In der Gegenrichtung

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens

Flucht über das Mittelmeer

Nach dem Tod meiner Eltern fand ich einige Papiere eines Vetters meiner Großmutter väterlicherseits, der Anfang der dreißiger Jahre über das Mittelmeer von Italien nach Algerien floh.

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Auf dem einzigen überlieferten Foto vom 14. April 1900 ist Adolf Bertram ganz rechts im Bild dreizehnjährig im Haus meiner Ururgroßmutter zu sehen (meine Großmutter, seine Kusine, ist das kleine Mädchen vorne links). Sein Vater (im Bild der zweite von rechts) war ein erfolgreicher Chemiker, der im Bereich der Riechstoffindustrie eine Reihe von Patenten unter anderem zur Vanillin-Synthese erwarb und neben einer sehr großen Villa in Rochsburg bei Chemnitz auch Wertpapiere besaß. Er machte meinen Großvater zu seinem Testamentsvollstrecker. Er starb 1926, die Ehefrau 1938.

Adolf Bertram, der einzige Sohn, lebte seit etwa Ende des Ersten Weltkriegs auf Sizilien. Als Beruf steht in den Familienunterlagen „Schauspieler“; ich weiß nicht, ob er diesen Beruf je ausgeübt hat. Gewiss lernte er im Laufe der Jahre italienisch. Er soll gesundheitlich angeschlagen gewesen sein („nervlich“, wie man damals sagte, gemeint waren wohl Depressionen) und stand der kommunistischen Partei nahe, gehörte ihr allerdings nicht an. Aus der Perspektive eines Hamburger Kaufmannes in der Weimarer Republik (meines Großvaters) galt Kommunismus als das Allerschlimmste, was man sich vorstellen konnte. Deshalb möchte ich vermuten, dass Adolf Bertram als eine Art schwarzes Schaf der Familie angesehen wurde. Meine Großeltern hielten allerdings den Kontakt. Etwa 1931 sah Adolf Bertram sich im faschistisch gewordenen Italien politisch in Gefahr. Er traute sich nicht, bei dem als sehr rechts geltenden deutschen Konsul von Palermo seinen Pass zu verlängern, denn er befürchtete, dass der Konsul sich dazu mit den italienischen Faschisten austauschen würde, die das Visum hätten verlängern müssen. Deshalb floh er mit abgelaufenem Pass über das Mittelmeer nach Algier. Wie genau er das bewerkstelligte, geht aus den wenigen erhaltenen Briefen nicht hervor. Algerien war französische Kolonie; für eine reguläre Einreise benötigte man gültige Dokumente und ein Visum, für reguläre Erwerbstätigkeit gewiss auch Arbeitspapiere. In einem der Briefe beklagte Adolf Bertram sich, dass ihn die Arbeit auffresse. Ich vermute, dass er sich mit Gelegenheitsjob und Schwarzarbeit durchschlug. Die Adresse eines Briefumschlages verrät, dass er zur Untermiete wohnte. Auf Google-Streetview fand ich ein mehrstöckiges Wohnhaus, das mit seinen gusseisernen Balkonen an Pariser Wohnhäuser der Dritten Republik erinnert.

Quelle: Google-Streetview

Das Deutsche Reich führte 1931 Devisenbewirtschaftung ein, um Kapitalflucht zu vermeiden. Deshalb konnte Adolf Bertram mit seinem ererbten Kapital nichts anfangen. In einem der Briefe wird eine mögliche Mittelmeer-Kreuzfahrt meiner Großeltern diskutiert, diejenige Form der Reise, die ihnen ohne Devisen vielleicht möglich gewesen wäre. Adolf Bertram deutete an, falls sie nach Algier kämen, würde er nicht an Bord eines deutschen Schiffes kommen, auch nicht besuchsweise, weil ihm das zu unsicher wäre. Er würde sich aber freuen, wenn sie an Land kämen. Dazu kam es nicht. Ich denke, Kreuzfahrt war nicht diejenige Art von Urlaub, die meine Großeltern machten. Auch lag Algerien von Hamburg aus gesehen sehr weit weg.

