Das Goethe-Hafez-Denkmal und der Kinderwagen

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens

Wer in den letzten Jahren in Weimar war, kennt das dortige Goethe-Hafez-Denkmal (und wer es nicht kennt, kann bei Wikipedia alles darüber nachlesen). Es erinnert an Goethes Gedichtsammlung des West-Östlichen Diwan, mit der der Weimarer Dichter (1749-1832) seine Bewunderung für persischen Dichter Hafez (gest. 1390) ausdrückte, dessen „Diwan“ gerade durch den Orientalisten Hammer-Purgstall ins Deutsche übersetzt worden war.

Das Düsseldorfer Goethe-Museum in der Jacobi-Straße besitzt einige Originale daraus, darunter das an Marianne v. Willemer gerichtete handschriftliche Ginko-Gedicht mit zwei damals gepressten Ginko-Blättern aus dem Heidelberger Schlossgarten. Auch arabische Schreibübungen Goethes besitzt es. Und natürlich bietet es immer wieder Veranstaltungen zum West-Östlichen Diwan an, in Kooperation mit der Stadtakademie und dem Kreis der Düsseldorfer Muslime zuletzt am 11.3.2015. Doch wer kennt das Düsseldorfer Goethe-Hafez-Denkmal?

Es befindet sich in Bilk, nicht weit von dem Ort, an dem die Brunnenstraße über die Düssel geführt wird. Manch eine schiebt achtlos ihren Kinderwagen über das Denkmal und bemerkt es nicht. Goethe und Hafez wurden hier nämlich als extrem bodenständige Dichter in Szene gesetzt.

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Angeblich kann man im Iran fast jeden Taxifahrer nach Hafez fragen und er wird dann wild gestikulierend seine (möglicherweise völlig abwegige und abstruse) persönliche Theorie zu Hafez erläutern. Fragt man deutsche Taxifahrer nach ihrer Lieblingstheorie zu Goethe, wird man selten etwas zu hören bekommen, es sei denn die Taxifahrer hätten Germanistik studiert, was vorkommt. Goethe wird in Deutschland verehrt, aber nur von wenigen Fachleuten gelesen. Tatsächlich wirkt seine Sprache altertümlich und bleibt uns deshalb manchmal fremd, man muss sich ernsthaft mühen, während das etwa dreieinhalbmal so alte Persisch von Hafez sich über die Jahrhunderte kaum verändert haben soll und Hafez, wie man mir erklärte, wie ein Zeitgenosse gelesen werden kann.

Ich finde, in Deutschland geht man mit Goethe falsch um. Edle Goethe-Ausgaben des neunzehnten Jahrhunderts, in manchen Familien von Generation zu Generation vererbt, zeugen von Wertschätzung für die Weimarer Klassik – als Wohnzimmerdeko und als Staubfänger.
Das Bilker Denkmal holte den Dichterfürsten vom Sockel, indem es ein literaturhistorisch weniger bedeutsames Zitat für die Inschrift auswählte: „Aha“. Ein derart locker-flockiger Umgang mit den Klassikern ist bei uns nicht üblich: zu frech, zu dreist und zu humorvoll. Allerdings spießten die Denkmalsmacher Eigenschaften auf, die sowohl Hafez als auch Goethe nicht fernlagen: Beide waren frech, dreist und humorvoll. Insofern hat das Bilker Denkmal einen wichtigen Punkt getroffen, der vielen anderen entgangen ist.

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Das Bilker Denkmal wurde vom Stadtbezirksrat aufgestellt, resp. im Pflaster versenkt. Der Stadtbezirksrat reagierte damit auch auf die deutsch-iranische Kulturstiftung „Kaweh“ einige Häuser weiter, zu der ein Goethe-Hafez-Saal gehörte.
Der Stifter, ein aus Persien stammender Herzchirurg (Dr. Hossein Moschiri), hat mir vor etwa 15 Jahren seine Lebensgeschichte erzählt (ich hoffe, ich erinnere mich noch korrekt). Mit minimaler Bildung in halbnomadischem Umfeld geboren, wuchs er am Wüstenrand als Diener seiner Herrschaft auf (sowohl den Begriff „Diener“, als auch den der “Herrschaft“ benutzte er selbst). Er wollte weg, hatte aber kein Geld. Im Alter von etwa 16 fand er durch Bekannte seiner Herrschaft die Möglichkeit, sich durch ein Schiff als unbezahlten Hilfsmatrosen nach Europa mitnehmen zu lassen. Er stellte sich vor, dass das Leben dort paradiesisch sein müsste. Als er 1946 oder 1947 im Hamburger Hafen einlief, fand er aber eine gewaltige Trümmerwüste vor, in der fast alles zerbombt und kein Stein auf dem anderen geblieben war. Er dachte, er hätte den Fehler seines Lebens gemacht: Kein Geld, kein Essen, keine Arbeit und keine Möglichkeit, wieder zurückzufahren. Schließlich fand er in der Speicherstadt einen persischen Teppichhändler, der ihn aus Mitleid gegen Aushilfsarbeiten durchfütterte („Junge, Junge, Du machst Sachen“). Eines Tages hörte er, im Ruhrgebiet gebe es richtige Arbeit im Bergbau. Er fuhr nach Essen, fand tatsächlich etwas, lernte deutsch, ging zur Schule, arbeitete in den Schulferien unter Tage und machte Abitur. Anschließend studierte er Medizin, in den Semesterferien Bergarbeiter. Nach den Examina machte er Karriere als Arzt, brachte es zum Oberarzt (Chefarzt?) in der Herzchirurgie und heiratete eine Deutsche. Im Alter wollte er der deutschen Gesellschaft, der er viel verdankte, etwas zurückgeben und errichtete diese Stiftung. Zwar war sie nicht so erfolgreich, wie er sich gewünscht hätte, vielleicht agierte er als Leiter einer Kulturstiftung auch weniger professionell denn als Arzt (später hat er es aufgegeben und sein Geld in eine andere Stiftung gesteckt). Dennoch denke ich gerne an eine Veranstaltung zum Thema „Zwillinge? Goethe und Hafez“ zurück, die ich dort am 24.10.2007 mitorganisiert habe.

