Deutschstunde

„Reeducation“ vor 75 Jahren

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens

Der Besinnungsaufsatz war in nationalsozialistischer Zeit ein beliebtes Mittel ideologischer Unterweisung. Nach Kriegsende hat er als „freie Erörterung“ seinen Platz im Schulunterricht behalten und wurde als Mittel charakterlicher Erziehung und Wertevermittlung eingesetzt, direkt nach Kriegsende auch zur „Reeducation“. Die Lehrerinnen und Lehrer, dieselben die auch vor 1945 unterrichtet hatten, sollten jetzt ihre Schülerinnen und Schüler von nationalsozialistischer Ideologie befreien und zur Demokratie zu erziehen. Siegfried Lenz hat das 1968 zum Thema seines Romans „Deutschstunde“ gemacht.

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Meine Mutter wuchs in Bergedorf auf, einem Vorort von Hamburg, das der britischen Besatzungszone zugeschlagen wurde. Sie war begeistertes „Jungmädel“. Allerdings hatten ihre Eltern, vor allem ihr Vater, ideologische Bedenken dagegen, dass sie „Führerin“ beim „Bund Deutscher Mädel“ wurde, für sie eine schwere narzisstische Kränkung, da fast alle ihre Freundinnen „Führerin“ waren. Sie empfand ihre Eltern als verknöchert und ewig-gestrig. Pubertierende mögen es nicht, wenn Eltern ihnen etwas verbieten.

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Bei Kriegsende war sie 15 Jahre alt. In der Turnhalle ihrer Schule wurde ein Lazarett eingerichtet, in dem man die Schülerinnen ihres Jahrgangs als „Hilfskrankenschwestern“ einsetzte. Pflegenotstand und „home-schooling“: Jeweils eine Schulklasse wurde im Wohnzimmer meiner Großeltern unterrichtet, wofür meine Großeltern Extra-Kohle erhielten. Nach „Schulschließung“ stritten sich meine Großeltern, wie gründlich das Wohnzimmer gelüftet werden müsste: Besser stickig oder besser kalt?   

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Meine Mutter sah in der Schule ein leider nicht ganz vermeidbares Übel und ließ sich die Hausaufgaben von verwundeten Soldaten aus der Turnhalle machen. Einer war gut in Mathematik, wo sie besondere Defizite hatte, einer schrieb Deutschaufsätze, wieder ein anderer konnte englisch. Manchmal war sie zu faul, um die Hausaufgaben abzuschreiben, und stellte erfreut fest, dass der Wechsel der Handschrift niemandem auffiel. Bei Klassenarbeiten kam sie allerdings um persönliche Präsenz nicht herum. Eine ihrer Klassenarbeiten fand ich beim Aufräumen nach ihrem Tod. Es sind mehrere Blätter braun gewordenes Papier, bei dem immer die Rückseite und manchmal auch Teile der Vorderseite bedruckt oder bereits beschrieben waren (manche Mitschülerinnen sollen Klassenarbeiten auf abgeschnittenen Zeitungsrändern verfasst haben). Tinte war wohl schwierig zu bekommen. Der Text ist jedenfalls mit Bleistift geschrieben.  

Hier stelle ich den vollständigen Text inklusive Rechtschreibfehler vor; in eckigen Klammern Korrekturen und Anmerkungen ihrer Lehrerin. Ich weiß nicht genau, wo diese Lehrerin politisch stand. Ich erinnere mich an spätere Schilderungen meiner Mutter, dass sie fast alle Nazis gewesen seien. Einer habe sich entschuldigt und zu begründen versucht, warum er noch wenige Wochen zuvor zu einem Urteil gekommen sei, das er jetzt für falsch halte. Dieser Lehrer stand seiner Ehrlichkeit wegen bei ihr hoch im Kurs. Die meisten aber hätten 1945 einfach ihren Kurs gewechselt und das nicht begründet. Meine Mutter empfand das als feige.

Ich glaube, meine Mutter hat in dieser Klassenarbeit im Wesentlichen ehrlich geschrieben, was sie dachte und hat nicht dem Lehrer oder der Lehrerin nach dem Mund geredet, jedenfalls nicht so sehr. Dennoch wird es ihr natürlich vor allem darum gegangen sein, eine gute Note zu erhalten. Hier der Text:

Wie beurteilen Sie einen brieflichen Gedankenaustausch mit englischen Schülerinnen?

Wenn ich früher einen Brief an Verwandte schreiben musste, dann fing ich fast jedesmal an zu weinen. Meine Mutter konnte mich schwer ans Briefeschreiben gewöhnen. Jetzt allerdings sitze ich sehr gern stundenlang und berichte von meinen Erlebnissen und Gedanken. So kommt es, daß ich jetzt mit vielen Menschen in regem Briefwechsel stehe. Das hat den Vorteil, daß ich von manchen Menschen, ihren Schicksalen und ihren verschiedenen Meinungen höre, aber auch ich kann dann sehr gern ausführlich von mir berichten. Ich glaube allerdings, daß ich, wie viele Menschen heute, zu sehr der Zeit der Technik angehöre, um lange poetische Briefe zu schreiben, wie es zur Zeit des 18. und 19. Jhdt. geschah. (dieser letzte Satz von ihr selbst wieder durchgestrichen)

