Arbeitsmigrant:innen vor 150 Jahren:

„Ruhrpolen“ und „Ruhrmasuren“

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens

„In rein ländlicher Gegend, umgeben von Feldern, Wiesen und Wäldern, den Vorbedingungen guter Luft, liegt ganz wie ein masurisches Dorf, abseits vom großen Getriebe des westfälischen Industriegebietes, eine reizende, ganz neu erbaute Kolonie der Zeche Victor bei Rauxel. Diese Kolonie besteht vorläufig aus 40 Häusern und soll später auf etwa 65 Häuser erweitert werden. In jedem Hause sind nur 4 Wohnungen, 2 oben, 2 unten. Zu jeder Wohnung gehören etwa 3 oder 4 Zimmer. Die Decken sind 3 Meter hoch, die Länge bzw. Breite des Fußbodens beträgt über 3 Meter. Jedes Zimmer, sowohl oben, als auch unten, ist schön, hoch und luftig, wie man sie in den Städten des Industriegebietes kaum findet. Zu jeder Wohnung gehört ein sehr guter, hoher und trockener Keller, so daß sich die eingelagerten Früchte, Kartoffeln usw. dort sehr gut erhalten werden. Ferner gehört dazu ein geräumiger Stall, wo sich jeder sein Schwein, seine Ziege oder seine Hühner halten kann. So braucht der Arbeiter nicht jedes Pfund Fleisch oder seinen Liter Milch zu kaufen.“

Mit diesen Worten warb die Zeche Victor bei Castorp-Rauxel im Jahr 1908 im ostpreußischen Masuren Arbeiter an. Man lockte mit dem Versprechen geräumiger Arbeiterwohnungen, eines Acht-Stunden-Tages (statt Zehn-Stunden-Tagen in den Kohlerevieren Oberschlesiens) vergleichsweise hohen Löhnen und der sauberen Luft im ländlich geprägten Castorp-Rauxel. Auch wenn man selbstverständlich an der Sechs-Tage-Woche festhielt, Ein- und Ausfahrt in die Grube (meistens je eine Stunde) und der Arbeitsweg (oft 10 bis 20 km täglich zu Fuß) nicht mitgerechnet wurden, handelte es sich um vergleichsweise verlockende Arbeitsbedingungen. Allerdings konnte die entstehende Zechenlandschaft, was die Schönheit der Natur anging, mit der masurischen Seenplatte nicht ganz mithalten. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1870/71 wurde aus dem Ruhrgebiet die führende deutsche Industrieregion. Bei den angeworbenen Arbeitern aus den Provinzen Schlesien oder Posen handelte es sich überwiegend um polnisch sprechende Katholiken, bei den Arbeitern aus Ostpreußen überwiegend um masurisch sprechende Protestanten. Den „Ruhrpolen“ (einen polnischen Staat gab es nach drei Teilungen nicht mehr), erwuchs das nationalpolnische Interesse oft erst in der Fremde (beschleunigt durch die antipolnische Gesetzgebung Bismarcks); sie galten den preußischen Polizeibehörden als national unzuverlässig. Die „Ruhrmasuren“ hingegen stammten aus einer Region, die schon vor den polnischen Teilungen zum damaligen Herzogtum Preußen gehört hatte. Ob es sich beim Masurischen um eine eigenständige slawische Sprache oder um einen polnischen Dialekt handelt, stritten die Linguisten nicht immer frei von nationalistischen Untertönen und streiten zum Teil bis heute. Zeitgenössische Quellen rechnen die Masuren mal zu den Polen und mal nicht. Ähnliches gilt für die noch kleinere Minderheit der Kaschuben, die in Westpreußen lebten, überwiegend katholisch. Daneben bestand außerdem eine litauische Minderheit im nordöstlichen Teil Ostpreußens, überwiegend protestantisch.

