Blick zurück nach vorn

Dr Dietrich Knapp
von Dr. Dietrich Knapp

Eine kleine Alltagsszene ist auf dem Foto zu sehen. Zwei Männer möchten in eine Straßenbahn einsteigen, die gerade eingetroffen ist. Der eine trägt eine Maske, der andere nicht. Im Einstieg steht ein Schaffner, ebenfalls mit einem Mund-Nasen-Schutz. Sein Blick geht zu dem Mann, der keine Maske trägt. Dazu macht der Schaffner eine abwehrende Handbewegung. Damit signalisiert er: „Ohne Mund-Nasen-Schutz dürfen Sie die Straßenbahn nicht betreten.“ Es besteht also Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Quelle: wikimedia_commons.jpg

Das Foto ist gut hundert Jahre alt und stammt aus Seattle in den USA. Es wurde aufgenommen in der Zeit der sogenannten Spanischen Grippe. Sie war die vielleicht größte Grippe-Pandemie der Geschichte. Sie trat im Jahr 1918 auf und dauerte bis zum Jahr 1920. Weltweit fielen ihr 30 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer, manche Schätzungen gehen sogar von 100 Millionen aus. Damit kamen mehr Menschen durch die Grippe um als durch die Kriegshandlungen im Ersten Weltkrieg. Infiziert wurden wahrscheinlich sogar etwa 500 Millionen Menschen.

Ihren Ursprung nahm diese Pandemie wahrscheinlich in den USA und kam dann auch nach Europa. Die Bezeichnung Spanische Grippe ist eigentlich irreführend. Da am Ende des Ersten Weltkrieges in den meisten Ländern in Europa Zensur herrschte, wurde kaum über sie berichtet. In Spanien dagegen, wo es keine Zensur gab, konnte man zum ersten Mal etwas über den Ausbruch dieser Krankheit lesen.

Die Spanische Grippe verlief in drei Wellen. Während die erste sich im Frühjahr 1918  ereignete, kam es im Herbst desselben Jahres zu einer zweiten Welle, die sich als viel schlimmer als die erste erweisen sollte. Jetzt tauchte die Krankheit in Deutschland überall auf und war nicht mehr berechenbar. Besonders betroffen waren Orte, an denen viele Menschen dicht zusammenlebten und arbeiteten, etwa Fabriken, Bergwerke, Kasernen und Lager. Da viele Menschen erkrankten, gab es große Schäden in der Wirtschaft und der Landwirtschaft, Teile der Infrastruktur funktionierten nicht mehr.

Es zeigte sich, dass Orte, die das öffentliche Leben schnell und weitgehend herunterfuhren, besser mit der Pandemie zurechtkamen. New York verordnete umfangreiche Quarantäne- und Isolierungsmaßnahmen für Kranke und deren Kontaktpersonen. Die Schulen wurden mehrere Wochen geschlossen. Die Benutzung von U-Bahnen ohne wichtigen Grund war verboten. In Pittsburgh dagegen handelte man nicht so schnell und konsequent. So wurden öffentliche Versammlungen erst sieben Tage nach dem Anstieg der Todesfälle verboten, erst nach 20 Tagen wurden die Schulen geschlossen. Das führte dazu, dass in Pittsburgh etwa doppelt so viele Tote zu beklagen waren wie in New York. Daran wird deutlich, dass man die Ausbreitung einer Pandemie verlangsamen und Menschenleben retten kann, wenn man konsequent entsprechende Maßnahmen ergreift und durchsetzt.

Warum ist es sinnvoll, sich mit dieser Pandemie, die vor hundert Jahren zu Ende ging, im Detail zu beschäftigen? Man kann auf diese Weise lernen, wie Pandemien sich entwickeln und welche konkreten Maßnahmen helfen, sie einzudämmen. Insofern ist ein Blick zurück in die Geschichte der Medizin äußerst hilfreich. Mit diesem Wissen kann man heute die richtigen Entscheidungen treffen und zielführende Maßnahmen ergreifen. Wir müssen in Deutschland sehr aufpassen, dass es nicht – wie damals – im Herbst zu einer zweiten Welle kommt. Sie könnte noch viel schlimmer sein als das, was wir zurzeit erleben. Deshalb sollten wir ganz konsequent das beherzigen, was heute in der AHA-Formel vom Bundesministerium für Gesundheit zusammengefasst wird und an vielen Orten in der Stadt plakatiert ist: Abstand – Hygiene – Alltagsmaske.

Nähere Informationen über die Spanische Grippe sind in einem Aufsatz des Instituts für Zeitgeschichte München/Berlin zu finden: Eckhard Michels: Die „Spanische Grippe“ 1918/19. Verlauf, Folgen und Deutungen in Deutschland im Kontext des Ersten Weltkrieges, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 58/1 (2010), S. 1-33; online unter https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2010_1.pdf oder https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2010_1_1_michels.pdf

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