Ich bin Diagnostiker, nicht Therapeut!

von Harald Steffes

Zum 100. Geburtstag Friedrich Dürrenmatts

Am 5. Januar 1921 kam in Dörfchen Konolfingen im Emmental, Kanton Bern, in einem Pfarrhaus ein Mensch zur Welt, der diese bereichert hat, ohne es selbst immer ganz leicht mit dieser Welt zu haben. Exemplarisch ist die Aussage seiner Schwester in einem Interview: „Das immer wieder alles Infragestellen hat den Umgang mit ihm schwierig gemacht. Und ihn einsam.“ Und die Tochter Friedrich Dürrenmatts sagt über ihren Vater: „Er war unbeholfen als Mensch und ungeduldig, wenn er in Gedanken war.“
Die Ungeduld verdankt sich wahrscheinlich der Einsicht in die Notwendigkeit, dem Wahnsinn der Zeit in die Hände zu fallen. Nicht zufällig taucht in verschiedenen Theaterstücken Dürrenmatts die „Irrenanstalt“ als Metapher für den Zustand der Welt auf (z.B. in Die Ehe des Herrn Mississippi und in Die Physiker). Aber auch in Interviews konnte er sein Unbehagen auf den Punkt bringen:

„Die ganze Welt ist eine riesige Pulverfabrik.

Und darin ist etwas nicht zu Stande gekommen: das Rauchverbot. Alle paffen.

Dürrenmatt ist mit seinen Diagnosen nicht nur den Zeitgenossen im Allgemeinen, sondern speziell seinen Eidgenossen auf den Nerv gegangen.

Die Schweiz ist ein vorsintflutliches Wesen in ständiger Erwartung der Sintflut.

Foto: © Kurt Strumpf /AP Photo / Keystone 

Wer einen Eindruck bekommen möchte, wie quer Dürrenmatt zu seiner Zeit stand und dachte, wird gerade auch in den heute kaum noch gelesenen Reden und Ansprachen fündig: Anlässlich der Verleihung eines Literaturpreises der Stadt Bern hielt Dürrenmatt 1979 eine Rede. Im Blick auf das Preiskomitee betont er, wenn dieses der Meinung sei, es sei in letzter Zeit still um mich geworden, so kann ich nur sagen: hoffentlich. Wer nicht beizeiten dafür sorgt, daß er aus dem Kulturgerede kommt, kommt nicht mehr zum Arbeiten, und damit nicht mehr zu sich selber; und dahin zu kommen, statt zu irgendeiner literarischen Mode, sollte doch eigentlich das Ziel jedes Bemühens sein.

Dürrenmatt lässt sich nicht verrechnen und vor keinen Karren spannen. In derselben Rede positioniert er sich dahingehend überdeutlich: Die Stadt Bern hat ein Anrecht zu wissen, wem sie den Preis erteilt. Nicht einem Rechten oder Linken, sondern einem Queren. (Dass er damit Lichtjahre von denen entfernt ist, die sich heute meinen „Querdenker“ nennen zu müssen, versteht sich hoffentlich von selbst.)

Wirklich orientierend ist die neue und in mehrfacher Hinsicht große Biografie Ulrich Webers. Weber ist Kurator des Dürrenmatt-Nachlasses im schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Sein Zugang zu Dokumenten, Notizen und Archivalien, die teils nicht veröffentlicht und auch nicht ausgewertet sind, bereichert den Blick ungemein. Eindrücklich sind auch die beiden Bildteile mit zusammen über 30 Seiten. Neben Porträtfotos finden sich auch Bilder von Zeitgenossen, Abbildungen von biografischen Texten in Dürrenmatts Handschrift, seinem Malerischen Werk, Szenenfotos aus Verfilmungen und Reproduktionen von Typoskriptseiten.
Apropos Verfilmungen: Alleine „Der Besuch der alten Dame“ wurde sechs mal verfilmt, „Das Versprechen“ fünf mal, am prominentesten wohl unter dem Filmtitel: Es geschah am hellichten Tag, 1958, mit Gerd Fröbe und Heinz Rühmann in den Hauptrollen.