Quelle: Theodor Lepner, Der Preusche Littauer, oder Vorstellung der Nahmens-Herleitung, Kind-Tauffen, Hochzeit…, Danzig: bey J. Meinrich-Ruedigern, 1744, 152p

Zunächst sollten die aus dem Osten angeworbenen Arbeiter nur vorübergehend ins Ruhrgebiet ziehen (noch 1890 gab es doppelt so viele Männer wie Frauen); erst allmählich zogen Frauen nach und wurden Familien gegründet. Die Männer fanden ihre zukünftige Ehepartnerin (innerhalb weniger Tage) auf der Heimreise; auch wurden viele Ehen von Verwandten arrangiert. Zeitgenössischen Quellen zufolge lernten die Männer auf ihren Schichten unter Tage deutsch nur langsam und fehlerhaft, doch immer noch schneller als die Frauen, die oft untereinander blieben und mit ihren Freundinnen, manchmal sogar beim Einkaufen polnisch oder masurisch sprachen. Problemlos lernte es erst die Kinder in der Schule. Sprachkurse gab es nicht.

1912 machten die polnischen und masurischen Arbeitsmigranten in der Provinz Westfalen 15,5 % der Bevölkerung aus, mit den rheinischen zusammen handelte es sich um etwa 3 Millionen Menschen. In einigen Stadtteilen Bottrops und Gelsenkirchens stellten sie die Mehrheit. Im Regierungsbezirk Düsseldorf verzeichnete die amtliche Statistik zwischen 1890 und 1915 einen Anstieg der „Polen“ von 4672 auf 45623, also etwa eine Verzehnfachung in 25 Jahren.

Mit dem ökonomischen Zusammenbruch des Ruhrgebiets nach dem Ende des Ersten Weltkrieg zog etwa ein Drittel der polnischen Familien zurück in den neugegründeten polnischen Staat, ein Drittel zog weiter in die nordfranzösischen Kohlereviere von Lens und Lille und wurde dort oft als „Deutsche“ und „Preußen“ beschimpft, schließlich hatten sie im Ersten Weltkrieg auf Seiten des Deutschen Reiches gekämpft. Etwa ein Drittel blieb in der neuen Heimat. Bis heute erinnern viele Nachnamen im Ruhrgebiet an polnische Vorfahren. Daran kam auch der „Tatort“ nicht vorbei, der Götz George als „Schimanski“ einen polnischen Nachnamen andichtete, damit der in Berlin geborene Schauspieler zu einem Duisburger werden konnte.

Die Mehrheit der „Ruhrmasuren“ kehrte nicht nach Ostpreußen zurück, sondern blieb nach 1918 im Ruhrgebiet und assimilierte sich.

Teil I: Die katholischen „Ruhrpolen“ und ihre muttersprachliche Religionsausübung

Auf das Konzil von Konstantinopel (381 n.Chr.) geht der Grundsatz zurück, dass es innerhalb einer Diözese nur einen rechtmäßigen Bischof geben kann, und der ungeachtet ihrer jeweiligen Sprache für sämtliche Gläubige seiner Diözese zuständig ist. Dieser Vorgabe nach waren nicht die polnischen Bischöfe, sondern die von Köln, Münster oder Paderborn für die Ruhrpolen zuständig. Der für Düsseldorf zuständige Erzbischof von Köln beauftragte die Franziskaner im Osten der Stadt mit der Polenseelsorge. Leider verbrannte das Archiv der Franziskaner im Zweiten Weltkrieg mit ihrer Kirche, so dass wir nur wenig wissen. 1875, im Kulturkampf, dem Konflikt zwischen dem Deutschen Reich und der Katholischen Kirche, wurden die Klostergenossenschaften staatlich aufgelöst und die Franziskaner aus der Stadt vertrieben. Sie kehrten 1887 zurück. 1900 kündigten sie ihren Vertrag über die Polenseelsorge mit dem Erzbischof von Köln, weil das ihre personellen Möglichkeiten überstieg und sie der Auffassung waren, das Erzbistum müsste sich intensiver kümmern.

