Leben mit Grenzen

Vom Wert des beschädigten Lebens
Meditationen in der „Corona-Krise“

von Sören Asmus

Um heute zu leben, reicht es zu vegetieren. Um morgen zu leben, muss ich handeln. Und da nicht sicher ist, dass ich übermorgen nicht lebe, muss ich heute so handeln, als würde ich nächste Woche, gar in ein paar Jahren noch leben. Das gilt umso mehr, wenn ich mich in der Verantwortung für andere Menschen befinde, deren Leben-können von meinem Verhalten abhängt. Die Möglichkeit, weiterzuleben diktiert mein Handeln heute. Daher den Gedanken, dass ich nicht leben könnte, zu verdrängen – oder auch, nicht so leben könnte, wie ich es mir wünsche oder erhoffe – ist sinnvoll, sofern dieser Gedanke mich am Leben hindern würde. Verdrängung ist zunächst einmal ein Schutzmechanismus, um psychische Schäden oder Lähmungen zu verhindern. Aber die Gefahr besteht, dass ich mit der Verdrängung der Lebensgrenzen auch die Realität aller Grenzen verdränge. Das war und ist der Charme der modernen Fortschrittserfahrung: Zwar gab und gibt es Grenzen, aber diese werden wir überwinden. Und viele Grenzen haben wir für mehr oder weniger Menschen überwunden oder herausgeschoben. Grenzen anzugehen, verschieben und so das Leben zu ändern, zu bessern und auch zu verlängern ist eine wichtige Fähigkeit menschlicher Gemeinschaften und Gesellschaften. Das ist die Kraft des „noch nicht“, die vieles bewirkt hat.

Doch es bleibt dabei: Menschen sterben, Menschen werden krank, Menschen leiden. Je mehr wir diese Realität verdrängen, desto höher ist der Preis des Realitätsverlustes, den wir zahlen müssen. Bei allem, was wir können (und vielleicht später einmal können werden), bleibt die Realität der Endlichkeit. Bei allem, was an Lebensweisen und -perspektiven möglich ist, bleibt die Wirklichkeit bedrohten und beschädigten Lebens. Heute sind wir wieder einmal kollektiv gezwungen, das wahrzunehmen – wie in Kriegen oder Katastrophen. Kranke, Leidende, Sterbende zwingen uns, unsere Grenzen wahrzunehmen. So legitim es ist, den Gedanken von Krankheit, Leid und Tod zu verdrängen (wenn er mich am Leben hindern sollte), so verwerflich ist es, die Menschen, die krank, leidend oder sterbend sind, zu verdrängen. Die Grenzen bleiben. Wir müssen also doch Krankheit, Leid und Tod wahrnehmen.

Eine rationale Haltung zu dieser Wahrnehmung ist, zu ändern, was zu ändern ist – Leid durch Unrecht, Gewalt, Krieg und Ausbeutung, also menschlich verursachtes Leid kann gelindert werden und die Ursachen können von Menschen überwunden werden – und (mit) zu ertragen, was nicht zu ändern ist – wiewohl auch hier so manches Leid gelindert werden kann – und wach zwischen dem einen und dem anderen zu unterscheiden – das lässt sich angemessen als Weisheit beschreiben. Wer diese Haltung einnehmen kann, kann mit den Grenzen und in den Grenzen des Lebens gut leben.

Die Fähigkeit, zwischen dem einen und dem anderen zu unterscheiden schließt allerdings mit ein, die eigene Hilflosigkeit zu ertragen. Wenig aber ist so schwer zu ertragen, wie eigene Hilflosigkeit. An der Hilflosigkeit scheitert oft die Vernunft, denn jedes Gefühl ist primär und es einzuhegen bedarf immer großer Anstrengung. Und weil es so schwer ist, hat die Verdrängung es so leicht. Vielleicht verdrängen wir auch mehr unsere Hilflosigkeit, als das Wissen um Tod und Leid. An Stelle der Hilflosigkeit soll wieder das Gefühl der Ermächtigung treten. Also müssen wir etwas tun! Was aber tun, wenn man am Ende bestimmte Dinge nicht ändern kann?

Spiritualität und/oder Frömmigkeit?

Religionswissenschaftlern ist aufgefallen, dass in den unterschiedlichen Religionen eine Antwort auf diese Frage zu finden ist in den verschiedenen Ritualen. Rituale sind oft Handeln, wo man nichts ändern kann. (Psychologisch könnte man sie mit Ersatzhandlungen vergleichen.) Rituale zur Bestattung geben Menschen etwas zu tun, obwohl sie den Tod nicht aufheben können. Rituale zur Geburt geben den Menschen etwas zu tun, obwohl sie die Gefährdung des Lebens nicht aufheben können. Gebete sind ritualisierte Reflexionen, die der eigenen Unsicherheit Ausdruck geben können. Rituale finden in Situationen und an Übergängen statt, die ungewiss sind und sollen in diesen Situationen / Übergänge stabilisieren. Durch das rituelle Handeln wird der psychische Druck abgeleitet und die Hilflosigkeit gefühlt überwunden. Gleichzeitig betten Rituale das jeweilige Handeln in eine religiöse Deutung ein, geben ihm also einen Sinn, der über die Handlung selbst hinausgeht, sie begründet und in ihr Form gewinnt.

