Arabische Buchstaben am Denkmalssockel – „Unser Kronprinz in Kaiserswerth“

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens

Wer in Kaiserswerth das Gelände der Diakonie betritt, vom Haupteingang kommend links ums Mutterhaushotel herum, rechts in die Geschwister-Aufricht-Straße einbiegt, sieht rechts kurz hinter Haus Nummer 3 (Fliedner-Fachhochschule) das Kronprinzendenkmal stehen. Ganz unten steht links in lateinischen Buchstaben „Jerusalem Ahubbuka“, in der Mitte eine arabische Kalligraphie, die ich als Ūršalīm al-Quds zu entziffern meine (die Langform des arabischen Wortes für Jerusalem), und auf der rechten Seite „6. November 1869“, sowie „Ich liebe Dich“, die Übersetzung von „Ahubbuka“.

Foto: Uwe Gerrens

Wer liebte wen warum und in welcher Weise? Das Datum erinnert an einen Jerusalembesuch von Kronprinz Friedrich Wilhelms von Preußen, später, 99 Tage des Jahres 1888, als Friedrich III deutscher Kaiser und preußischer König. Dieser Kronprinz liebte Jerusalem fast so sehr wie zuvor schon sein Onkel Friedrich-Wilhelm IV, der „Romantiker auf dem Thron“. Doch im Unterschied zum Onkel kam er auch hin. 1869 fiel ihm als Kronprinzen die Aufgabe zu, Preußen bei den Eröffnungsfeierlichkeiten des Suezkanals zu vertreten, denn dorthin reisten die meisten gekrönten Häupter Europas, 6000 ausländische, 20000 inländische Gäste, 500 Köche und 1000 „Bedienungen“. Der Kronprinz konnte seinem Vater, dem späteren Kaiser Wilhelm I., die Erlaubnis abtrotzen, auf der Schiffsreise dorthin Jerusalem besuchen zu dürfen, ein nicht ganz kleiner Umweg. Dazu benötigte man die Erlaubnis des Landesherrn, des osmanischen Sultans. Dem Sultan lag an einem guten Draht, weil Preußen bis dato keinerlei kolonialen Ambitionen hatte (und bei etwaigen Auseinandersetzungen mit Kolonialmächten möglicherweise hilfreich sein konnte). Auch freute man sich in Istanbul, dass Preußen beim Krieg von 1866 endlich Habsburg geschlagen hatte. Damals garnierte Russland seinen Vormachtsanspruch im Nahen Osten, indem es sich zur Schutzmacht der griechisch-orthodoxen Christen erklärte. Frankreich und Österreich entdeckten, ebenfalls nicht ganz uneigennützig, ihr Herz für die dortigen Katholiken. Da kamen den Osmanen Protestanten als Gegengewicht gut zu passe. Schon 1841 hatte man den Königen Friedrich-Wilhelm IV. von Preußen und William IV von England (in Personalunion König von Hannover) die Errichtung eines gemeinsamen preußisch-britischen Bistums in Jerusalem gestattet. Es ging um das symbolische protestantische Gegengewicht, auch wenn dem Bischof die Gemeinde noch weitgehend fehlte. Das Symbol zählte. Die bis heute (in der Nähe des Jaffa-Tores gelegene) Christuskirche hat eher die Größe einer Kapelle; aber Gemeindeglieder gab es zunächst auch fast keine.

Der Kronprinz reiste 1869 mit dem Schiff nach Jaffa und ritt mit seinem Trupp von dort durch die Berge nach Jerusalem. Die Stadttore waren so niedrig, dass er vom Pferd steigen musste (zwei Jahrzehnte später empfand Kaiser Wilhelm II. das als Zumutung, weshalb man ihm ein Loch in die Mauer schlug, das heutige „Neue Tor“).

Durchgang vom Muristan ins armenische Viertel Jerusalems, oben der Preußische Adler, Bildrechte: Wikimedia Creative Commons, Posi66.

Auf einem Bild des Malers Friedrich Gentz in der Berliner Nationalgalerie sieht man den Kronprinzen hoch zu Ross auf einem Schimmel sich der Stadt nähernd, während die begeisterten Orientalen sich ehrfurchtsvoll verneigen. Das Bild wurde sieben Jahre nach den Ereignissen als Auftragswerk fertiggestellt. Gentz war zwar nicht dabei, reiste aber für das Bild 1873 nach Jerusalem, nahm die Topographie in Augenschein und fertigte Skizzen desjenigen Ortes an, der ihm am dekorativsten zu sein schien. Nach Deutschland zurückgekehrt, malte er in Öl und setzte nachträglich die Menschen hinein, darunter, ganz rechts im Bild, sich selbst. Nach dem Krieg von 1870/71 und der Proklamation des Deutschen Kaiserreiches skizzierte er hiermit nachträglich den deutschen Machtanspruch, mit den Worten des einflußreichen Kunstkritikers Adolf Rosenberg (1881): “Es ist die erste bildliche Darstellung der sieghaften Macht, die das neuerstarkte Deutschland über Orient und Occident damals zu gewinnen anfing“.