Auch in der Zeit der Vertreibung der Franziskaner existierten in Düsseldorf „Polenvereine“ nach bürgerlichem Vereinsrecht, katholische Selbstorganisationen polnischer Arbeiter, die sich zum gemeinsamen Singen und Lesen polnischsprachiger Predigten trafen und „Leihbibliotheken“ besaßen, 50, 100 oder gar 200 Bücher in polnischer Sprache. Einige dieser „Leihbibliotheken“ hielten auch polnischsprachige Tageszeitung oder Zeitschrift, die jeweils von Hand zu Hand gereicht wurde. In einer Zeit, in der auch die deutschsprachigen Arbeitervereine durch die politische Polizei überwacht wurden, konnten die polnischsprachigen erst recht nicht ausgespart werden – zum Glück für die Historiker:innen, die auf der Suche nach Quellen bei der politischen Polizei fündig wurden. Beispielsweise lud im Jahr 1895 ein Düsseldorfer Polenverein den Jesuitenpater Casimir Mielecki „zu einer Festlichkeit“ ein, nach katholischem Kirchenrecht ohne Genehmigung des Kölner Erbzischofs unzulässig, vor allem aber ein Bruch staatlicher preußischer Gesetze, die den Jesuitenorden aufgelöst und verboten hatten. Wie der Austausch mehrerer Regierungs- und Oberpräsidenten ergab, predigte Mielecki in zahlreichen westfälischen und rheinischen Städten auf Einladung in polnischer Sprache. Zur Tarnung trete er in Franziskaner-Habit auf und übernachte in Franziskaner-Klöstern, beispielsweise in Neviges, obwohl die dortigen Brüder sicherlich wussten, dass er nicht zu den ihren gehörte. In Düsseldorf wurde Mielecki allerdings nicht gesehen, jedenfalls nicht von der politischen Polizei. Vielleicht hatte er es vorgezogen, gar nicht erst zu erscheinen, vielleicht hatte er sein Auftreten auch nur geschickt verborgen gehalten.

Düsseldorf besaß mit Constantin Przedzinski (1841-1922) einen Seelsorger, der aus Neumark/Ermland in Westpreußen stammte, wo es eine kleine polnischsprachige Minderheit gab, die sich politisch überwiegend in Richtung Deutsches Reich orientierte und von „Nationalpolen“ distanzierte. Als Przedzinski alt wurde, unterstütze ihn ein jüngerer Franziskanerpater, über dessen Sprachfähigkeiten die Quellen leider schweigen.

Preußen betrieb in seinen östlichen Provinzen eine rigorose Germanisierungpolitik, die das Polnische in Schule, Sonntagskatechese und Verwaltung durch die deutsche Sprache ersetzen wollte. Dieser Grundsatz galt umso mehr in den westlichen Provinzen. Für die auf Latein abgehaltene Liturgie galt das nicht. Sie blieb geradezu das verbindende Element deutschsprachiger und polnischsprachiger Messen. Doch wurden das Evangelium auf deutsch gelesen, Predigt und Lieder auf deutsch gehalten. Viele Ruhrpolen konnten dem nicht folgen. Mochte das angesichts der geringen Bedeutung der Predigt in der katholischen Kirche vielleicht noch angehen, blieb irgendeine Form sprachlicher Verständigung bei der Beichte unverzichtbar. In den Akten finden sich zahlreiche Anträge und Bitten der Polenvereine an die königliche Polizeidirektion um die Zulassung nationalpolnischer Prediger, denen abschlägig beschieden wurde. Die Polenvereine wandten sich an die zuständigen Bischöfe (Köln, Münster, Paderborn), ohne Ergebnis. 1903 stellten sie einen Antrag beim Katholikentag, einer Laienorganisation; doch gelangte das Thema dort nicht zu Abstimmung, weil man zu dem Schluss gelangt war, dass die Bischofskonferenz sich der Sache angenommen habe. Laut geheimer bischöflicher Absprache wollte man den ”übertriebenen Forderungen“ der Polen entgegenzutreten, indem man, wo möglich, alle 14 Tage einen „Nachmittagsgottesdienst mit polnischer Sprache und polnischen Gesängen” zugestand, also keine Messe, wobei Beicht- und Kommunionsunterricht in deutscher Sprache erteilt werden sollte. Wo bereits wöchentliche Predigen in polnischer Sprache üblich seien, sollte das behutsam zurückgefahren werden.

