Der bewegliche Gott

Dr Dietrich Knapp
von Dr Dietrich Knapp

Diese Erzählung ist auch heute noch vielen Menschen bekannt. Sie gehört zu den bekanntesten des Alten Testaments. Sicher auch deshalb, weil sie so ungemein plakativ und eindrucksvoll ist. Mose ist auf den Berg Sinai gegangen und kommt nicht wieder. Das Volk Israel wird ungeduldig. Wer weiß, was dem Mose passiert ist. Da geht das Volk auf Aaron zu und sagt: „Auf, mache uns Götter, die vor uns hergehen!“ (Ex 32,1). Und Aaron lässt sich darauf ein. Er sammelt von allen die goldenen Ohrringe ein und macht daraus ein gegossenes Kalb. Wenn man den hebräischen Begriff ganz wörtlich nimmt, ist es eigentlich sogar ein kräftiger Jungstier. Das Volk ist zufrieden und sagt: „Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben!“ (Ex 32,4). Endlich hat man einen Gott, den man sehen und anbeten kann. Einen Gott in Stiergestalt, so wie ihn im Vorderen Orient viele Völker verehrten. Das war besser, als einen unsichtbaren Gott anzubeten. Aaron baut diesem goldenen Jungstier einen Altar. Und diesem neuen Gott bringt Israel den Tag darauf Opfer dar und feiert ein großes Opferfest (Ex 32,1-6).

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Nicht diese Erzählung soll hier im Mittelpunkt stehen, sondern der Text, der unmittelbar daran anschließt (Ex 32,7-14). Hier haben Schreiber aus dem alten Israel im 6. vorchristlichen Jahrhundert die bekannte Erzählung vom Goldenen Kalb, die sie vorgefunden hatten, fortgeschrieben. Ein großartiges Stück narrativer, also erzählender Theologie. Gott hat das, was am Fuß des Berges geschehen ist, wahrgenommen. Er ist entsetzt. Und so sagt er zu Mose, der noch immer bei ihm auf dem Berg ist: „Ich habe dies Volk gesehen. Und siehe, es ist ein halsstarriges Volk. Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie verzehre; dafür will ich dich zum großen Volk machen.“ (Ex 32,9-10). Einmal ganz ehrlich: Die Rede vom Zorn Gottes macht den meisten Menschen heute wirklich Mühe. Hier wird von Gott gesprochen, als wäre er ein Mensch. Als könnte er zornig sein, wie eben Menschen in ihrer Unbeherrschtheit zornig sind. Dieser Anthropomorphismus ist heute schwer erträglich. Für die Schreiber war er das nicht. Wie sollten sie denn von Gott sprechen? Muss man da nicht Analogien verwenden? Eigentlich kann man von dem ewigen Gott überhaupt nicht sprechen. Man muss sich also behelfen, notgedrungen. Und da sind derartige Anthropomorphismen die einzige Möglichkeit, von Gott zu sprechen. Was die Schreiber zum Ausdruck bringen wollten, ist klar: Gott ist entsetzt über das Verhalten des Volkes. Er war es doch, der das Volk aus Ägypten befreit hatte. Von Dankbarkeit beim Volk weit und breit keine Spur. So etwas kann und darf nicht ohne Konsequenzen bleiben. Da ist Härte unausweichlich, eben die einzige mögliche Option.

Und jetzt wird es theologisch richtig interessant. Mose kämpft für das Volk. Er will, dass Gott das Volk verschont. Dass Gott seinem Zorn keinen freien Lauf lässt. Wie kann man so etwas bei Gott erreichen? Wie kann man ihm in den Arm fallen? Wie kann man Gott bremsen? Mose versucht es mit Argumenten, mit schlagkräftigen und schwer zu widerlegenden Argumenten:

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„Ach, HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem glühenden Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.“ (Ex 32,11-13)

Drei Argumente sind es, die Mose in dieser Erzählung Gott gegenüber ins Spiel bringt. Mit denen er versucht, Gott in den Arm zu fallen, ihn auszubremsen, das Unheil abzuwenden.