Wo die Rituale von ihren jeweiligen religiösen Deutungen abgelöst werden, erleben Menschen Spiritualität, wo sie innerhalb der Deutungen vollzogen werden, leben Menschen ihre Frömmigkeit. Spiritualität hilft, mit Belastungen bei Grenzerfahrungen umzugehen, auch wenn sie diese Grenzerfahrungen nicht in das Leben integrieren kann. Frömmigkeit ist eine Haltung, die mit den Grenzerfahrungen umgeht und sie als Teil der eigenen Wirklichkeit begreift. Spiritualität hilft bei der Verdrängung, Frömmigkeit beruht auf der Alternative zur Verdrängung: auf Vertrauen. Beides sind legitime Optionen, mit dem Gefühl der Hilflosigkeit des Lebens umzugehen.

Von außen betrachtet ist es nicht möglich, zwischen Spiritualität und Frömmigkeit zu unterscheiden. Denn die Deutungsvollzüge gehen über das Ritual und die religiöse / spirituelle Praxis hinaus. Messbar ist die Wirkung der Praxis in der Situation – und da zeigt sich, dass sie etwas durchaus Positives bewirken kann. Da moderne Natur- und Humanwissenschaften ihrem eigenen Weltbild verpflichtet sind, ignorieren sie die religiöse Weltdeutung und halten „neutral“ fest: Beten hilft, Meditieren hilft, sogar Opfer helfen – der psychischen Stabilisierung und Stressbewältigung auch bei Grenzerfahrungen. Was die Weltdeutung betrifft, kann die moderne Wissenschaft keine Aussage treffen, d.h. was Vertrauen bewirkt, lässt sich von daher nicht sagen. Beschreiben lassen sich allemal die Inhalte der Weltdeutung, diese lassen sich auch mit der wissenschaftlichen Deutung vergleichen. Da sie aber auf anderen Grundannahmen beruhen, schneiden sie gezwungenermaßen wissenschaftlich gesehen schlecht ab. Denn religiöse Weltdeutung ist – trotz aller großartigen Versuche der innerreligiösen Systematisierung – im Vollzug nicht logisch eindeutig und schlüssig. Weltdeutung im Vertrauen ist Weltdeutung in der Situation mithilfe der Elemente der religiösen Tradition – d.h. von bewährten Erfahrungen und Bilder und Geschichten, die die Situation in einen weiteren Zusammenhang von bestätigtem Vertrauen stellen.

„Was sollen wir dazu sagen?“

Die oben genannte rationale Haltung zu den Grenzen des Lebens (zu ändern, was zu ändern ist und zu ertragen, was nicht zu ändern ist) bedarf weder der Verdrängung noch des Vertrauens. Wer zu ihr – z.B. aufgrund der eigenen Lebenserfahrung – fähig ist, kann ohne weitere Weltdeutung auskommen. Sie kann aber auch im Rahmen von sehr verschiedenen Weltdeutungen eingenommen werden, weshalb sie als Kalenderspruch so umfassend beliebt ist und allen möglichen Urhebern zugeschrieben wird. Wo das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit die rationale Haltung zu überwältigen droht, schmälern entsprechende Ersatzhandlungen nicht den Wert der dann wieder möglichen Lebensgestaltung. Um mit den Grenzen des Lebens umzugehen, bedarf es keiner Religion oder anderen Weltdeutung. Umgekehrt steht eine religiöse Weltdeutung, steht Vertrauen einer rationalen Haltung zu den Grenzen des Lebens nicht im Wege. Das ist die Ambiguität des gelingenden Lebens: Es kann auf sehr verschiedene Weisen gelingen. Meine eigene Unfähigkeit, einen bestimmten Weg zu gehen, schließt nicht aus, dass auch dieser Weg es ermöglicht, in der Welt gut zu leben. Und die Vielfalt der Wege, in der Welt gut zu leben, schränkt den Wert und die Erfahrungen meines Weges nicht ein.

Mir selbst erschwert meine eigene Hilflosigkeit den Umgang mit meinen Grenzen und dem wahrgenommenen wie dem erlebten Schmerz oder Leid. Mein eigener Schmerz hindert mich an der rationalen Haltung zur Welt und die Mittel der Verdrängung helfen mir nicht, die Hilflosigkeit zu überwinden. Der Fortschritt bringt nicht die Rettung der Welt – weder der des Marktes, der Liberalität oder der Revolution. Der Weg zurück in eine „heile Vorzeit“ ist ebenso unmöglich – da weder die Vorzeit besser war, noch der mentale Zustand der Amöbe zurück gewinnbar ist, hat man ihn erst einmal hinter sich gelassen. Die damit einsetzende Ratlosigkeit lässt mich fragen: Was müsste ich hören, um dem Leben im Angesicht von Schmerz, Leid, Tod, von beschädigtem und scheiterndem Leben trotzdem vertrauen zu können? Was gäbe mir Mut zum Leben?

Bei Interesse lesen Sie bitte auch den Gastbeitrag von Herrn Asmus vom 02.07.2020

Ein Kommentar

  1. Angela Hüsken

    Lieber Sören,
    Mut zum leben sollte dir geben, dass du ein wertvoller Mensch bist, dass du wichtig bist, für viele Menschen die dich schätzen und lieben. Dass du als Mensch, im Hier und Jetzt, nicht zu ersetzen bist, weil du durch deine Einzigartigkeit bedeutsam bist.
    Wir alle sind erst in der Gemeinschaft bedeutsam. Vielleicht kann uns das Bewusstsein der Vergänglichkeit dabei helfen uns als Menschen mehr Wert zu schätzen. Aber vielleicht bleibt das auch nur
    ein „frommer Wunsch“.
    Schmerz, Leid und Tod lassen sich nicht verdrängen, aber vielleicht wird es erträglicher, wenn wir wieder lernen zu spüren wie sich Geborgenheit, Wohlbehagen und Zuneigung anfühlen.
    Sorge gut für dich!
    Viele Grüße
    Angela

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