Am 19.11.1938 schrieb Adolf Bertram: „Was freilich den Nervenzustand angeht: Der Befund ist wenig erbaulich. Kein Wunder, nach den Geschehnissen der letzten vier Monate“. Damit könnte er den Tod seiner Mutter im Spätsommer 1938 gemeint haben, aber auch das „Münchner Abkommen“ von Ende September, in dem Chamberlain und Daladier Hitler in der „Sudetenfrage“ nachgaben, oder die „Reichskristallnacht“ vom 9. November, von der man in Algier sicherlich aus französischen Zeitungen erfuhr.

Mein Großvater legte ihm nahe, sich Flüchtlingspapiere zu besorgen, um nicht ganz ohne gültige Papiere dazustehen. Damals gab das Hochkommissariat des Völkerbundes für einige Flüchtlinge sog. Nansen-Pässe aus, etwas zum Vorzeigen für Menschen ohne reguläre Papiere. Adolf Bertram antwortete meinem Großvater: „Vor kurzem habe ich endlich Gelegenheit gehabt, mich nach der eventuellen Existenz eines von Dir szt. angedeuteten Dokuments zu erkundigen: Derartiges Ausweispapier gibt’s in Frankreich nicht. Wenn Du dagegen an die Genfer Karte gedacht haben solltest, lieber August, die ist nur für ganz wenige Privilegierte! für große Namen oder für Leute, die so viel Leiden und Verfolgungen erduldet haben, dass die gesamte Weltpresse darüber berichtet hat! Irgendein simples Opfer der Barbarei, wie deren Hundertausende heutzutage in der Welt herumlaufen, wird dieses beruhigende Legitimationspapier fast nie erhalten. Ich für mein Teil muss in der aktuellen Situation verharren, bis etwa mal Umwandlungen eintreten. – Wie schwer meine Lage ist, weißt Du ja.“

Im Dezember schrieb mein Großvater, dass Adolf Bertram nach dem Tod seiner Mutter ein beträchtliches Vermögen geerbt habe, das verfügbare Geld allerdings auf ein Sperrkonto eingezahlt werden musste. Er wolle sich bei der Devisenstelle erkundigen, ob man von diesem Konto aus Sachwerte erwerben könne, Anzüge etwa, die er nach Algier schicken könne: „Ich muss natürlich immer die Zustimmung der Devisenstelle zum Ankauf dieser Dinge haben. Und ob die sie mir erteilen wird, ist fraglich. Aber ich will es doch wenigstens versuchen. Vielleicht äußerst Du Dich bei Gelegenheit darüber, was Du am nötigsten brauchst. – Geld wirst Du außer den RM 10, die Dir Tante Emma monatlich sendet, kaum erhalten können.“

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war ein Briefverkehr nicht mehr möglich. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Paris wurde Algerien von Vichy aus regiert. Ob es wie im Film „Casablanca“ auch in Algier einen korrupten Polizeichef gab, der mit den Nationalsozialisten zusammenarbeitete, weiß ich nicht. Jedenfalls ließ man, soweit ich weiß, Adolf Bertram in Ruhe. Das änderte sich 1942 mit dem Einmarsch der „Forces françaises libres“, der französischen Exilsarmee unter De Gaulle. Jetzt galt er als Deutscher mit ungültigen Papieren und wurde interniert. Ungeachtet seiner politischen Überzeugungen rechnete man ihn wie alle anderen Deutschen in Algerien unter die potentiellen Gegner.

Direkt nach Kriegsende versuchten meine Großeltern vergeblich, dem Kontakt wiederaufzunehmen. Post kam zurück. Adolf Bertrams Villa in Rochsburg lag jetzt in der sowjetischen Besatzungszone. Schon im Krieg war sie zwangsbewirtschaftet worden. Diverse Tanten mit vom Vater testamentarisch verfügten Wohnrecht durften ihre jeweiligen Zimmer weiterhin bewohnen; doch zwei ihm verbliebene, aber nicht bewohnte Zimmer ebenso wie der große Rest des Hauses, den seine Eltern bewohnt hatten, war schon im Krieg diversen ausgebombten Familien zugesprochen worden, die Möbel kostenpflichtig eingelagert. Nach Kriegsende erfuhren meine Großeltern von einer empörten Tante, die Möbel befänden sich jetzt im Kreisbüro der SED, der Bürgermeister, bis 1945 NSDAP-Mitglied, jetzt SED, habe seine Freunde in der Villa untergebracht. Die „Stimme des Volkes“, das „Wahlblatt der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland, Kreisverband Rochsburg“ schrieb im August 1946, die Partei habe die Verwaltung des „Schlösschen“ übernommen, das Dach neu gedeckt, innen mehrere Wohnungen eingezogen, im Park Bäume gefällt und dort weitere Wohnungen errichtet: „Die Übernahme der Verwaltung des Grundstückes Bertram war ein notwendiger Eingriff. Das Grundstück, das von einem 86jährigen Fräulein recht und schlecht verwaltet wurde, da der Besitzer sich seit 28 Jahren nicht darum kümmerte und sich in Italien aufhielt, war vollständig verwachsen. Mehr als 250 Haushaltungen erhielten dadurch Feuerholz.“