Friedrich Gentz, Einzug des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen in Jerusalem, Foto: Nationalgalerie Berlin, Fotografin: Andres Kilger, Copyright CC By-No-Sa

1869, bei seinem Besuch in Jerusalem, nahm der Kronprinz ein lange begehrtes Geschenk in Augenschein, das der Sultan ihm gemacht hatte: Ein Gelände in der Jerusalemer Altstadt („Muristan“), das zwar hochgradig ruinös war, doch die Reste eines mittelalterlichen Johanniter-Hospizes und der dazugehörigen Kirche fasste, unmittelbar südlich der Grabeskirche gelegen. Der Johanniter-Orden, überwiegend adlige preußische Protestanten, sah sich in der Tradition dieser mittelalterlichen Ritter. Der Kronprinz stellte eine preußische Fahne in den Ruinen des Hospizes und schrieb seinem Vater noch am selben Tag: „Eurer Königlichen Majestät beehre ich mich allerunterthänigst zu berichten, dass ich heute hier von demjenigen Platze feierlich Besitz genommen habe, welchen Eure Majestät zum Aufbau einer protestantischen Kirche zu erlangen wünschten, und welchen der Sultan zu diesem Zweck Eurer Majestät geschenkt hat.“

Der Bau der späteren Erlöserkirche zog sich noch einige Jahrzehnte hin. Zur Einweihung 1998 reiste Kaiser Wilhelm II persönlich an.

Doch wer liebte nun wen? 1869 besuchte der Kronprinz die wenigen deutschen Einrichtungen im Heiligen Land. Die größte Gruppe Deutscher bestand aus württembergischen Pietisten, die ein „Syrisches Waisenhaus“ im damals unbebauten Bereich westlich der Jerusalemer Altstadt errichtet hatten (ihr Architekt Conrad Schick erbaute wesentliche Teile des heute vor allem von Orthodoxen bewohnten Stadtteils Mea Shearim). Um einen Besuch kam der Kronprinz nicht herum, auch wenn ihm die württembergischen Separatisten (sog. Templer) weder in politischer, noch in religiöser Sicht ganz recht gewesen sein dürften. Vergleichsweise ausführlich hielt er sich bei Kaiserwerther Diakonissen auf, die in Beit Jala (etwa 12 km südlich von Jerusalem) eine heute noch existierende Mädchenschule (Talitha Kumi) unterhielten und in der neuen Jerusalemer Neustadt ein (damals noch sehr kleines) Krankenhaus betrieben. Bei dieser Gelegenheit soll er ein „krankes braunes Mädchen von drei Jahren“ mit „schönen dunklen Augen, aber überaus leidendem Aussehen“ geherzt und gestreichelt haben; da flog „ein glückliches Lächeln über die Züge des kranken Kindes“ und es stammelte in seiner Muttersprache „Ahubbuka“.

Fünfzehn Jahre später, am 21 September 1884, besuchte der Kronprinz die Kaiserswerther Anstalten. Wieder nahm er ein krankes Kind auf Arm, den vierjährigen Wilhelm Kroll (sein Name ist überliefert), das Kind soll mit der Hand am Orden auf der Brust des Kronprinzen gespielt haben (auf dem Denkmal ist diese Szene nur in vornehmer Zurückhaltung dargestellt), doch soll der Kronprinz diesen ungehörigen Impuls eines unwissenden Kindes freundlich hingenommen haben. An die gern gepflegte Anekdote erinnerte man sich nach dem Tod des 99-Tage-Kaisers. So kam auf den unteren Sockel ein zweiter mit der Inschrift „Unser Kronprinz in Kaiserswerth am 21.September 1884“ und ganz oben Friedrich Wilhelm von Preußen mit dem vierjährigen Wilhelm Kroll. Das Standbild schuf der Bildhauer Paul Disselhoff, ein Sohn des damaligen Direktors der Diakonissenanstalt.

Ein wenig erstaunt beim Thema Jerusalem das Fehlen hebräischer Buchstaben am Denkmalssockel. Der Zionismus war gerade erfunden worden (vgl. „Rom und Jerusalem“ von Moses Hess 1862); vielleicht hat man das in Kaiserswerth noch nicht wahrgenommen. In Deutschland gab nur so wenige Zionisten, dass man sie sicherlich leicht übersehen konnte. In Jerusalem hingegen stellte der jüdische Bevölkerungsteil im neunzehnten Jahrhundert schon die Mehrheit der Bevölkerung; es verwundert, wie viele westeuropäische Reiseberichte jener Zeit sie kaum erwähnen.

Ich ende mit einem Gedicht Frank Wedekings, der in der Münchner satirischen Zeitschrift Simplicissimus die Jerusalem-Reise Wilhhelms II von 1899 komentierte. Wedekind läßt König David zur Harfe singen:

„Willkommen Fürst, in meines Landes Grenzen,
willkommen mit dem holden Ehgemahl.
Mit Geistlichkeit, Lakaien, Excellenzen
und Polizeibeamten ohne Zahl.  
Es freuen rings sich die histor’schen Orte
seit Wochen schon auf deine Worte,
und es vergrößert ihre Sehnsuchtspein
Der große Wunsch, photographiert zu sein.
So sei uns denn noch einmal hochwillkommen
und laß Dir unsre tieffste Ehrfurcht weih‘n,
Der du die Schmach vom heilgen Land genommen
von dir bisher noch nicht besucht zu sein.
Mit Stolz erfüllst du Millionen Christen;
Wie wird von nun an Golgatha sich brüsten,
das einst vernahm das letzte Wort vom Kreuz
und heute nun das erste deinerseits.

Der empörte Aufschrei des kaisertreuen Deutschlands führte nicht nur zur Beschlagnahmung dieser Nummer des Simplizissimus, sondern brachten dem Zeichner der Karikaturen und Frank Wedekind selber sieben Monate Festungshaft wegen Majestätsbeleidigung und Verunglimpfung der Orientreise des Kaisers ein.

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