Eine Floßfahrt mit Rilke und Buddha

von Harald Steffes

Bekannt und oft thematisiert ist der Umstand, dass Rainer Maria Rilke (1875–1926) in jungen Jahren ab 1905 eine zeitlang als Sekretär für den französischen Bildhauer August Rodin gearbeitet hat. Ebenso bekannt ist, dass der Dichter Zeit seines Lebens eine große Offenheit und Sensibilität für religiöse Themen und Strömungen hatte.

Portrait Rainer Maria Rilkes von Leonid Pasternak

Nun ist auf ein Buch hinzuweisen, das in einem Schnittpunkt dieser beiden Themenkomplexe angesiedelt ist. Kein geringerer als Karl-Josef Kuschel erzählt die Geschichte eines ungewöhnlichen Dialogs. Der katholische Theologe lehrte von 1995-2013 an der Universität Tübingen „Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs“. Seit 2012 Mitglied des Kuratoriums der im Umfeld von Hans Küng gegründeten »Stiftung Weltethos« wurde Kuschel 2015 zudem in den Stiftungsrat des Börsenvereins zur jährlichen Vergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels berufen. Seine zahlreichen Veröffentlichungen zum Dialog zwischen Religion und Literatur eröffnen zumeist auch eine interreligiöse Perspektive.
Nun also hat er die Geschichte des Dialogs zwischen Rilke und Buddha geschrieben. Was hat einen der Großen der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts ausgerechnet an der Gestalt des Buddha interessiert? Wie kommt es dazu, dass er gleich drei Buddha-Gedichte verfasst? Kuschel beginnt seine Spurensuche beim Nachweis, dass Rilke im Garten Rodins  einer Buddha-Statue begegnet ist, die ihn offenbar stark beeindruckte. Und er zeigt, wie die Auseinandersetzung mit dem Buddhismus für Rilke eine Durchgangsstation auf dem Weg zu sich selbst ist. (Dass bei Rilke – ähnlich wie bei Hesse, Benn oder Brecht und anderen – die Wahrnehmung der östlichen Religionen stark von einem eurozentristischen Blick geprägt ist, kann hier nur beiläufig erwähnt sein.)

Kuschel zieht das Fazit:„Wer Buddha richtig verstanden hat, braucht Buddha nicht mehr“. Dabei bezieht er sich auf einen Schlüsseltext aus den Buddha-Reden: Das Gleichnis vom Floß (in der Übersetzung von Karl Eugen Neumann).

Buddha, Tokyo National Museum

Um seiner Schönheit willen sei dieses Gleichnis komplett wiedergegeben:

Das Gleichnis vom Floß

„Als Floß, ihr Mönche, will ich euch die Lehre weisen, zum Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten. Das höret und achtet wohl auf meine Rede.“
„Ja, o Herr!“ antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam.
Der Erhabene sprach also:
„Gleichwie, ihr Mönche, wenn ein Mann, auf der Reise, an ein ungeheueres Wasser käme, das diesseitige Ufer voller Gefahren und Schrecken, das jenseitige Ufer sicher, frei von Schrecken, und es wäre kein Schiff da zur Überfuhr, keine Brücke diesseits um das jenseitige Ufer zu erreichen. Da würde dieser Mann denken: ‚Das ist ja ein ungeheueres Wasser, das diesseitige Ufer voller Gefahren und Schrecken, das jenseitige Ufer sicher, frei von Schrecken, und kein Schiff ist da zur Überfuhr, keine Brücke diesseits um jenseits hinüberzugelangen. Wie, wenn ich nun Röhricht und Stämme, Reisig und Blätter sammelte, ein Floß zusammenfügte und mittels dieses Floßes, mit Händen und Füßen arbeitend, heil zum jenseitigen Ufer hinübersetzte?!‘
Und der Mann, ihr Mönche, sammelte nun Röhricht und Stämme, Reisig und Blätter, fügte ein Floß zusammen und setzte mittels dieses Floßes, mit Händen und Füßen arbeitend, heil ans jenseitige Ufer hinüber. Und, gerettet, hinübergelangt, würde er also denken: ‚Hochtheuer ist mir wahrlich dieses Floß, mittelst dieses Floßes bin ich, mit Händen und Füßen arbeitend, heil ans jenseitige Ufer gelangt: Wie, wenn ich nun dieses Floß auf den Kopf heben oder auf die Schultern laden würde und hinginge, wohin ich will?‘ Was haltet ihr davon, Mönche? Würde wohl dieser Mann durch solches Tun das Floß richtig behandeln?“
„Gewiss nicht, o Herr!“
„Was hätte also, ihr Mönche, der Mann zu thun, damit er das Floß richtig behandelte ? Da würde, ihr Mönche, dieser Mann, gerettet, hinübergelangt, also erwägen: ‚Hochtheuer ist mir wahrlich dieses Floß, mittelst dieses Floßes bin ich, mit Händen und Füßen arbeitend, heil an das jenseitige Ufer hinübergelangt. Wie, wenn ich nun dieses Floß ans Ufer legte oder in die Fluth senkte und hinginge, wohin ich will?‘ Durch solches Thun, wahrlich, ihr Mönche, würde dieser Mann das Floß richtig behandeln. Ebenso nun auch, ihr Mönche, habe ich die Lehre als Floß dargestellt, zum Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten.
Die ihr das Gleichnis vom Floße,
ihr Mönche, verstehet,
Ihr habt auch das Rechte zu lassen,
geschweige das Unrecht.“

Die große imaginative Kraft dieses Textes aus der buddhistischen Tradition spricht wohl für sich selbst. Dennoch seien zwei Anmerkungen zum Umgang mit der philosophischen und  theologischen Traditionen erlaubt.