Mein Großvater protestierte im Namen des zuletzt in Algier wohnhaften Eigentümers, dessen Verbleib ungewiss sei, der aber Zeit seines Lebens antifaschistisch gesonnen gewesen sei und der kommunistischen Partei nahgestanden habe, gegen eine etwaige Enteignung. Er verlange, dass die Möbel zurückgegeben und die Sperrung der Konten aufgehoben werde. – Er erzielte erstaunliche Teilerfolge: Grundstück und Haus wurden nicht enteignet, allerdings weiterhin fremdverwaltet. Das SED-Kreisbüro musste die Möbel zurückgeben. Mein Großvater durfte sie musste sie erneut kostenpflichtig einlagern lassen. Die Sperrung der Wertpapiere, meist sächsische Kommunalobligationen, wurde aufgehoben. Aber Geld floss nicht. Für Adolf Bertram kam das alles zu spät. Wie sich erst jetzt herausstellte, war er am 7. Mai 1946 in einem algerischen Krankenhaus gestorben; eine spiegelverkehrte Negativ-Fotokopie galt als amtliche Anerkennung seines Ablebens.

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Mir geht es hier nicht um meine Familiengeschichte, in der Adolf Bertram ohnehin keine Rolle spielt, sondern um Einfühlung in das Typische der Situation politischer Flüchtlinge:

Das Verhältnis zu den in der Heimat gebliebenen Verwandten war schon deshalb schwierig, weil die Daheimgebliebenen sich in einer ähnlichen Situation anders entschieden als derjenige, der oder die das Land verließ. Gleichzeitig war der Flüchtling auf die Verwandten angewiesen, ein wichtiger, für viele sogar der wichtigste Kontakt zur Heimat. Im Briefverkehr musste er damit rechnen, dass die Post geöffnet wird, und konnte deshalb oft nur Anspielungen machen. Adolf Bertrams ökonomische Lage war ähnlich prekär wie die vieler anderer Flüchtlinge, wurde aber besonders schwer empfunden, weil er sog. „besseren“ Verhältnissen entstammte und durch den Tod seiner Eltern zu ausgesprochenem Wohlstand gekommen war, von dem er allerdings nichts hatte. Sein rechtliches Verhältnis zu Deutschland blieb dabei vergleichsweise entspannt, weil er nie ausgebürgert oder enteignet worden war. Dort galt er nur als zuletzt in Italien gemeldeter Auslandsdeutscher, der seinen Pass nicht verlängert hatte. In Algerien fehlte ihm hingegen die Anerkennung als Flüchtling. Ohne gültige Papiere konnte er sich keine neue Existenz aufbauen; Schwarzarbeit sicherte das Überleben. Sein Französisch reichte nicht, um den erlernten Beruf als Schauspieler ausüben zu können.

Adolf Bertram hing an der persönlich nicht nutzbaren Immobilie, dem Ort der Kindheit und der Erinnerungen, an dem sich seine Zukunftsfantasien entzündeten („wenn etwa mal Umwälzungen stattfinden“). Der Tod der Mutter traf ihn besonders hart, da er von der vorausgehenden Erkrankung nur per Post gehört hat und nicht einmal zur Beerdigung fahren konnte. Im Zusammenhang mit der politischen Entwicklung wird sich das auf die bereits bestehende Depression ungünstig ausgewirkt haben. Heute ist die Situation politischer Flüchtlinge eine völlig andere. Dennoch gibt es eine bedauerlich große Reihe von Mustern, die unverändert geblieben sind. Auch heute spielt der Kontakt zu Verwandten oder Freunden in der Heimat eine wichtige Rolle. Allerdings werden die wenigsten Flüchtlinge darüber öffentlich reden, solange sie befürchten müssen, damit jemanden in Gefahr bringen zu können.

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