Genozid und Flucht aus Bosnien

von Dr. Uwe Gerrens/
Foto Sergeij Lepke

Interview mit Sejfuddin Dizdarevic

Mein Gesprächspartner, Sejfuddin Dizdarevic, gehört ehrenamtlich zum Vorstand des Kreises der Düsseldorfer Muslime, privat arbeitet er in der Mediabranche. Er stammt aus der Stadt Zenica, Bosnien.

Uwe Gerrens: Ich erinnere mich noch gut an den Sommer 1995. Es war sehr heiß, meine Frau war schwanger mit unserem ersten Kind, wir wohnten direkt unter einem in der Sonne aufheizenden Dach. Ich war mitten in der Examensvorbereitung und stellte jeden Abend fest, dass ich nicht alles geschafft hatte, von dem ich meinte, dass man das fürs Examen wissen müsste. Schon über mehrere Jahre waren jeden Abend in der Tagesschau Berichte über die Jugoslawienkriege gekommen. Irgendwann, ich kann das nicht mehr genau datieren, kamen Berichte über Massenvergewaltigungen in Bosnien. Meine Frau, damals Vikarin in einem Hamburger Vorort, also noch in der Ausbildung zur Pfarrerin, organisierte Fürbittgebete in ihrer Gemeinde, die auch trotz Ferien sehr gut besucht waren. An Bilder aus Srebrenica kann ich mich nicht erinnern. Wahrscheinlich gab es auch keine, später allerdings Fernsehaufnahmen vom Beschuss von Sarajewo. Wie war das bei Dir? Kannst Du dich an die Stimmung vor Deiner Flucht erinnern? Wie alt warst Du und was hast Du schon vorher begriffen?

Sejfuddin Dizdarevic: Als der Krieg losbrach war ich 15. Ich habe meine 8-jährige Grundschulzeit beendet und im Mai 1992 schickte man uns in die vorzeitigen Ferien. Die Atmosphäre war schon angespannt; ich kann mich erinnern, wie die ersten Flüchtlinge in meine Heimatstadt Zenica kamen, die Grausames berichteten. Ohne zu ahnen, dass ich bald auch einer sein werde. Irgendwann beschloss mein Vater mich zu seiner Schwester nach Düsseldorf zu schicken. Für mich war es damals ein großes Abenteuer. Unter der Plane eines LKWs ging es zunächst für einige Mitglieder meiner Familie in einer 24-stündigen Fahrt nach Zagreb, wo uns mein Onkel aus Düsseldorf abholte. Obwohl einige hundert Kilometer entfernt, dauerte die Fahrt so lange, weil man ständig von irgendwelchen Milizen und Polizisten angehalten wurde.

Uwe Gerrens: Als Dein Onkel Deine Verwandten und Dich mit dem Auto abholte, um Euch für einige Wochen nach Deutschland zu holen, hast Du da Angst gehabt, oder haben die Erwachsenen versucht, den Kindern gegenüber versucht, die Gefahr kleinzureden? Hast Du damals verstanden, worum es ging? Habt ihr später darüber gesprochen?

Sejfuddin Dizdarevic: Ich hatte keine Angst, nein. Ich war fest davon überzeugt, dass ich in Düsseldorf 3 Monate über die Sommerferien bleibe und ging davon aus, dass ich im September 1992 meine Schule in Bosnien fortsetzen werde. Aus 3 Monaten sind mittlerweile 30 Jahre geworden. Die Erwachsenen waren selbst mit der Situation überfordert und konnten sich selber die Umstände nicht erklären, geschweige denn sie den Kindern verständlich zu machen. Ich verstand in Ansätzen schon, worum es ging, was ich nicht verstand, woher der Hass kam und wie leicht er zu aktivieren war.

Uwe Gerrens: Nach einigen Wochen musstest du plötzlich ohne Deutschkenntnis in eine deutsche Schule. Wie war das für Dich? Ihr wolltet doch nur kurz in Deutschland bleiben, bis die Lage sich wieder beruhigt, und du wieder in Deine bosnische Schule gehen kannst. Wann hast Du begriffen, dass Du nicht zurückkannst?

Sejfuddin Dizdarevic: Als das Schulamt am Burgplatz mir einen Brief für die Einschulung schickte, fiel ich aus allen Wolken. „Warum sollte ich eingeschult werden, ich bin hier eigentlich als Tourist gekommen,“ dachte ich damals. Aber spätestens dann ist mir klar geworden, dass dies ein längerer Aufenthalt sein wird.

Uwe Gerrens: Im Dezember 1992 sind deine Mutter und dein Bruder nach Bosnien zurückgekehrt, und Du bist, frisch verliebt, bald auch verheiratet, in Deutschland zurückgeblieben. Wie ist das heute, wenn Du in Deine Heimatstadt kommst? Nah oder fern? Heimat oder Nicht-Heimat?