Filmplakat Es geschah am hellichten Tag

Der große Erfolg gerade auch der Verfilmungen sollte den Blick nicht verengen auf den Autor von Kriminalromanen oder Theaterstücken wie Der Besuch der alten Dame (Uraufführung 1956), Die Physiker, (Uraufführung 1962), die auch ein halbes Jahrhundert nach den betreffenden Uraufführungen noch zu den meist gespielten deutschsprachigen Stücken zählen.
Und missverstanden wären die Kriminalromane als Unterhaltungsliteratur. Als Beispiel soll ein Passus über den Kommissar Bärlach aus „Der Richter und sein Henker“ zitiert sein:

„Bärlach hatte lange im Ausland gelebt (…) Zuletzt war er der Kriminalpolizei Frankfurt am Main vorgestanden, doch kehrte er schon dreiunddreißig in seine Vaterstadt zurück. Der Grund seiner Heimreise war nicht so sehr seine Liebe zu Bern, das er oft sein goldenes Grab nannte, sondern eine Ohrfeige gewesen, die er einem hohen Beamten der damaligen neuen deutschen Regierung gegeben hatte. In Frankfurt wurde damals über diese Gewalttätigkeit viel gesprochen, und in Bern bewertete man sie, je nach dem Stand der europäischen Politik, zuerst als empörend, dann als verurteilenswert, aber doch begreiflich, und endlich sogar als die einzige für einen Schweizer mögliche Haltung; dies aber erst fünfundvierzig.“

Noch schärfer nimmt er die Schweizer Zustände im anschließenden Fall von Kommissar Bärlach unter die Lupe. In „Der Verdacht“ (veröffentlicht 1951/52, Zeit der Handlung 1948/ 49) wird der Chefarzt einer Schweizer Nobelklinik als ehemaliger KZ-Arzt enttarnt.

Dürrenmatt (rechts) mit Max Frisch in der Kronenhalle in Zürich

So sehr Dürrenmatt uns als Erfolgsautor der fünfziger bis achtziger Jahre erscheint: zu seinem Jubiläum ist vor allem an weitere Aspekte zu erinnern: die kritische Zeitgenossenschaft, das künstlerische Werk und auch das durchaus eigenständige philosophisch-theologische Denken.

Letzteres soll in der Fortsetzung dieses Beitrags am 9. Februar geschehen. Für heute wollen wir schließen mit einem Überblick über die erfreulich vielfältigen Möglichkeiten, Dürrenmatt neu zu entdecken oder näher kennen zu lernen:
Für „Einsteiger“ eignet sich ganz besonders ein kleines Auswahlbändchen, das im Diogenes Verlag, Dürrenmatts Hausverlag, erschienen ist:

Friedrich Dürrenmatt: Gedankenschlosser. Über Gott und die Welt, Zürich 2020

Profund, umfassend und auch für die weniger bekannten Texte Dürrenmatts orientierend sind die schon erwähnte Biografie und ein großartiges Handbuch:

Ulrich Weber: Friedrich Dürrenmatt. Eine Biographie. Zürich 2020

Ulrich Weber, Andreas Mauz, Martin Stingelin (Hg.): Dürrenmatt-Handbuch. Leben Werk Wirkung. Stuttgart 2020

Ein besonderer Tipp: die Kriminalromane sind als Hörbuch, gelesen von Hans Korte. erhältlich.

Und natürlich gibt es eine Website der Schweizerischen Nationalbibliothek zum Dürrenmatt-Jubiläum: www.duerrenmatt21.ch

Die Tagung Dürrenmatt von A bis Z. Ringvorlesung im Schweizerischen Literaturarchiv, 17.9. bis 17.12.2020 in der Schweizerischen Nationalbibliothek, ist auf Youtube ansehbar.

Und wie sollte es anders sein: Dürrenmatts Faszination für Pannen und Zufälle kommt in diesem Jahr voll auf ihre Kosten. Die beiden größten und wichtigsten Projekte konnten coronabedingt noch nicht abgeschlossen werden, liegen aber voraussichtlich in der ersten Hälfte des Jahres vor.
Das im Jahr 2000 (zehn Jahre nach seinem Tod) eröffnete Centre Dürrenmatt Neuchâtel (CDN) erarbeitet eine dreibändige und überaus reichhaltig bebilderte Edition, die die zahlreichen Querverbindungen zwischen dem künstlerischen und dem literarischen Schaffen  Dürrenmatts sichtbar werden lässt. Die Begründung für dieses Projekt liefert der Jubilar selbst:

Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen.

Und bei Diogenes wird derzeit auf Hochtouren eine textkritische Edition des „Stoffe“ Projektes vorangetrieben. Vor allem in seinen letzten Jahren hat Dürrenmatt mit philosophischen Reflexionen diejenigen Stoffe präsentiert, die er eben nicht geschrieben und publiziert hat.
Auf diese beiden Großprojekte wird nach ihrem Abschluss zurückzukommen sein. Die Freunde Dürrenmatts nehmen die Verzögerungen mit Heiterkeit zur Kenntnis. Eigentlich hätte man es wissen können:

Man sollte überhaupt keine Pläne machen. Pläne fürs Leben zu machen, ist lächerlich.

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