Als ich nun hörte, daß Senatspräsident Handahl den Briefwechsel mit englischen Schülerinnen anregte, stimmte ich ihm trotz der allgemeinen Ablehnung zu. Ich erlebte es, daß die Menschen im Kino, als hiervon die Rede war, laut protestierten. Auf dem Weg vom Kino nach Hause überlegte ich nur, ob ich nicht jemanden in England kenne, mit dem ich in Briefverkehr treten könne. Wirklich habe ich kurz darauf angefangen [,] einem englischen Schüler, den meine Eltern kannten, zu schreiben. Ich halte es für mich, [Komma gestr.] und die die [wh. gestr.] deutsche Jugend, [Komma gestr.] sogar [für] notwendig, daß wir anfangen, andere Länder kennen zu lernen. Wir nehmen nichts von unserer [verletzen in nichts unsere] Ehre als Deutsche, wie manche meinen, wenn wir Englands politischen und wirtschaftlichen Aufbau kennenlernen, um dadurch vielleicht selbst einmal unser zerstörtes Vaterland aufbauen zu können. Wie sollten wir, ohne uns nach dem Beispiel anderer Völker zu richten [Ausdruck], wieder ein existenzfähiges Deutschland aufrichten [Ausdruck wh., Fragezeichen fehlt] Mir wäre es sehr interressant [interessant] von einer [engl.] Schülerin zu hören, wie die so viel gepriesene Demokratie in der Wirklichkeit aussieht. Ich möchte wissen, ob sich wirklich das ganze Volk politisch beteiligt. Auch über Englands Wirtschaftspolitik möchte ich hören. Besonders gern möchte ich meine Briefkameradin fragen, ob sie die vielen Streiks gut heißen [Re] kann. – Mich als Schülerinn [Re] interressiert [Re wh.] es natürlich besonders, wie es in den englischen Schulen aussieht [,] welche Fremdsprachen in England gelehrt werden, und ob es noch viele englische Internate gibt, so wie es uns in den Englischbüchern erzählt wird. Oft mache ich mir auch Gedanken, ob die soziale Fürsorge so verbreitet ist, wie es bei uns der Fall war, und welchen Lebensstandart [Re] der englische Arbeiter hat. – Alle diese Fragen konnte [könnten] mir im Laufe der Zeit beantwortet werden. Ich wüsste dann eher [,] wie ich England, seine Politik und seinen wirtschaftlichen Aufbau beurteilen soll. Aber außer diesen sehr aktuellen Fragen würde ich sehr gern etwas von der englischen Kunst erfahren. Ich möchte von englischer Literatur hören, von der Malerei, und vor allem von englischer Musik. Nach meinem Wissen habe ich noch nie wirklich gute englische Musik gehört. Ich würde meiner Briefkameradin schreiben, wie sehr ich die deutsche Musik, die deutsche Literatur und die [dt.] Malerei liebe. Ich mochte [möchte] ihr schreiben, wie verständnislos ich Shakespeare und den anderen englischen Schriftstellern gegenübergestanden habe [heute nicht mehr?], und sie fragen, ob es ihr bei Goethe und Schiller auch so erging. Auch von berühmten engl. [nicht abkürzen] Malern habe ich nie etwas gesehen. Um englische Kunst wirklich kennenzulernen, wäre es herrlich, wenn ein englischer Schüleraustausch stattfinden könnte. Ich würde dann vielmehr [Re] in die englischen Verhältnisse hineinsehen können. Dann erst könnte ich Land und Leute wirklich kennenlernen. Ich würde sehen, wie die Stimmung des englischen Volkes gegen die deutschen ist. – Aber dieses [dies] sind nur Träume. Für den Augenblick kommt höchstens ein brieflicher Verkehr zustande. Aber auch bei diesem würde ich viel lernen können. Vor allem konnte [könnte] ich meine Englischen [englischen] Sprachkenntnisse, die bis jetzt sehr lückenhaft sind, erweitern. Ich will hoffen, daß meine zukünftige Briefkameradin die deutsche Sprache nicht beherrscht, so daß ich gezwungen bin [,] mich englisch auszudrücken.

Als ich nun [gestr.] das erstemal [erste Mal] daranging, einen Brief an den englischen Schüler zu schreiben, begann ich vor allem einmal von meinem Zuhause zu erzählen und von den Erlebnissen im Krieg, von unserer Heimatstadt und auch von meinen persönlichen Erlebnissen. Ich hoffe, daß auch er mir ausführlich von sich und England im Krieg erzählt. Eine meiner ersten Fragen war, ob englische Knaben und Mädel auch Kriegseinsätze gemacht haben, wer diese geleitet hat und welcher Art sie waren. Aber auch von den Erlebnissen nach dem Waffenstillstand habe ich geschrieben und bat ihn, mir auch davon zu berichten. Ich hoffe, daß aus diesem mit Erlebnisberichten begonnenen Brief ein reger Gedankenaustausch wird, der mir die Vorurteile, die ich wie viele andere unserem früheren Feind gegenüberhabe [Re], nimmt und der mithilft eine Brücke zum Verständnis zwischen England und Deutschland zu schlagen.

[2- Hn]

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