Sejfuddin Dizdarevic: Auch wenn ich seit 30 Jahren in Zenica nicht mehr lebe, fühle ich mich trotzdem wohl in der Stadt, wenn ich sie besuche. Natürlich hat sich vieles verändert und man hat sich in einigen Punkten auseinandergelebt, trotzdem ist es erstaunlich, wie schnell man sich wieder einlebt.

Uwe Gerrens: Wann hast Du von Srebrenica erfahren und wie war das für Dich?

Foto: Srebenica Potocarie-Memorial Center, Wikimedia CC

Sejfuddin Dizdarevic: Der Genozid von Srebrenica wurde am Ende des Krieges im Juli 1995 begangen. Während des ganzen Krieges – obwohl ich in Sicherheit war – habe ich Einladungen für Ausflüge, Klassenfahrten, Urlaub nicht wahrgenommen, weil ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren konnte. Und ausgerechnet als der Genozid passierte, war ich im Urlaub in Barcelona. Zum Entsetzen und Trauer über das Schicksal der 8.372 ermordeten Männer empfand ich auch Wut auf mich selbst, dass ich im sonnigen Barcelona das Leben genieße, während in meiner Heimat Menschen abgeschlachtet werden.

Uwe Gerrens: Jahrzehnte später kamen Kriegsverbrecherprozesse erst vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemaligen Jugoslawien, später auch vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag, unzählige Prozesse, die sehr viele Dokumente ans Licht brachten und lange dauerten. Ich weiß, Du bist kein Jurist und ich auch nicht. Jedenfalls ist Srebrenica als Genozid bewertet worden. Vielleicht kannst Du ganz einfach mit schlichten Worten und nicht ganz präzise definieren, ab wann ein Massenmord zum Völkermord wird. Müssen es einfach nur besonders viele Menschen sein?

Sejfuddin Dizdarevic: Es kommt nicht so sehr auf die Opferzahl an, sondern auf die Absicht. Jedes Kriegsverbrechen gegen Zivilisten ist zunächst ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, was es zu einem Genozid macht, ist der organisierte Wille, ein Volk am Fortleben nachhaltig zu hindern. Daher auch der Name aus dem Griechischem „génos“ (γένος) ‘Geschlecht, Abkunft, Nachkommenschaft, Stamm’. Hinzu kommt, dass zu diesem Zweck sowohl militärische als auch zivile Strukturen einer Gesellschaft involviert sein müssen. Und genau das ist in Bosnien passiert und deswegen hat das Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in den Haag entschieden, dass es in Srebrenica zu einem Genozid gekommen ist. Übrigens der schlimmsten Straftat, die das internationale Strafrecht kennt.

Uwe Gerrens: Klingt für mich eigentlich ziemlich klar, erstens definiert man Völkermord, zweitens schaut man, ob die Kriterien im Einzelfall zutreffen oder nicht, und darauf beruht drittens das Urteil. Wem das Urteil nicht gefällt, der oder die muss entweder mit einer anderen Definition arbeiten, oder bei einer Analyse derselben Kriterien zu dem Ergebnis kommen, dass sie falsch angewandt wurden. Wo ist das Problem?

Sejfuddin Dizdarevic: Das Problem ist, das auf der serbischen Seite keine kritische Aufarbeitung der Geschichte stattfindet, sondern man sich weiterhin in der Opferrolle suhlt und das Urteil als eine Verschwörung gegen das serbische Volk ansieht. Im Gegenteil: das Urteil ist die Chance für die serbische Gesellschaft, sich von den Kriegsverbrechern loszusagen und eine Distinktion aufzuzeigen. Bereits Jesus sagte im Johannes Evangelium: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“
Das ist aber schwer, wenn heute dem serbischen Staat ein Mann vorsteht, der kurz nach dem Genozid im Juli 1995 gedroht hat, „für jeden getöteten Serben, hundert Muslime zu töten“.

Uwe Gerrens: Habe ich das richtig verstanden, dass die Kritik überwiegend irrational läuft, und in Bezug auf Srebrenica ohne Bezug auf Den Haag verläuft und mehr so freischwebend argumentiert wird, nach dem Motto gut 8.000 Menschen in Srebrenica zu ermorden, ist ja vielleicht schlimm, aber es waren nur 7.800 oder es waren zwar gut 8.000, aber noch keine sechs Millionen? Geht das so?

Sejfuddin Dizdarevic: Nicht mal. Es gibt nicht mal Bereitschaft von der serbischen Seite, die Zahl von 8.000 getöteten Bosniaken anzuerkennen, obwohl es internationale Gerichte festgestellt haben.

Uwe Gerrens: Es gibt einige notorische Völkermordleugner. Der in Deutschland bekannteste ist vielleicht der Literatur-Nobelpreisträger Peter Handke. Ich kenne immer nur eine raunende Sprache und unklare Andeutungen von ihm. Habe ich da etwas übersehen? Gibt es auch klare Worte von ihm oder kann man seine raunende Sprache systematisch und mit klar verständlichen Worten zusammenfassen?