Es gab Gegenden im Ruhrgebiet, in denen ein Pater in der Osterzeit 13000 polnischsprachige Beichten abzunehmen hatte. Damit glich sich die Arbeiterseelsorge gewissermaßen der Fließbandarbeit an.  

In Düsseldorf gab es zunächst nur einen polnischsprachigen Gottesdienst im Monat (keine Messe), 1907 auf vierzehntätig ausgeweitet. Somit gingen viele Polen Sonntagvormittags ins Hochamt mit schwer verständlicher deutscher Predigt, und vierzehntätig zusätzlich nachmittags in einen polnischsprachigen Wortgottesdienst ohne Kommunion. 1911 forderte die Konferenz der Polenseelsorger im Erzbistum Köln, dem auch Düsseldorf angehörte, den polnischen Wortgottesdienst am Sonntagvormittag direkt im Anschluss an das Hochamt anzubieten. Viele Polen würden den Sonntagnachmittag gerne zu „Besuchen bei Verwandten“ usw. nutzen und ungern nachmittags noch einmal in die Kirche gehen. Dieser Bitte wurde nicht stattgegeben.

Mit zunehmenden Deutschkenntnissen nahmen die Arbeitsmigranten an den Wahlen kirchlicher Gebietskörperschaften teil. 1910 waren in Arnsberg, Münster und Düsseldorf 142 „Polen“ in den Kirchenvorständen und 427 in den Gemeindevertretungen vertreten, 1911 kamen noch 33 Sitze im Kirchenvorstand und 74 neue Sitze in den Gemeindevertretungen hinzu.

Nach dem Ersten Weltkrieg, zu Beginn der Weimarer Rebublik erlaubte das Erzbistum im Anschluss an die veränderte Politik des preußischen Staates polnischsprachigen Sakramentsunterricht sowie polnischsprachige Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Allerdings hatten die Polenseelsorger hatten das Vertrauen der polnischen Gemeinden verloren, man bat um nationalpolnische Seelsorger, die man auch erhielt. Obwohl die Zahl der „Ruhrpolen“ massiv abnahm, wurde die polnischsprachige Seelsorge intensiviert.

Trotz massiver Unterbrechung im Nationalsozialismus betreibt die katholische Kirche in Düsseldorf bis zum heutigen Tag eine „polnische Mission“; die Homepage weist zur Zeit zwei polnischsprachige Priester und eine Katechetin aus. Regelmäßig finden acht polnischsprache Messen wöchentlich statt, weitere zu besonderen Gelegenheiten oder im Monatsrythmus. (wird fortgesetzt)

Quelle: Schalke 04, Deutscher Meister 1937, ein „Polackenverein“? Von links nach rechts Walter Berg, Otto Tibulski, Ernst Kalwitzky, Adolf Urban, Hans Bornemann, Ernst Pörtgen, Fritz Szepan, Rudi Gellesch, Otto Schweißfurt, Hans Klodt, Ernst Kuzorra, Foto: Wikmedia CC

2 Kommentare

  1. Klaus Derndinger

    Lieber Uwe, ich habe Deinen Aufsatz mit großem Interesse gelesen, sehr gut recherchiert, präzise und verständlich formuliert. Glückwunsch! Gruß, Klaus

  2. Gerd-Frederic Lummerzheim

    Herzlichen Dank.
    Mein Großvater, und natürlich seine Eltern auch, war so ein Ruhrmasure. Der maurische Zweig der Protestanten war etwas herber. Zwar nahmen die am deutschsprachigen Gottesdienst teil, schoben aber noch ne extra Stunde beten ein… kniend.
    Einmal schrie eine Betschwaster kurz auf. Und mein Großvater bekam maurisch trocken den Hosenboden versorgt.
    Es war seine Stopfnadel, die da zustach…
    Ob Bachulke oder Mischkpoke
    Der Großvater meiner Frau gehörte wohl zu den Ruhrpolen.

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