Kaum zu glauben? (Teil 1)

Zur Frage nach der Historizität der Wunder Jesu

Dr Dietrich Knapp
von Dr. Dietrich Knapp

Alle Evangelien des Neuen Testaments stellen Jesus von Nazareth als Wundertäter dar. Er habe Menschen geheilt, Dämonen ausgetrieben und den Sturm gestillt. Für viele Menschen in der heutigen Zeit sind diese Erzählungen unglaubwürdig. Wunder geschehen in ihrem Leben nicht. Sie sind geprägt durch das naturwissenschaftliche Weltbild. Daher betrachten sie diese Erzählungen gewissermaßen als Märchen, die keinerlei historischen Wert haben können.

Es lohnt sich, dieser Fragestellung einmal näher nachzugehen. In der historisch-kritischen Forschung ist in den letzten drei Jahrzehnten intensiv über dieses Thema nachgedacht und dazu gearbeitet worden. Dabei ist man zu einer differenzierten Betrachtung gekommen, die in diesem und zwei weiteren Blogbeiträgen kurz dargestellt werden soll. So werden in der Bibelwissenschaft zunächst einmal sechs unterschiedliche Gattungen unter den Wundererzählungen unterschieden: Es gibt Therapien, also Heilungen, Exorzismen, also Dämonenaustreibungen, Normenwunder, in denen Normen durch das Wunder begründet werden, Rettungswunder, die von der wunderbaren Errettung aus einer Notsituation erzählen, Geschenkwunder, die von der Bereitstellung materieller Güter durch Jesus handeln, und Epiphanien, die vom Erscheinen und plötzlichen Verschwinden Jesu als eines göttlichen Wesen erzählen. Die Frage nach der Historizität der Wunder Jesu darf nicht pauschal gestellt und beantwortet werden. Vielmehr ist hier jede Gattung einzeln für sich zu untersuchen. In Bezug auf die Frage der Historizität wird in der Bibelwissenschaft bei den unterschiedlichen Gattungen eine jeweils unterschiedliche Antwort gegeben.

Grundsätzlich ist zu bedenken, dass die Menschen zur Zeit Jesu nicht wie wir durch ein naturwissenschaftliches Weltbild geprägt waren. Sie sind mit der Erzählung von Wundern anders umgegangen. „Westliche Menschen tendieren dazu, unser heutiges, von den Naturwissenschaften geprägtes Weltbild auf das Wunderverständnis der Antike zurückzuprojizieren und die biblischen Wunder im Allgemeinen wie die Wunder Jesu im Besonderen als Ereignisse zu verstehen, die entgegen der kritischen Vernunft Naturgesetze durchbrechen. Ein solches Wirklichkeitsverständnis war der Antike und damit auch der Bibel fremd. Die meisten Menschen damals sahen die Welt von göttlichen und widergöttlichen Mächten durchdrungen, die unablässig versuchen Mensch und Natur jeweils in ihrem Sinne zu beeinflussen“ (Angelika Strotmann: Der historische Jesus: eine Einführung, Paderborn 3. Auflage 2019, S. 125). Dieses Weltbild prägte sowohl Jesus von Nazareth selbst als auch seine Anhänger:innen.

Besonders häufig wird in den Evangelien erzählt, Jesus habe kranke Menschen geheilt. So heißt es zum Beispiel im Markusevangelium, Jesus habe die Schwiegermutter von Simon Petrus geheilt (1,29-31):

„Und alsbald gingen sie aus der Synagoge und kamen in das Haus des Simon und Andreas mit Jakobus und Johannes. Die Schwiegermutter Simons aber lag darnieder und hatte das Fieber; und alsbald sagten sie ihm von ihr. Und er trat zu ihr, ergriff sie bei der Hand und richtete sie auf; und das Fieber verließ sie, und sie diente ihnen.“

Während man seit den Tagen der Aufklärung in Bezug auf die Historizität derartiger Heilungserzählungen oftmals sehr kritisch war, geht man heute eher davon aus, dass ein historischer Kern darin enthalten ist. Jesus war ein Charismatiker mit einer einmaligen Ausstrahlung. Die kranken Menschen, die zu ihm kamen, richteten alle Hoffnung auf ihn. Ihr Vertrauen zu ihm, ihr Glaube war grenzenlos. In der Begegnung zwischen ihnen und Jesus muss sich etwas ereignet haben. Ihre Krankheiten waren, wie den Evangelien zu entnehmen ist, verschiedener Natur. Man kann sie sicher nicht Krankheitsbildern der modernen Medizin direkt zuordnen. Heute geht man davon aus, dass viele von ihnen wahrscheinlich psychosomatische Erkrankungen waren und dass es durch die intensive Begegnung mit dem Charismatiker Jesus von Nazareth wirklich zu einer Heilung gekommen ist.

Quelle: Nils_Lars_Stevns_Spedalske_public-domain

Gerd Theißen schreibt dazu in seinem bekannten Buch über den historischen Jesus: „Therapien lassen sich im Kern (eine … Anreicherung durch allgemeine Wundermotive „abgezogen“) auf den historischen Jesus zurückführen“ (Gerd Theißen/Annette Merz: Der historische Jesus, Göttingen 4. Auflage 2011, S. 275). Dabei verweist er ebenfalls besonders auf das Charisma Jesu: „Wundercharisma ist eine spontan auftretende Macht, die in der Schöpfung vorhanden ist. Sie lässt sich nicht technisch ausnutzen, da sie nicht berechenbar auftritt, sondern an charismatische Personen und deren Interaktion mit anderen Menschen gebunden ist. Ihr liegen auch keine noch unerkannten Naturgesetze zugrunde, vielmehr scheint hier ein Spielraum der ‚Natur‘ sich zu öffnen, der nicht durch Naturgesetze im üblichen Sinne determiniert wird“ (S. 282).

Für Jesus von Nazareth waren die Heilungen ein Zeichen des hereinbrechenden Reiches Gottes. Jetzt, wo Gott so nahe war, begann die Wirklichkeit eine andere zu werden: Menschen wurden gesund und auf diese Weise in das Leben zurückgeholt. Dem Leid sollte keine Zukunft beschieden sein. Gottes neue Welt hatte sichtbar begonnen. Wenn der historische Jesus aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich Menschen geheilt hat, fragt sich, ob dasselbe auch für Dämonenaustreibungen, die für uns überaus befremdlich sind, gilt oder ob es sich bei den entsprechenden Erzählungen um reine Fiktion handelt. Diese Frage soll am 5. August im zweiten Teil des Blogs zu diesem Thema behandelt werden. Der dritte Teil, der am 19. August erscheinen wird, wird dann den sogenannten Rettungswundern gewidmet sein.

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