Sejfuddin Dizdarevic: Peter Handke belässt es nicht nur bei den Andeutungen. Er ist der Trauzeuge von Novislav Djajić, einem verurteilten Kriegsverbrecher, den er selbst nach seiner Verurteilung verteidigt hat.  

Uwe Gerrens: Und dann gibt es noch neurechte (einst linksextreme) Publizisten wie Jürgen Elsässer oder Massenmörder wie der Christchurch Attentäter Brenton Tarrant oder der norwegische Attentäter von Oslo und Utøya Anders Breivik. Nach meiner Geographiekenntnis liegt Srebrenica von Oslo oder Christchurch ziemlich weit weg. Warum beruft sich ein norwegischer Rechtsextremer, der mit seiner Maschinenpistole sozialdemokratische Jugendliche niedermäht, auf serbische Massenmörder? „Ist es Wahnsinn oder hat es Methode“, fragt Shakespeare im Hamlet, oder ich formuliere es einmal neudeutsch: Hat der einen an der Klatsche oder muss man das jetzt ernst nehmen, oder ist die Alternative falsch und man muss jetzt diejenigen ernst nehmen, die einen an der Klatsche haben?

Foto: Gedenkstätte Srebenica/Foto: Michael Büker, CC-BY-SA 3.0.

Sejfuddin Dizdarevic: Der besagte Novislav Đajić hat im Internet auch nach seiner Hochzeit noch Karriere gemacht. Am 15. März 2019 meldet Radio Free Europe, dass Brenton Tarrant, der Attentäter von Christchurch, das Video seiner Tat mit einer Autofahrt beginnt und dabei ein Lied hört: „Karadžić, führe deine Serben“, das in einem Videospot 1995 aufgenommen und erst 2006 als „Serbia Strong“ oder „Remove Kebab“ auf Youtube gepostet und unter den „radical white nationalists“ sehr populär wurde. Darin ist ein Akkordeonspieler in einer Kampfuniform zu sehen. Das Mem mit seinem Gesicht wurde in rechtsradikalen Kreisen unter dem Namen „Dat Face Soldier“ berühmt. Es handelt sich um Novislav Đajić. Man sieht wie sehr sich diese Szene gegenseitig beeinflusst und die Tatsache, dass Menschen auch nach Srebrenica getötet werden – mit dem Verweis auf den Genozid – sollte ein Weckruf für uns alle sein diese Bewegungen ernst zu nehmen.

Uwe Gerrens: Du hast verschiedentlich auf facebook immer mal wieder auf Medien hingewiesen, wie etwa die „Achse des Guten“, die nicht eigentlich der AfD zuzurechnen sind, aber dorthin auch keine, formulieren wir es freundlich, keine Berührungsängste haben. Was haben die mit Srebrenica zu tun?

Sejfuddin Dizdarevic: Es gibt eine Reihe rechtskonservativer bis offen rechtsextremistischer Akteure, die offen oder halboffen mit dem Genozid kokettieren, und versuchen, ihn wegzudiskutieren. Dabei werden alle relevanten Gerichtsurteile ausgeklammert und es wird an den Fakten vorbei argumentiert. Da wir aber in einem „postfaktischen Zeitalter“ leben, verwundert das nicht weiter. 

Uwe Gerrens: Die Internationalen Gerichtshöfe haben sehr langsam gearbeitet, was allerdings vor allem daran lag, dass sie der Täter nicht habhaft werden konnten, weil sie lange nicht ausgeliefert wurden. Das ist jetzt weitgehend anders, und die Mühlen der Justiz in Den Haag mahlten langsam, aber sie mahlten. Damit ist die Sache nun eigentlich entschieden, auf der anderen Seite auch nicht, denn die Gegenstimmen verstimmen nicht. Wie nimmst Du die öffentliche Debatte wahr, sind die Völkermordleugner ins rechte Lager abgedriftet und haben sich damit stärker polarisiert, oder setzen sie nur das fort, was sie schon immer gesagt haben?

Sejfuddin Dizdarevic: Im Grunde genommen setzen sie ihre Strategien fort. Die Methoden mögen sich unterscheiden aber der Grundtenor ist: es herrscht die Verwunderung darüber, dass man so einen Wirbel um die ermordeten Muslime macht. Aus der Sicht von Rechten befinden wir uns im Krieg mit dem Islam, und eigentlich sollte man sich bei den Planern des Genozids bedanken. Das ist die Marschrichtung, die aus dieser Ecke kommt. Dagegen müssen wir vorgehen, wenn wir unsere offene Gesellschaft verteidigen möchten.

Uwe Gerrens: Vielen Dank für das interessante Gespräch.

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