Die Theologie hat ausgedient! Ein (durchaus provokativ gemeinter) Zwischenruf

Dr. Martin Fricke
von Dr. Martin Fricke

Was hat die Kirche eigentlich in den letzten Monaten gelernt? – Vielleicht dies: Die Theologie hat ausgedient, Theologisieren ist angesagt!

Die Notwendigkeit, digitale Medien zu nutzen, hat uns in´s Offene gezwungen: in die vielen virtuellen Öffentlichkeiten, die für die meisten Zeitgenossen ganz reale Räume sind. Räume, in denen sie sich täglich bewegen. Diese Räume aber sind nicht abgeschlossen, oft nicht einmal klar definiert: Man kommt und geht, vernetzt sich heute hier und morgen dort. Und wenn es gut läuft, stiftet, was Resonanz auslöst, über das bloße „Liken“ hinaus eine neue Community. Auf Zeit vielleicht nur, aber die fließt ja bekanntlich, und neue Fragen erfordern neue Antworten.

Wir haben angefangen zu experimentieren. Wir entdecken, dass auch die „religiös Unmusikalischen“ nach dem Sinn fragen, und beginnen, ihre Sprache zu lernen. Unsere Gottesdienste sind pointierter geworden, und wir Pfarrer*innen predigen in handlicheren Portionen. Facebook, Instagram und Twitter schulen uns darin, Inhalt und Identität zusammenzuhalten. Denn die frömmste und gelehrteste Verkündigung ewiger Wahrheiten bleibt deprimierend uninteressant und daher wirkungslos, wenn sie nicht authentisch ist. Wir lernen auf´s Neue, was es heißt, Zeugnis abzulegen.
Wenn das so weitergeht… Dann ist die Kirche nicht länger ein Gegenüber zu „der Öffentlichkeit“, sondern geht in den vielen Öffentlichkeiten und Gemeinschaften auf, in denen die Menschen leben. Dann ist Theologie nicht länger eine Ressource, um auf die Welt einzureden und sie nach unserem Bilde zu formen (was, seien wir ehrlich, schon lange nicht mehr funktioniert), sondern wird ein Prozess gemeinschaftlicher Auseinandersetzung mit Gott und der Welt. Ein Prozess des Theologisierens eben!

Wenn das so weitergeht… Dann verändert sich die Kirche schneller, als wir noch vor einigen Monaten dachten: weg vom Frontalunterricht sonntagmorgens um 10 hin zu Netzwerken geteilten Glaubens (und Zweifelns), vom Dogma zum Dialog, vom Gegenüber von „Amt“ und „Gemeinde“ zu Partizipation und allgemeinem Priestertum, vom Strukturkonservativen zum Geistwirken – von der (fertigen) Theologie zum (offenen) Theologisieren.

Wenn das so weitergeht… Hoffentlich!

Seien Sie behütet!

Dr. Martin Fricke.

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