Die Kirche und die Große Transformation – oder: Aus gutem Grund Evangelisch!

Dr. Martin Fricke
von Dr. Martin Fricke

Vor 77 Jahren prägte der österreichische Wirtschaftssoziologe Karl Polanyi den Begriff der Großen Transformation. Er beschrieb damit den tiefgreifenden wirtschaftlichen und staatlichen Wandel der westlichen Gesellschaftsordnungen in den letzten Jahrhunderten. Aber fast möchte man meinen, ein Gespür für diese Große Transformation sei erst heute im allgemeinen Bewusstsein angekommen. Erst heute realisieren wir, dass sie alle, wirklich alle Lebensbereiche betrifft – auch die persönlichen.

Francis Fukuyama, amerikanischer Politologe, der 1989 mit seiner These vom „Ende der Geschichte“ Furore machte (gemeint war das vermeintliche Ende der Konkurrenz der großen ideologischen Systeme), hat das am Beispiel des Begriffs der Identität beschrieben. Die Liberalisierung unserer wirtschaftlichen und sozialen Ordnungen in den letzten Jahrzehnten kennt eigentlich keine Verlierer*innen, ist ihre Verheißung doch die große Freiheit aller. Sie bringt sie aber ständig hervor, weil sie Ungleichheiten schafft, die sie nicht heilen kann. Mit der Folge, dass gemeinsame wie individuelle Identitäten fragwürdig werden. So suchen die einen Halt in kleinen identitären Gemeinschaften, während die anderen sich nach neuen (alten) Autoritäten sehnen, die allgemein identitätsstiftend wirken. Die Welt scheint sich zwei entgegengesetzte, immer rasanter fortschreitende Bewegungen aufzuspalten: in die einer Fragmentierung unzähliger Lebenswelten (nicht nur im Netz) einerseits , in die einer zentralistischen Vereinheitlichung aller Lebensbereiche (bei uns in der Regel unter ökonomischen, anderswo unter politischen Gesichtspunkten) andererseits.  

Freiheitliche Selbstbestimmung, auch und gerade der eigenen Identität, mit dem Sinn und einer offenen Haltung für verbindend Gemeinsames zu vereinbaren, ohne das es eine Freiheit aller gar nicht geben kann, ist eine Kunst. Wir beherrschen sie nur schlecht – wie man an der allgemeinen Verstörung sehen kann, die Querdenker und Verschwörungsgläubige gerade auslösen. Im Ernstfall fliehen wir gerne in´s Unverbindliche. Wem aber die Retro-Romantik von Gottschalks TV-Lagerfeuer am Samstagabend nicht genügt, der oder die könnte nach der Kirche fragen. Nur ist die gerade selbst mitten im Transformationsprozess. Wie sollte es auch anders sein, ist sie ja Teil der Welt, in der wir leben. Doch möglicherweise liegt gerade darin ihre Chance.

Denn Transformation heißt ja nicht nur, nach einer aussichtsreichen Zukunft zu fragen, sondern sich auch seines guten Grundes zu versichern. Der gute Grund der Evangelischen Kirche aber ist und bleibt – das Evangelium: die gute Nachricht, dass der Ewige uns und die Welt, in der wir leben, nicht verloren gibt, mögen die Stürme der Zeit auch noch so heftig toben und mehr Schatten zu sehen sein als Licht.

Ich meine, wo sie dieses Evangelium gelten lässt, ist die Evangelische Kirche geradezu prädestiniert, ein Ort (oder besser: ganz viele verschiedene Orte) für produktive Perspektiven auf das Verhältnis von Freiheit und Gemeinschaft zu sein. Der klassische Ort für Haltungen, die neben dem eigenen auch das Wohl der anderen im Blick haben und klaren Verstand den Wolkenkuckucksheimen vorziehen. Ein fragender (weil sich selbst in Frage stellender) Ort für neue Weisen, möglicherweise ziemlich nicht-religiös fromm zu sein. Vor allem aber ein (vielleicht?) traumtänzerischer Ort, an dem niemals akzeptiert wird, dass es in dieser Welt Verlierer*innen geben muss! Weil die Geschichte der Suche nach einer Welt, die so ist, wie der Ewige sie gemeint hat, eben nicht zu Ende ist. Und weil die die gute Botschaft, dass wir dem Ewigen recht sind, wie wir sind – mit all´ unseren Fehlern, den verlorenen Fäden unserer Hingabe, dem Zweifel und der Verzweiflung –, die Fesseln unseres kleinen Egos zerreißt und die engen Grenzen unseres Zeitgeistes sprengt. 

Zusammenhänge von Freiheit und Gemeinschaft, Identität und Nächstenliebe darzustellen – das ist unser Auftrag als Evangelische Kirche. Oder besser: unsere Kunst! Wir praktizieren sie nicht, indem wir auf die Einhaltung religiöser Regeln pochen. Auch nicht, indem wir uns an Kirchenordnungen klammern. Und schon gar nicht, indem wir die Konventionen unserer „Kerngemeinden“ fortschreiben. Nein, die wahre Kunst der Evangelischen Kirche ist, das Evangelium der Welt zu öffnen: ein Ort zu sein für Suchende und Sichere, für Frohgemute und Verzweifelte, für Virtuosen des Glaubens ebenso wie für religiös Unmusikalische.

Als ein solcher Ort wird die Kirche eine gute, den Menschen dienliche Rolle in den vielfältigen Transformationen unserer Zeit spielen. Wenn nicht so, wie dann?! Vor allem aber: Wenn nicht sie, wer dann?!

Seien Sie behütet!                                                                                                            

Martin Fricke.

PS: Meine Überlegungen zur Großen Transformation und zum Begriff der Identität beziehen sich auf:

  • Karl Polanyi, The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, stw 260, Frankfurt a.M. (152021) und
  • Francis Fukuyama, Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet, Hamburg (2019).

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