Dead End´ oder Wendepunkt? Über Gott, die Welt und das Leben heute

von Dr. Johannes Wirths

„Wir sind an einem toten Punkt angekommen“ – als Eingeständnis, eine bemerkenswerte öffentliche Aussage, zumal von einem leitenden Kirchenvertreter wie Kardinal Reinhard Marx. Das geschieht aus solchen Positionen heraus nicht allzu oft und paart sich noch seltener mit persönlichen Konsequenzen – wie kirchenpolitisch kalkuliert das Rücktrittsgesuch auch gewesen sein mag.
Es riecht nach Zeitenwende. Kein befreiender Schachzug scheint mehr möglich. Hinter dem geschäftigen Treiben von Kirche herrscht Stillstand, ob nun in Form des Streits, der Ratlosigkeit oder der Erschöpfung. Die Energie ist aufgebraucht, alle Methoden sind durchprobiert und jedes Engagement verpufft ohne sichtbare Wirkung. Ein Weiterso scheint bei bestem Willen nicht mehr möglich.

Der tote Punkt ist erreicht. Endlich möchte man sagen – Zeit für den Aufbruch. Die Feststellung des Kardinals bezog sich zunächst auf die römisch-katholische Kirche als Institution und vor allem auf ihre Unfähigkeit der aktuell skandalösen Situation in den eigenen Reihen angemessen zu begegnen. Aber diese Eingrenzung wird hinfällig, wenn diese Aussage als Zitat kenntlich gemacht wird, das sie ist.
Als Zitat rekapituliert sie eine Einsicht Alfred Delps, der bereits 1944 davon sprach, dass die Kirchen sich durch `die Art ihrer historisch gewordenen Daseinsweise´ selbst im Wege zu stehen scheinen – trotz allem, was auch gut und richtig läuft. Hier ist allgemein von den Kirchen die Rede, also nicht nur von der einen. Denn es geht damals wie heute um Kirche als westliche Form organisierter Religion.

Das mögliche tote Ende betrifft die institutionelle Ausgestaltung von Kirche in Form von Gemeinden, Werken und Arbeitsfeldern und auch das nach außen wie innen gepflegte Selbstverständnis, etwa in Form der Volkskirche. Hier hakt es überall schon viele Jahrzehnte. Und wie vielfältige, beinahe beständige Reformbemühungen der letzten Jahrzehnte zeigen, weiß `man´ in Kirche davon.
Aber wenn dieses Nachsteuern keine nachhaltige Wirkung entfaltet, geht es offensichtlich doch um mehr. Es geht ums Eingemachte, um die gemeinschaftlich gelebten Glaubensformen und das in allen Bereichen – vom Gottesdienst über das lebenspraktische Miteinander bis hin zur persönlichen Bildung. Der tote Punkt zeigt sich hier in der geschwundenen Resonanzfähigkeit etablierter Formen.

Die Leute bleiben weg. Gottesdienste, Gruppen und Kurse sind schlecht besucht und erreichen überwiegend das ältere, noch traditionsgeprägte Publikum. Dabei ist das religiöse Leben jenseits der etablierten organisierten Formen kaum zu übersehen – wenn denn eingesehen würde, dass die unter dem Label `Spiritualität´ zu summierenden gesellschaftlichen Versuche gelebte Religion sind.
Spiritualität, das meint die bewusste, aber nicht-intentionale Gestaltung des alltäglichen Lebens im Spagat zwischen Leib und Geist, Fühlen und Denken, Ich und Du. Als Praxis firmiert so etwas heute populär als Yoga, Kontemplation, Achtsamkeit, Mitgefühlspraxis oder allgemein als Meditation. Unabhängig von der jeweiligen Tradition handelt es sich dabei um weisheitliche Kulturtechniken.

In diesen geht es heute um Glauben auf der Suche nach einer neuen Form – praktisch, ethisch wie reflexiv und im Kleinen wie im Großen. Neues entsteht so aus den Zerfallsprodukten überkommener Formen. Das zur Erneuerung notwendige Experimentieren kann in einer historisch durchgearbeiteten, globalisierten Gesellschaft wie der unseren natürlich aus einem großen Fundus schöpfen.

Der religiöse Umbruch unter spirituellen Vorzeichen ist daher nicht zufällig überaus bunt und vielfältig. Als `Jesus macht Yoga und Allah übt Achtsamkeit´ oder `Du kannst einen Buddha haben neben mir´ wurde das treffend beschrieben. Das verunsichert den Einzelnen wie die etablierten Gemeinschaften und bereitet allen organisierten Formen von Religion kommunikativ erhebliche Probleme.

Es stört die Traditionspflege als zentrale Aufgabe religiöser Organisationen, die wie die Kirche das religiöse Leben gestalten und zudem als gesellschaftliche Türwächter des Religiösen fungieren. Greifen zentrale Formen des Glaubens nicht mehr, bleiben also die Gläubigen weg und/oder tummeln sich anderswo, dann ist Krise angesagt – auch wenn man die als Institution oft lange aussitzen kann.

