„Die heutige Predigt war unerträglich“

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens

Zurzeit erbittet der Evangelische Kirchenkreis Düsseldorf ein „Bürgergutachten“, in dem die Düsseldorfer Bürgerinnen und Bürger ihre Wünsche und Erwartungen an die Evangelische Kirche formulieren sollen.

Früher gehörte ein viel größerer Teil der Bevölkerung einer Kirche an; der Kontakt fand stärker auf der direkten Ebene statt und wahrscheinlich oft mündlich. Manch eine oder einer schrieb aber auch einen Brief.

Für die jüngeren unter Ihnen: Hierzu führte man mit der Hand einen Füllfederhalter über ein Blatt Papier, faltete es und steckte es in einen Umschlag, auf den man oben rechts ein rechteckiges und gezacktes Papierstückchen klebte. Die damaligen mail-Adressen auf der Vorderseite des Umschlags enthielten Straßennamen, Hausnummer, Wohnort sowie: „Vergiss mein nicht die Postleitzahl“.
Das dauert länger, war mühsamer und man konnte auch keine elektronischen Anhänge verschicken. Allerdings führte die Umständlichkeit des Verfahrens unter Umständen auch dazu, dass manche Menschen erst nachdachten und danach ihre Meinung posteten.

Mailbox und Handy (von links nach rechts) in den achtziger Jahren,
Foto: Axel Kirch, Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0

Shitstorms kamen unter diesen Kommunikationsbedingungen natürlich selten vor, zumal man für jede mail einzeln bezahlen musste. Dennoch waren dezidierte Meinungsäußerungen möglich und kamen auch vor. Eine solche erreichte den katholischen Dorfpfarrer Martin Heinrich Lemmen nach der Messe zu Mariäe Heimsuchung am 17. Juli 1960:

„Eben komme ich aus der heutigen 10 Uhr-Messe. Ich halte mich als Mitglied der Pfarre für verpflichtet, Ihnen folgendes zu schreiben: Ihre Predigten sind gut, wenn Sie sie vorbereitet haben, schlecht, wenn das nicht der Fall ist. Leider kommt das häufig vor. Die heutige Predigt war unerträglich, sie war mit Ihren Pflichten als Geistlicher auf der Kanzel einfach unvereinbar […]. Es war ein wirres Durcheinander von Wahrheiten – Halbwahrheiten – unzutreffenden Behauptungen. Sie war daher voll von Widersprüchen […] Sie dürfen etwas Derartiges den zahlreichen Besuchern des Gottesdienstes nicht bieten. Das gilt gleichfalls, abgesehen von besonderen hohen Festtagen, von der seelenlosen Ausgestaltung des Gottesdienstes, schlechter Gesang, unbekannte Lieder, Fehlen einer der Würde und der Bedeutung der hl. Messe entsprechenden Ausschmückung des Altares und des Chores, die Ihre Pfarrkinder und die Fremden mit Recht verlangen. Sie werden durch meinen Brief verletzt sein. Ich bedaure das, aber ich kann nicht anders. Seit Jahren habe ich mir das Schreiben eines solchen Briefes immer wieder vorgenommen, dann aber es doch unterlassen. Ich habe mich nunmehr dazu entschlossen und bitte Sie, immer daran zu denken, dass die Gemeinde nicht des Pfarrers wegen da ist, sondern der Pfarrer der Gemeinde wegen. Sie sind ein guter Priester, ein guter Theologe, aber bis jetzt verstehen Sie nicht die Bedürfnisse Ihrer Pfarrkinder. Ihr Verhältnis zur gesamten Gemeinde ist erschütternd. Wenn nicht eine grundlegende Änderung eintritt, sinkt das religiöse Leben in Ihrer Pfarre, das jetzt schon sehr gering ist, immer weiter ab […] Ihr Konrad Adenauer“ Quelle: Rudolf Morsey/Hans-Peter Schwarz (Hrsg.), Adenauer. Rhöndorfer Ausgabe, Briefe 1959-1961, bearbeitet von Hans Peter Mensing, Berlin 2004, Nr. 115, S. 130-132.

Blick aus Adenauers Wohnzimmer auf die Kirche von Rhöndorf,
Foto: Raimond Spekking (Wikimedia Commons), Lizenz (CC BY-SA 4.0)

2 Kommentare

  1. Reinhard Mawick

    Kult!

  2. Wunderbar, Uwe!

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