Bei der Vorbereitung las ich das erste Mal im Diwan (die Ausgabe meiner Urgroßeltern stand ungenutzt im Bücherschrank im Wohnzimmer) und war sofort begeistert.

Sowohl Hafez als auch Goethe schrieben mehrdeutig und hatten dabei ihren Spaß. Beispielsweise schrieb Hafez viel über Wein. Weinanbau war im mittelalterlichen Persien offiziell verboten, kam aber vor. Trotz Verbotes tranken einige auch Wein. Gleichzeitig war der Wein (wie schon im Alten Testament) ein Symbol für die Liebe Gottes. Diese Mehrdeutigkeit bot Hafez die Möglichkeit, seine Leserinnen und Leser zu foppen und immer wieder die Ebenen zu wechseln. Das wiederum gefiel Goethe, der die Methode auf seine Weise zu imitieren versuchte:

Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag ich nicht!
Ob der Koran geschaffen sei?
Das weiß ich nicht!
Daß er das Buch der Bücher sei,
Glaub ich aus Mosleminenpflicht.
Daß aber der Wein von Ewigkeit sei,
Daran zweifl‘ ich nicht;
Oder daß er vor den Engeln geschaffen sei,
Ist vielleicht auch kein Gedicht.
Der Trinkende, wie es auch immer sei,
Blickt Gott frischer ins Angesicht.

Goethe diskutierte hier im Anschluss an muslimische Gelehrte des 11./12. Jhdt. n. Chr., ob der Koran „ewig“ sei (so Aschʿariten) oder „geschaffen“ (so die Muʿtaziliten, die den Koran Gott unterordneten). Auch die These, dass die Engel den Koran geschrieben haben müssten, wobei man sich den Koran besonders stark Gott untergeordnet vorstellte, wurde seinerzeit diskutiert. Goethe ließ keine eigene Priorität für eine dieser drei Theorien erkennen, sondern behauptet, dass allein der Wein von Ewigkeit her sei. Zunächst wirkt das wie Spott, allerdings spielte Goethe darauf an, dass Hafez den Wein als Bild für die Liebe Gottes verwendete: Der Trinkende blickt Gott ins Angesicht. Meinte Goethe, im Suff käme man Gott näher, oder beschrieb er eine mystische Religiosität, bei der man aus der Liebe Gottes „trinkt“? Ich tendiere zu letzterem, bin mir aber nicht sicher, was Goethe meinte. Ich bin mir bei Goethe überhaupt selten sicher. Aber gerade deshalb macht es Spaß, im Diwan herumzulesen und zu knobeln.

Die Islamhasser bei uns wollen zwar oft, dass mehr deutsche Klassiker in der Schule gelesen werden, aber mit dem Diwan haben sie eindeutig ihre Probleme, weil Goethes Gedichte, wenn man sie denn liest, unkontrollierbare Mehrdeutigkeiten provozieren. Ähnlich ergeht es den Engstirnigen unter den persischen Ajatollahs, die einerseits gegen Hafez, der auch seriöse Korankommentare geschrieben hat, nichts haben können, andererseits aber aushalten müssen, dass Oppositionelle ihnen die frechesten Verse ihres Nationaldichters provokant unter die Nase reiben. Hafez steht in jedem Schulbuch, und man kann ihn nicht mehr der Zensur unterwerfen.

Wie wenig Goethe zu den Patriotischen Europäern zur Verteidigung des Abendlandes gehörte, zeigt das folgende Gedicht, in dem er sowohl auf die Bibel als auch auf den Koran mit wörtlichen Zitaten anspielte:  

Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände

Doch neben solch theologischen Höhenflügen, findet sich bei Goethe auch immer wieder bodenständiger Ulk. Als ich neulich im Supermarkt vor der Kühltruhe mit den Milchwaren unbeabsichtigt eine große Sauerei veranstaltete, fielen mir die unsterblichen Worte des Olympioniken wieder ein, auch sie natürlich aus dem Diwan:

„Getretener Quark – wird breit, nicht stark“.

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Literatur:

Vieles, was man beim bloßen Lesen des west-östlichen Diwans nicht versteht, erschließt sich in der Ausgabe von Hendrik Birus durch den ausführlichem Kommentarband, Text und Kommentar als Taschenbuch zusammen nur 30€.

Originell: Navid Kerman: Gott-Atmen: Goethe und die Religion, in: Kermani, Zwischen Koran und Kafka, München 2016, S. 121 – 147.

Sehr lesenswert und mir nahe ist die Druckfassung seines am 24.10.2007 auch im Düsseldorfer Goethe-Hafez-Saal gehaltenen Vortrages: Klaus-Heinrich Roth, Kulturelle und religiöse Toleranz in Goethes West-östlichem Diwan, in: Alexander Fidora (Hrsg.), Religiöse Toleranz im Spiegel der Literatur, Münster u.a. 2009, S. 233-244. Katharina Mommsen habe ich noch immer nicht gelesen, hoffentlich aber demnächst.

2 Kommentare

  1. Carola flörsheim

    Grossartiger Artikel….Goethe und hafez sind super

  2. Carola flörsheim

    Hussein moschiri ist ein super toller Mensch

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