Kommen allerdings die leitenden kulturellen Formen des Religiösen ins Schwimmen, hilft auch das institutionelle Nachsteuern durch Reformen nur noch wenig. Und das scheint heute endgültig der Fall zu sein. Endgültig deshalb, weil bereits einige theologische Zeitgenossen des oben genannten Alfred Delp kirchlich, also institutionell, von innen her Beobachtungen in diesem Sinne anstellten.

Die bekannteste prophetische Sentenz ist hier diejenige Karl Rahners: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein.“ Der Mystiker nun ist ein radikaler spiritueller Praktiker, der Konfession als kulturelle Form nicht einfach vom Tisch wischt, ihr aber nur (noch) eine untergeordnete religiöse Bedeutung beimisst und stattdessen Christus in jedem Menschen zu sehen sucht.

Mystiker bewegen sich unabhängig von der Herkunft transkonfessionell. Das Bekenntnis wird hier ein unbedingt individuelles zu Weg, Wahrheit und Leben des Einzelnen und darin eines zum Menschen im Miteinander mit allem Leben. Mit einer gruppenbezogen selektiven Form des Bekenntnisses hat das nicht mehr viel zu tun, so dass dessen wesentlich soziale Funktion als Konfession verloren geht.

Und genau das ist, wie bereits angedeutet, in der westlich global geprägten Gegenwart zu beobachten. Das Bekenntnis als modern zentrale kulturelle Form des Religiösen scheint ausgedient zu haben. Institutionell zeigt sich das in schwindenden Mitgliederzahlen und glaubenspraktisch in der trotz aller Reformen nachlassenden Berührungs- wie Bindungswirkung zentraler religiöser Formen.

Der Soziologe Dirk Baecker sieht hier einen sicht- und spürbaren Epochenumbruch der sich in allen gesellschaftlichen Feldern zeigt und untergründig bereits die kulturellen Auseinandersetzungen des letzten Jahrhunderts geprägt hat. Welche neuen Kulturformen sich unter digitalisierten medialen Bedingungen durchsetzen werden, ist dabei noch nicht ausgemacht. Es darf aber spekuliert werden.

Und es wird spekuliert wie auch experimentiert – ersteres eher zaghaft, letzteres fröhlich bis verbissen. Allen Beteiligten im religiösen Feld bleibt auch nichts anderes übrig – den Bewahrern wie den Reformern, den Revolutionären wie den Freigeistern. Es gilt herauszufinden, für wen und in welcher Weise der tote Punkt ein ebensolches Ende, ein Wendepunkt oder ein Neubeginn sein kann.

Schon die Prognose Rahners war eine spirituell orientierte Spekulation von der Konfession her, so wie die Meditationsbewegung des 20. Jahrhunderts ein ebenso tiefgründiges wie weitreichendes Experiment in die gleiche Richtung darstellt, nur eben von der praktischen Seite her. Und auch Baecker spekuliert sozio-logisch begründet über Meditation als neue Leitform des Religiösen.

Mich als Vermittler und Begleiter dieser Praxis freut es, dass Meditation als weisheitliche Kulturtechnik ein aussichtsreicher Kandidat für die kulturelle Form des Religiösen in der `nächsten Gesellschaft´ ist. Doch es bleibt da noch viel zu tun, schließlich ist dieser Sachverhalt erst noch in organisierte Formen zu überführen – also praktisch, pädagogisch, liturgisch und theologisch herunterzubrechen.

Ein reines Wiederanknüpfen an eigene spirituelle Traditionen reicht dazu nicht aus und ergänzend auch nicht der interkonfessionelle Dialog. Das ist lediglich aber immerhin die Fortführung des modern Bewährten. Es geht vielmehr darum, Glauben neu buchstabieren zu lernen, sich also spirituell neu zu erfinden – als Einzelner wie als Gemeinschaft – und das offen im Miteinander zu organisieren.

Nach Baecker hieße das christlich formuliert Zeugnis abzulegen: vom Leben in Gott, für das Leben in allen seinen Formen und das in Form des eigenen Lebens. Es geht also mal wieder um alles – um Gott, die Welt und das Leben – wie immer in der Religion. Die notwendig öffnende Devise für dieses `heilige Abenteuer´ könnte mit Pablo Picasso lauten: „Ich suche nicht, ich finde.“

Ein solches Finden wird am 26.10.2021 von 19.00 bis 20.30 Uhr in der Stadtakademie unternommen – bei offenen Erkundungen zum Verhältnis von Glauben, Denken und Handeln heute. Ob dieses Gespräch ein Abenteuer wird, gar ein heiliges, oder sich nur in vertrautem Gelände bewegt, dürfen Sie entscheiden, wenn Sie zur Verabschiedung von Harald Steffes aus der Akademiearbeit kommen.

Johannes Wirths promovierter Kultur- und Sozialwissenschaftler, Achtsamkeitslehrer MBSR, Kontemplationslehrer WFdK, Geistlicher Begleiter EKiR

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