Covid-19 und Psalm 31

Eine Andacht

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens

„Das einzig Positive am Jahr 2020 war mein COVID-19-Test“, schrieb die Tochter von Bekannten im Jahresrundbrief. Dass so klar zu formulieren, muss man sich trauen. Natürlich hätte sie es auch anderes berichten können: zu lesen war, dass sie wieder gesund ist und außer Schmecken und Riechen wieder alles kann. Dennoch kam sie zu diesem verheerenden Gesamtresumée.

Foto: Aufschrift auf einem
T-Shirt Frühsommer 2020

Vor zwei Wochen erwischte mich COVID-19, geimpft und geboostert, war das alles nicht so schlimm. Ich habe einige Tage mit Fieber, Kopfweh, Schnupfen und Husten im Bett verbracht, kein Fernsehen geguckt, kaum gelesen, nicht gearbeitet und bin nur noch zum Essen aufgestanden. Inzwischen bin ich negativ, noch etwas schlapp, aber es geht.

Nichts Positives außer dem Corona-Test? Ist man als Christin oder Christ nicht auch verpflichtet, die andere Seite zu sehen? Hat nicht jedes Ding zwei Seiten, und hat die Tochter der Bekannten nicht doch ein zu hartes Urteil über ein ganzes Jahr gefällt? Hat nicht jedes Schlechte auch sein Gutes?

Mein Leben ist hingeschwunden in Kummer – Mein Auge ist trübe geworden vor Gram – Ich höre, wie viele über mich Lästern: Schrecken ist um und um – Meine Jahre sind hingeschwunden in Seufzen – Mir ist angst – Vor all meinen Bedrängern bin ich ein Spott geworden – Die mich sehen auf der Gasse, fliehen vor mir – Ich bin vergessen in ihrem Herzen wie ein Toter – Sie trachten danach, mir das Leben zu nehmen – Ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß – Ich bin eine Last meinen Nachbarn und ein Schrecken meiner Bekannten – Meine Seele und mein Leib sind matt.
So lauten, neu sortiert, einige der Klagen aus dem 31. Psalm. Sollte es sich um die Klage eines Kranken handeln („matt an Leib und Seele“) muss man sich die damalige (zur Zeit wieder aktuelle) Isolierung von Kranken vorstellen („die mich sehen auf der Gasse, fliehen vor mir“). Oft wurden Kranke vor den Toren der Stadt untergebracht, eine Form der Quarantäne. Dabei entstand auch soziale Not, denn die Kranken waren darauf angewiesen, dass ihnen jemand Lebensmittel vorbeibrachte.  Wenn niemand etwas brachte, mussten sie hungern, und das wirkte so, als ob man ihnen nach dem Leben trachtete: „Ich bin vergessen in ihren Herzen“.

Wo bleibt das Positive? Kommt im Psalm vor, hier ebenfalls neu sortiert:
In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst – auf dich traue ich – Gelobt sei der HERR; denn er hat seine wunderbare Güte mir erwiesen in einer festen Stadt – du stellst meine Füße auf weiten Raum – du bist meine Stärke – Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und kennst die Not meiner Seele – du bist mein Fels und meine Burg.
Das sind die Aussagen, die das Positive im Präsenz beschreiben. Sie beschwören, was bleibt, wenn alles ganz furchtbar ist. Andere Aussagen beschwören eine hoffentlich bessere Zukunft:  

Lass mich nimmermehr zuschanden werden – Neige dein Ohr zu mir – Lass leuchten Dein Antlitz über deinem Knecht – Errette mich durch deine Gerechtigkeit! – Hilf mir durch Deine Güte – sei mir ein starker Feld und eine Burg, dass du mir helfest – verstummen sollen die Lügenmäuler, die da reden wider den Gerechten – hilf mir eilends – Seid getrost und unverzagt alle, die ihr des HERRN harret!

