Der Funkenflug der Vernunft in der Stille des Eremiten oder: Der Philosoph mit dem Zettelkasten

Zum 100. Geburtstag von Hans Blumenberg (13. 7. 1920 – 1996)

Harald Steffes
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Harald Steffes

Ein Philosoph des 19. Jahrhunderts war fasziniert von dem Problem, wie man ein Bild eines Kobolds zeichnen könne, auf dem er die Mütze trägt, die ihn unsichtbar macht. Ein Philosoph des 20. Jahrhunderts hat dieses Paradoxon gelebt. Hans Blumenberg, der in diesen Tagen seinen 100. Geburtstag feiern könnte, hat zunehmend zurückgezogen und für die Öffentlichkeit unsichtbar gelebt.

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„Zu seinen Lebzeiten erlaubte er lediglich den Abdruck von zwei Fotografien, die ihn zeigen. Als Universitätsprofessor war er vor und nach den Vorlesungen für seine Studenten nicht ansprechbar. Zu öffentlichen Vorträgen ließ er sich in späteren Jahren nicht mehr bewegen. Nach der Emeritierung zog er sich gänzlich in seine private Gelehrtenhöhle zurück und reduzierte den Kontakt zu seinen Mitmenschen auf Briefwechsel und vornehmlich nächtliche Telefonate.“ So lapidar fasst Jürgen Goldstein in seiner Biografie die späte Publikumsscheu Blumenbergs zusammen.

Einzelgänger und Eremiten sind selten Sympathieträger. Jedenfalls gilt das solange der Eindruck entsteht, dass ihnen ihre Um- und Mitwelt egal sei. Genau das ist bei Hans Blumenberg nicht der Fall. Er braucht seine Zurückgezogenheit, um sein immenses Werk zu verfassen. Das gilt nicht nur für die Dutzende seiner gedruckten Bücher mit ihren Abertausenden von Seiten, das gilt vor allem auch für deren weitläufigen  und offenen Entstehungsprozess.

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Wer sich die Mühe macht im Marbacher Literaturarchiv auf den Spuren Blumenbergs unterwegs zu sein, stößt dort nicht nur auf Berge von Manuskripten, die nach und nach je nach Fertigstellungsgrad posthum veröffentlicht werden, sondern auch auf seinen legendären Zettelkasten mit insgesamt 24.ooo Karteikarten. Hier hält Blumenberg seine Lesefrüchte fest, um sie zum gegebenen Zeitpunkt mit anderen Lesefrüchten neu zu kombinieren und so eine Spannung zwischen verschiedenen Autoren herstellen oder schlicht und ergreifend die Geschichte der verschiedenen Verwendungen philosophischer Metaphern nachzeichnen zu können. Jürgen Goldstein zu dieser Methode: „Wenn ein gegenwärtiger Autor mit einem mittelalterlichen Kollegen ›kurzgeschlossen‹ wird, wenn Husserl auf Platon trifft, eine Gedichtzeile auf ein Traktat, dann kann sich ein Funkenflug der Vernunft einstellen. In diesem Sinne gleicht die Arbeit mit einem umfangreichen Zettelkasten einer Alchemie des Geistigen: Die ungewohnte Zusammenstellung steigert das Herbeizitierte gegenseitig, verwandelt und wiederbelebt die Gedankenfunde. Eine solche Kombinatorik setzt eine Lust am Überraschungsmoment, ein sehr gutes Gedächtnis und eine Meisterschaft in der Zusammenführung des auf den ersten Blick oftmals heterogenen Quellenmaterials voraus.“ Der Hintergrund ist einfach: Blumenberg betrachtet die Begriffs- und Wissenschaftsgeschichte als Reservoir von Sinn. Auch Mythen, auch Metaphern wie zum Beispiel die vom „Schiffbruch mit Zuschauern“, enthalten und repräsentieren philosophische Erkenntnisse. Gerade anhand der Metapher vom „Schiffbruch mit Zuschauern“ kann dann auch die Veränderung der Denk- und Mentalitätsgeschichte nachgezeichnet werden, weil sich die Erfahrung der Gefährdung unterschiedlich ins Gedächtnis eingeprägt hat. Der griechische Philosoph Aristipp (435 v. Chr. – 366 v. Chr.) betont, der Schiffbruch bringe die Menschen zum Nachdenken und mache sie zu Philosophen. Andere erklären die Schifffahrt zur Sphäre der Unberechenbarkeit, die vom Menschen zu meiden sei. Montaigne wies im 16. Jahrhundert darauf hin, dass man sogar im Hafen untergehen und ertrinken könne. Hegel sah in seiner Philosophie der Geschichte den Zuschauer positiv als denjenigen, der den Gang der Geschichte als Verwirklichung der Vernunft reflektiert: Vom ruhigen Ufer aus erkennt der Betrachter die Geschichte als eine Schlachtbank, auf welcher das Glück der Völker, die Weisheit der Staaten und die Tugend der Individuen geopfert werden. Dieser Gedanke wurde von Goethe als Menschenverachtung identifiziert. Nietzsches Aufforderung „auf die Schiffe, ihr Philosophen“ belegt wiederum eine Haltung, dass denkerischer Fortschritt nicht vom Beobachterstandpunkt aus zu erzielen ist.

Die hohen theologischen Anteile im Denken Blumenbergs sind kein Zufall: Im Wintersemester 1939/40 begann er das Studium der (katholischen) Theologie, das er allerdings bereits im Herbst 1940 abbrechen musste, weil seine Mutter einen jüdischen Familienhintergrund hatte. Die Themen der Theologie haben ihn allerdings nie losgelassen, auch wenn er zunehmend kritisch den bloßen Behauptungen eines positiven Gottesbildes gegenüberstand: „Gott hat sich verborgen und es ist nichts mit den Fürsorgezusagen und Sinnversprechungen des Christentums“ heißt es z.B. in seiner berühmten Auslegung der„Matthäuspassion“. Gerade die kritische Reflexion häufig gedankenlos gebrauchter Metaphern macht Blumenberg aber zu einem unverzichtbaren Gesprächspartner gerade für eine Theologie im 21. Jahrhundert.

Rund um den 100. Geburtstag finden sich zahlreiche Beiträge in den Medien (z.B. Mediathek des Deutschlandfunks), aber auch in den Buchhandlungen wird man fündig. Neben Erstveröffentlichungen von Manuskripten (z.B. Hans Blumenberg: Realität und Realismus) finden sich empfehlenswerte Darstellungen und aktuelle Einführungen mit unterschiedlichem Umfang:

  • Jürgen Goldstein: Hans Blumenberg. Ein philosophisches Portrait, Matthes & Seitz, 619 Seiten
  • Rüdiger Zill: Der absolute Leser, Suhrkamp, 816 Seiten
  • Uwe Wolff: Der Schreibtisch des Philosophen. Erinnerungen an Hans Blumenberg, Claudius, 136 Seiten

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