Das erste Argument: „Du, Gott, hast dir große Mühe gemacht mit der Befreiung Deines Volkes aus Ägypten. Du hast viel investiert. Das Ganze war keine Kleinigkeit. Mit vollem Einsatz hast Du gehandelt. Wenn du das Volk jetzt vernichtest, wäre das alles umsonst gewesen. Das kann doch wirklich nicht sein. Das kannst Du doch nicht wirklich wollen. Es ist doch dein Volk!“

Das zweite Argument: „Wenn du deinem Zorn freien Lauf lässt und das Volk vernichtest, würden die Ägypter sich mokieren und sagen: ‚Das ist ja ein schöner Gott. Erst befreit er sie und dann löscht er sie kurz danach aus.‘ Also Gott, dein Image bei den Ägyptern und auch bei den anderen Völkern wäre wirklich auf einem Tiefpunkt. Du wärst richtig unglaubwürdig. Also besinne dich lieber.“

Das dritte Argument: „Du, Gott, hast doch den Erzvätern geschworen, dass du ihre Nachkommen zu einem großen Volk machen und ihnen Land geben würdest. Zu diesen Versprechen von früher solltest du schon stehen. Du kannst doch nicht einfach dein Versprechen brechen. So etwas ginge gar nicht.“

Mose redet in größter Offenheit mit Gott. Es stockt einem fast der Atem. Die Argumente sind aus heutiger Sicht geradezu unverschämt. So kann man doch nicht mit dem ewigen Gott reden. Ihm so viel Druck machen. Ihn in die Enge treiben. Ihm vorschreiben, was er zu tun hat.

Eindrucksvoll und unerwartet ist das Ende dieser Fortschreibung: „Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk angedroht hatte.“ Mose hat Gott überzeugt. Die Argumente waren absolut schlagend. Gott kehrt um. Gegen alle Erwartungen. Gott stoppt seinen Zorn und damit auch die daraus folgenden Konsequenzen. Die Liebe zu seinem Volk ist größer als sein Zorn. Die Liebe hat den Zorn überwunden.

Das, was die Schreiber des 6. vorchristlichen Jahrhunderts in dieser erzählenden Fortschreibung ihrer Generation deutlich machen wollten, ist auch heute theologisch bedenkenswert: Mit Gott kann man reden. Nicht nur in poetischer Sprache, nicht nur in liturgisch einbahnfreien Formulierungen. Sondern ernsthaft. Mit Nachdruck. Man kann mit Gott sogar Tacheles, also Klartext reden. Wenn man ihn nicht versteht. Wenn man ihn bewegen will.

Und das andere: Gott lässt das zu. Er verurteilt das nicht. Er lässt sich vielmehr bewegen. Er ist kein statischer, kein unbeweglicher Gott, kein ewiges, immer gleichbleibendes göttliches Prinzip. Sondern ein lebendiger Gott. Ein Gott, der sogar die Größe hat, seine Meinung zu ändern, sich umstimmen zu lassen, geplante und notwendige Vorhaben auszusetzen und seinen Zorn von seiner Liebe vertreiben zu lassen. Gott hätte heute – um auch hier anthropomorph von ihm zu reden – allen Grund, zornig über die Menschen zu sein. Ihr Umgang mit der Schöpfung und ihr Umgang mit anderen Menschen, die auch seine Geschöpfe sind, schmerzt ihn ohne Ende. Gott hat alle Mühe, hier still zu halten. Es ist kaum auszuhalten für ihn. Die Schreiber des alten Israel erinnern daran: Seine Liebe ist größer als sein Zorn. Daher wird Gott sich auch heute umentscheiden und sich bewegen und seine Menschheit liebevoll zurechtbringen.

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