Einmal lese ich: „Doch du hörtest die Stimme meines Flehens, als ich zu dir schrie.“ Mir scheint, da hat der Beter oder die Beterin sich bis zu einer vorgestellten besseren Zukunft hindurchgebetet und blickt von dort aus zurück: Jetzt hat er oder sie alles überstanden.   Das Original des Psalms ist sehr viel weniger geordnet, als ich ihnen das jetzt als moderner systematischer Theologe vorgeführt habe. Eigentlich springt es von Bild zu Bild. Das zu gliedern, ist auch den Experten schwergefallen. Der Psalm sei „aus Zitaten zusammengeflickt“, äußert Bernhard Duhm. Auch ist keineswegs sicher, ob es sich wirklich um die Klage eines Kranken handelt; die Überschrift im Kommentar von Krauss lautet „Bitte, Vertrauen und Dank eines tödlich Bedrohten“. Schon die Überschrift zeigt: Der Dank gehört dazu, die tödliche Bedrohung und die Bitte aber auch. Wieso eigentlich? Es springt hin und her.

Foto: Uwe Gerrens

Viele Psalmen wirken unsortiert und chaotisch. Als deutscher Systematiker könnte man darüber schimpfen. Hier müsste endlich einmal ordentlich aufgeräumt werden. Der Psalm sieht aus wie bei Hempels unter’m Sofa (oder bei Luis Trenker im Rucksack). Doch während Ordnung unter dem Sofa oder im Rucksack selten schadet, ginge bei zu viel Ordnung in den Psalmen auch etwas verloren. Unser Seelenleben verläuft auch nicht immer geordnet, erstens, zweitens, drittens, sondern ist abrupten und scheinbar willkürlichen Schwankungen unterworfen. Deshalb erscheint es mir angemessen, dass sich die Unordnung unserer Seelen auch in den Psalmen widerspiegelt. Wir Menschen wollen das Leben nicht in 150 Grundsituationen geordnet wissen und für jede dieser Grundsituation einen Psalm parat haben, der jeweils ganz exakt passt. Vielmehr können wir dieselben Psalmen in unterschiedlichen Lebenssituationen immer wieder neu ganz neu beten lernen und dabei immer wieder ganz andere Entdeckungen machen. Die Mehrdeutigkeit der Psalmen ist eine Stärke, keine Schwäche.  

„Das einzig Positive am Jahr 2020 war mein COVID-19-Test“ – darf man das so hart sagen? Ja, darf man, wenn man es so empfindet. Der Satz ist genauso ehrlich wie viele andere, ebenfalls sehr harte Sätze aus den Psalmen. Es kann sein, dass man einen solchen Satz nächste Woche revidieren muss. Es kann aber auch sein, dass man ihn nächste Woche leider wiederholt.  

Wo bleibt das Positive? Mir fällt (Testergebnisse ausgenommen) nichts Positives zu COVID-19 ein. Es gelingt mir nicht, einer schlechten Krankheit eine positive Seite abzugewinnen. Gut ist für mich, dass es jetzt vorbei ist und gar nicht so schlimm war. Doch die Sache selbst bleibt schlecht. Deshalb ist Klage auch die richtige Umgangsform damit, jedenfalls im Moment, und vielleicht auch in zehn Jahren, auch wenn man da fairer Weise jetzt noch nicht beurteilen kann.

„Zwei Dinge trüben sich beim Kranken,
a) der Urin und b) die Gedanken.“  

Lautet eines der genialen Kurzgedichte Eugen Roths. Offenbar hängt beides zusammen, die körperliche Schwäche und die emotionale Beeinträchtigung. Unser modernes Menschenbild reißt beides auseinander: Für das eine sind Ärzt:innen zuständig, jedenfalls bei organischen Krankheiten. Für die rein seelischen Probleme gibt es, falls erforderlich, Psycholog:innen, und wenn es ‚pathologisch‘ wird, zieht man Psychiater:innen hinzu. Im Psalm gibt es immer nur einen, der verantwortlich ist, Gott, und wenn es uns gerade mies geht, haben wir ein Problem mit unserem Monotheismus. Warum? Wie kann das sein, Gott? Warum gerade jetzt und warum mir? Die Psalmen sind deshalb so großartige Gebete, weil sie diese Widersprüche nicht auflösen und genauso unsortiert sind wie unser Leben und unsere Gefühle. Wo bleibt das Positive? Erzwingen kann man das nicht. Im Psalm kommt es abrupt und unerwartet: „Gelobt sei der HERR; denn er hat seine wunderbare Güte mir erwiesen in einer festen Stadt.“

Amen.

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