„Gibt’s hier was umsonst?“

Ein Gastbeitrag von Sören Asmus

Zum Todestag von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher

Am 12. Februar 1834 starb der Theologe, Pfarrer, Schriftsteller, Pädagoge und Philosoph Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Seinen Trauerzug einige Tage später in Berlin begleiteten zwischen 5.000 und 30.000 Menschen – so genau weiß man es nicht. Zu seinem Leben und Denken kann man viel sagen (und das ist auch getan worden, z.B.:

https://www.ekbo.de/fileadmin/ekbo/mandant/ekbo.de/3._THEMEN/11._Schleiermacher2018/Texte/Schleiermacher_Journal.pdf).

Aber sich heute vorzustellen, dass mehrere tausend Menschen an der Beisetzung eines Theologen teilnehmen, lässt vielleicht fragen: „Gab ’s da was umsonst?“ Und die Antwort könnte sein: „Ja, bei Schleiermacher gab es etwas umsonst – die Religion.“ Das mag bei einem Theologen nicht verwundern. Aber was ich meine ist, dass Schleiermacher etwas zeigte, was uns heute nicht leicht einsichtig ist, aber gerade im „Lockdown“ besonders betrifft: Wir Menschen sind letztlich abhängig in unserem Leben von dem, was uns von Außen zukommt. Ist das nicht gerade auch unsere Erfahrung? Wir merken deutlich, dass wir alleine unser Leben eben nicht selbst bestimmen und in der Hand haben. Wir merken, dass uns als Einzelnen und als Menschheit immer wieder Grenzen gesetzt sind, die wir nicht einfach ignorieren oder überwinden können. Wir merken, dass uns unser Leben letztlich geschenkt ist – und auch verloren gehen kann. Und das ist kein gutes Gefühl, dies Gefühl der Abhängigkeit.

Aber während wir heute darunter leiden, eröffnet Schleiermacher eine andere Perspektive: Abhängig zu sein bedeutet: Empfänglich zu sein. Unser Leben beruht darauf, es zu empfangen, Zuwendung zu erfahren, Liebe und Schönheit geschenkt zu bekommen, Gedanken und Vorstellungen mitgeteilt zu bekommen und vieles andere mehr. Wenn wir annehmen und erfahren, dass wir uns und unser Dasein nicht aus uns haben, sondern verdanken, dann haben wir Religion. Religion ist bei Schleiermacher das „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“, aber eben nicht – wie Hegel es verzerrte – als Unterwürfigkeit oder als Erniedrigendes, sondern als Bewusstsein des Empfangens und Verdankens. Denn unser Leben ist voll davon, was uns geschenkt wird – und nur geschenkt werden kann. Anzuerkennen, dass wir es empfangen haben, macht uns und unsere Fähigkeiten, unsere Errungenschaften, unsere Leistungen nicht klein, sondern bettet sie in ihren weiterhin existierenden Grenzen ein in all das, was über uns hinausgeht und uns trägt.

Und das heißt für mich heute ganz konkret: Ich kann mich freuen über das, was ich kann und gleichzeitig dankbar annehmen, dass andere Menschen einen Impfstoff gegen das Virus gefunden haben und diesen herstellen. Ich kann naturwissenschaftlich dumm sein und doch Hilfe und Schutz empfangen.

Dass ich mein Leben und auch mein Überleben nicht mir selbst verdanke, sondern es von wo anders her empfange, macht mich als Menschen aus. Ebenso, dass ich als so Empfangender auch etwas beitrage. Und schließlich, dass dieses Empfangen mir von Anbeginn meines Daseins letztlich geschenkt wird. Dass ich mein Leben annehmen kann und als empfänglicher Mensch dankbar und froh sein kenn, dass ist für Schleiermacher Religion. Und als dankbarer, froher, kreativer und gestaltender Mensch zu leben und in meinen Grenzen mich auszuleben, also selbstständig und geborgen zu leben, dass gibt es tatsächlich umsonst, unverdient und unbezahlt. Die Abhängigkeit, die wir derzeit erfahren, muss uns nicht niederschlagen – sie erinnert uns an all das, was wir empfangen haben und lässt uns vielleicht so auch etwas vertrauensvoller mit unseren Mühen und Belastungen umgehen. Wir sind eben nicht nur dem Schweren ausgeliefert, wir haben vor allem auch das Schöne und Gute und unser Leben empfangen – und können das Beste daraus machen.

Ein Kommentar

  1. Bruno Schmidt-Späing

    Lieber Sören,
    dass man sein Leben sich nicht selbst verdankt und alles Wesentlich empfängt – das ist eine große Wahrheit und muß einer auf Aktivität gepolten Zeit gesagt werden.
    Aber was daran ist religiös? Ein Nicht-Glaubender würde das sozial verstehen.
    Also was hat das mit Gott zu tun? Bezeichnenderweise kannst Du auf dieses Wort verzichten.
    Hegel immerhin hatte sogar einen Begriff von Gott und sein Spott über Schleiermacher ist zwar frech, aber deckte doch dessen Defizit auf.

    Gruß Bruno Schmidt-Späing

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