen in der gemeindlichen Arbeit, insbesondere in der Kinder-und Jugendarbeit, ansprechen und immer wieder behandeln. Hier geschieht noch zu wenig. Auch wären Kooperationen mit jüdischen Gemeinden sicherlich sinnvoll.

Gerrens: Spielt der Antisemitismus ihrer Meinung nach in der gegenwärtigen deutschen Außenpolitik, insbesondere in der Nahostpolitik eine Rolle? Ihrer Analyse nach entstand in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ein sekundärer Antisemitismus durch Schuldabwehr, der immer wieder behauptete, „die Juden“ und Israel instrumentalisierten den Holocaust, um systematisch Schuldgefühle auszulösen. Ich habe allerdings auch schon die gegenteilige These gelesen, wonach Schuldabwehr in der deutschen Nahostpolitik zu einer unkritischen Bejahung auch problematischer israelischer Regierungspositionen geführt habe. Das wurde „Philo-Zionismus“ genannt. Wie sehen Sie das?

Kiefer: In der Tat gibt es in Deutschland einen schuldabwehrenden Antisemitismus. „Philo- Zionismus“ ist ein merkwürdiges Wort. Deutschland, die Menschen die hier leben, befinden sich in einer besonderen historischen Verantwortung. Und leider kommt Antisemitismus häufig als „Israelkritik“ vor. Letztlich spricht man Israel das Existenzrecht ab und dämonisiert die israelischen Streitkräfte und wendet doppelte Standards an. Das ist für mich Antisemitismus, der bekämpft werden muss. Mit der deutschen Außenpolitik habe ich mich nicht befasst. Hier kann ich wenig sagen.

Gerrens: Dreiecksbeziehungen scheitern in der Regel daran, dass sie zwei gegen eins enden. Weder aus der Kombination zwei Männer und eine Frau, noch aus der Kombination zwei Frauen und ein Mann sind mir nachhaltig stabile Beispiele bekannt. Was folgt daraus für die Dreiecksbeziehung zwischen Judentum, Christentum und Islam?

Kiefer: Das ist in der Tat immer eine schwierige Frage. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch der christliche Antisemitismus nie ganz verschwunden war. Zunächst sollten wir jeweils unsere eigene Geschichte und unser gegenwärtiges Handeln kritisch reflektieren. Von großer Bedeutung sind eine kontinuierliche Begegnungsarbeit und gemeindliche Kooperationen, die eine Grundlage dafür schaffen können auch schwierige Dinge zu thematisieren. Hier ist auch Luft nach oben.

Gerrens: Vielen Dank, Herr Kiefer, für das Interview.

Literatur:

Michael Kiefer, Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften: der Palästina-Konflikt und der Transfer eines Feindbildes, Düsseldorf 2002.

Michael Kiefer, Antisemitismus und Migration, Bausteine 5, Berlin 2017, online: https://www.schule-ohne-rassismus.org/wp-content/uploads/2020/03/Baustein-5-Antisemitismus-Migration-web.pdf

Kürzere, online zugängliche Aufsätze zum Themenkomplex unter http://www.kiefer-michael.de/index.html

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