Empörung und Sachlichkeit

Dr. Martin Fricke
von Dr. Martin Fricke

„Empört Euch!“ hieß vor elf Jahren ein kleines, kaum 20 Seiten starkes Büchlein des inzwischen verstorbenen französischen Diplomaten und Essayisten Stéphane Hessel (1917-2013). In der Zeit der deutschen Besatzung Frankreichs selbst Kämpfer der Résistance und Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, fordert Hessel die Jüngeren darin vehement zu (friedlichem!) Widerstand gegen Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Umweltzerstörung auf. Wenn es für Fridays for Future so etwas wie ein vorweggenommenes Manifest aus der Erwachsenenwelt gibt, dann ist es diese Streitschrift des zornigen alten Mannes aus Paris.[1]

Ich habe das Büchlein damals regelrecht verschlungen (und sogar eine Predigt darüber geschrieben[2]). Weil es neue Horizonte eröffnet, die wir möglicherweise heute mehr denn je benötigen. „Widerstand leisten heißt Neues schaffen“, schreibt Hessel. Widerstand aber komme aus Empörung. „Ich wünsche allen, jedem Einzelnen von euch einen Grund zur Empörung. Das ist kostbar. Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Naziwahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert. Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte, und der große Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf dank dem Engagement der Vielen – zu mehr Gerechtigkeit und Freiheit, wenn auch nicht zur schrankenlosen Freiheit des Fuchses im Hühnerstall. Die in der `Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte´ (zutreffender: `Universelle Erklärung der Menschenrechte´) von 1948 niedergelegten Rechte sind universell. Wann immer sie jemandem vorenthalten werden, und ihr merkt es: Nehmt Anteil, helft ihm, in den Schutz dieser Rechte zu gelangen.“

So sehr mich diese Sätze vor elf Jahren begeistert haben, so nachdrücklich möchte ich sie heute ergänzen. Empörung braucht Sachlichkeit! Ja, es stimmt: Nüchterne Sachlichkeit allein, ohne den Motor der Empörung, bleibt steril und unbewegt. Das gilt für politische Debatten, für den gesellschaftlichen Diskurs und bisweilen sogar für wissenschaftliches Denken und Forschen. Aber Empörung ohne Sachlichkeit ist ziellos. Und wenn es ganz schlecht läuft, kann sie zerstörerisch sein.

Vor einer Woche schrieb ich in diesem Blog einen Beitrag zum Impfen.[3] In dessen Zentrum stand ein Gedankenexperiment. Am Ende sprach ich die Einladung aus, dieses Gedankenexperiment einmal selbst zu machen. Experimente sind immer ergebnisoffen. Und ich gestehe, dass man die Frage, ob bereits vollständig Geimpfte und die, die noch auf Impfungen warten müssen, überhaupt und in derselben Weise Einschränkungen ihrer unveräußerlichen Freiheitsrechte unterliegen sollen, so oder so beantworten kann. Mit guten Gründen! Eben darum ja – neben der Präsentation meines persönlichen Ergebnisses – die Einladung zum Gedankenexperiment und zum Austausch darüber. Ganz sachlich!

Fehlgeleitete Empörung wurde mir in der Kommentarspalte daraufhin von einer Leserin des Beitrags vorgeworfen, die meine Meinung offensichtlich nicht teilt. Durchaus empört übrigens, eben weil sie meine Meinung nicht teilt. So entpuppt sich der Vorwurf als Projektion derer, die nur noch den Modus der Empörung kennt, nicht aber die sachliche Auseinandersetzung. Siehe oben! (Quer zu denken war einmal eine der größten Tugenden unserer Geistesgeschichte. Und sie ist es für meine Begriffe immer noch. Aber leider sind die, die sich heute „Querdenker“ nennen, in der Regel Empörungsdenker.)

Natürlich ist die kommentierende Empörungsgeste veröffentlicht worden. Wie alle Kommentare zu diesem Blog veröffentlicht werden, solange sie niemanden persönlich verletzen oder gegen die Menschenwürde verstoßen. Weil für uns die Freiheit – in diesem Fall die Freiheit, eine Meinung zu haben und sie zu äußern – mindestens so wichtig ist wie der Kommentatorin. Und das nicht nur in der „Woche der Meinungsfreiheit“.

In aller gebotenen Sachlichkeit möchte ich aber darauf hinweisen, dass wirklich empörend gerade ganz anderes ist. Wirklich empörend ist zum Beispiel, wenn Synagogengemeinden in Deutschland für etwas verantwortlich gemacht werden, das man meint, am Staat Israel und seiner Politik kritisieren zu müssen. Wirklich empörend ist, wenn bei uns in Düsseldorf das Mahnmal für die 1938 von den Nationalsozialisten niedergebrannte Synagoge an der Kasernenstraße geschändet oder vor den Synagogen in Bonn und Münster israelische Flaggen angezündet werden. Wirklich empörend ist, wenn man meint, die Meinungen, den Glauben oder gar die Existenz anderer mit (sprachlicher oder physischer) Gewalt bekämpfen zu dürfen. Wirklich empörend ist der mittlerweile wieder unverhohlene Antisemitismus in unserem Land, der nach Widerstand aller Wohlmeinenden schreit!

„Widerstand leisten heißt Neues schaffen“, schrieb Stéphane Hessel. Also „empört Euch!“ Mit nüchterner Sachlichkeit, wachem Verstand und heißem Herzen. Und seien Sie in allem behütet!

Martin Fricke


[1] Stéphane Hessel, Empört Euch!, aus dem Französischen von Michael Kogon, Berlin 2011.

[2] https://www.johanneskirche.org/medien/downloads/stadtpredigten/stadtpredigten-2010-2019/stadtpredigten-2011/218-empoert-euch-oder-stroeme-lebendigen-wassers/file.html.

[3] https://himmelsleiter.evdus.de/fairness-ein-gedankenexperiment/.

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