Die Betonung, dass die Lehre „zum Entrinnen tauglich“ sei und „nicht zum Festhalten“ legt den Finger in eine Wunde. Allzuoft und allzuschnell wird im christlichen Kontext vergessen, dass speziell die protestantische Lehre immer ein Korrektiv bleiben muss. Wird sie zum normativen Text, der einfach nur noch bewahrt wird, weil er „Tradition“ ist, muss an Jesu Worte aus der Bergpredigt erinnert werden: „Wenn aber das Salz schal wird, womit soll man salzen? Genau dieses Gefühl, dass das Salz des Christentums nicht mehr genug Würze besitzt, hat zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts eben nicht nur Rilke auf die Suche nach östlichen Weisheiten gelockt.

Rilke erkennt nach Kuschel in Buddha ein „nichtdualistisches Gottesverständnis“. Gott wird hier nicht verobjektiviert und nicht funktionalisiert. Es geht also nicht um den „Gott des Mittelalters“. Es geht nicht um das Thema „lieben und wiedergeliebt werden“ wie Rilke es im Christentum wahrnimmt. Gerade die Distanz, die Stille, die Schweigsamkeit und die geistige Konzentration ermöglichen schöpferische Kreativität. Gerade so ermöglicht der Buddha eine Selbstbestimmung, die letztlich über ihn selbst hinausweist.

Nun aber muss eine stilistische Eigentümlichkeit der zitierten Rede Buddhas betrachtet werden. Die Treue bei den zahlreichen wörtlichen Wiederholungen ist auffällig. Diese Treue bedeutet eben nicht, die gelehrte Tradition über Bord zu werfen. Sie schärft im Gegenteil ein, die Tradition nicht an allen Orten so zu behandeln, als sei sie tauglich, um vorwärts zu kommen.

„Zum Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten“ bedeutet dann protestantisch gesprochen, die biblischen Texte, die reformatorischen Bekenntnisschriften und die späteren protestantischen „Kirchenväter“ weder zu verabsolutieren noch zu ignorieren.

Diese Gedankenstruktur begegnet übrigens nicht nur bei Buddha und im Christentum, sondern auch in der Philosophie. Man denke an einen der großartigsten Texte der Philosophie des 20. Jahrhunderts, der in diesem Jahr sein 100-jähriges Erscheinen feiert: Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“. Auch Wittgenstein verwendet ein Gleichnis, um die Situationsbezogenheit von Gedanken zu verdeutlichen: das Leiter-Gleichnis:

„Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)
Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“

Auch wenn wir mit dem letzten Absatz deutlich jenseits von Kuschels Überlegungen zu Rilkes Buddhismusrezeption stehen, so verdeutlicht dieser Absatz doch, wie wichtig die Entdeckungen Rilkes im Buddhismus sind. Eben das Floß-Gleichnis schärft einen Gedanken ein, der auch andernorts verständlich und wichtig ist. Vor allem wenn man fröhlich seines Lebensweges zieht, immer auf der Suche nach anderen Ufern, gilt es zu unterscheiden was „zum Entrinnen tauglich“ ist, aber „nicht zum Festhalten“.

Rilke erkennt und anerkennt in der Begegnung mit Buddha Notwendigkeit und Chance zur Selbstreflexion. Diese führt niemals zu einem Ergebnis, bei dem man es bewenden lassen kann. „Wer Buddha richtig verstanden hat, braucht Buddha nicht mehr“. Und wer einen Fluss überquert hat, wird bald vor einem neuen stehen.

Wie der Mönch sein Floß zurücklässt, wie der Leser Wittgensteins irgendwann seine Leiter nicht mehr benötigt, so war für mich die Himmelsleiter eine willkommene Gelegenheit zum angemessenen Umgang mit der protestantischen Tradition einzuladen, die ich gerne genutzt habe.

Dieser Beitrag aber war mein letzter Beitrag für die Himmelsleiter. Allen Leserinnen und Leser wünsche ich für die Zukunft Gutes. Wir sehen uns. Vielleicht bei meiner Verabschiedung am 26. Oktober. Spätestens aber am jenseitigen Ufer.

Ihr

Harald Steffes

Karl-Josef Kuschel: Als ob er horchte. Rainer Maria Rilkes Dialog mit Buddha, 208 Seiten, mit Schutzumschlag, Leseband und SW-Fotografien

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