Mein Rassismus

von Sören Asmus

Zu den unangenehmen Teilen zunehmender Bewusstseinsbildung gehört, sich über die eigenen Grenzen und Verstrickungen klarer zu werden, die eigenen „Fehler“ wahrzunehmen. Nur sind es eben keine „Fehler“ — im Sinne von Ausreißern in einem richtigen Dasein / Text — sondern es sind Teile meiner Persönlichkeit, meiner „Identität“. Ein Teil davon ist, dass ich Teil einer rassistischen Gesellschaft bin, meine Sprache, Kultur und meine Selbstverständlichkeiten rassistisch geprägt sind, weil sie von „weiß-Sein“, Aufklärung, „Abendland“ und Westlichkeit geprägt sind — so sehr, dass ich dem nicht entkommen kann. Früher gab es eine Zeit, in der ich dachte, Ant-Rassist zu sein, oder werden zu können. Heute weiß ich, dass ich lernen sollte, Rassismus-kritisch zu sein, das heißt: darüber nachzudenken, was in meinem Denken und Handeln, was in meinem Leben und in der Gesellschaft, in der ich es lebe, rassistisch ist und wie ich dem begegnen kann. Ich bin immer noch gegen Rassismus, aber ich muss erkennen, dass „der Rassismus“ nicht außerhalb von mir ist, sondern mich mitprägt.

Ich will über Rassismus nachdenken, weil ich ohne Angst mit Menschen zusammenleben möchte, die auch ohne Angst leben: Verschiedene Menschen, verschiedene Vorlieben und Interessen, verschiedene Verhaltensweisen, verschiedenes Aussehen, verschiedener Glaube — ohne Angst, also: Ich möchte ohne Angst verschieden sein, und so möchte ich es eben auch für die Menschen um mich herum. Rassismus aber, die aktive Ausgrenzung, Diskriminierung, Verletzung von Menschen, die „anders“ sind, macht Angst, fügt Schmerzen zu, macht das Leben mitunter auch schrecklich. Also möchte ich mich dem Rassismus stellen, ihm entgegentreten.

Wenn ich nun über Rassismus nachdenke, dann betrifft er mich nicht. Was mich betrifft, wo ich Rassismus täglich spüre, das sind meine Privilegien: Ich bin ein weißer, akademischer gebildeter, festangestellter Mann aus einer bürgerlichen Familie. Ich bin Teil dessen, was über sehr lange Zeiträume in unserer Gesellschaft und auch in dieser Welt als „die Norm“ durchgesetzt wurde. Rassismus tut mir nicht weh, macht mich nicht krank, schränkt meine Möglichkeiten nicht ein, verbaut mir nicht meine Zukunft. Im Gegenteil, er gibt mir unendliche viele Vorzüge und Stärken, über die ich relativ gelassen nachdenken kann und wenn ich mich damit auseinandersetze, kann ich mich zudem auch gut fühlen. Ich bin ein Fettauge auf der Suppe des Lebens.

Das Märchen von den angeborenen Eigenschaften

In unserer Kultur ist das Erbe der Aufklärung immer noch prägend: Vernunft, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Friede — das sind Begriffe, mit denen wir uns positiv beschreiben, deren Umsetzung wir für erstrebenswert halten und auf die wir stolz sind. Das Problem aber ist: Schon in der Aufklärung galt das zwar als Ziel, aber gleichzeitig konnte es je nur für eine Minderheit verwirklicht werden (Sie wissen schon: die weißen, bürgerlichen, gebildeten Männer…). Der „Reichtum der Nationen“ davon abhängig, dass man ihn aus den Amerikas, Afrika und Asien nach Europa holte. Also davon, sich den „Besitz“ anderer auf Kosten von deren „Freiheit“ aneignete. Um also die Diskrepanz zwischen den aufklärerischen Idealen und der kolonialen Praxis „vernünftig“ zu erklären, erfand man die Idee der „natürlichen Unterschiede“, die biologisch, d.h. „natürlich“ gegeben waren.

Dankenswerter Weise hatten da die Ausgrenzungspraktiken der spanischen Reconquista (Wiedereroberung) hilfreiche Vorarbeit geleistet: Spanisch-Sein lag im „Blut“ — und Jüd:innen und muslimische Menschen konnten auch nach einer Konversion zum Katholizismus nicht wirklich spanisch werden. Ebenso konnte man in der Conquista der Amerikas behaupten, dass die „Indianer“ minderwertig waren, daher war es in Ordnung, sie zu berauben und auszurotten. Und wo es dann an „Indianern“ fehlte, konnte man die noch „minderwertigeren“ Menschen aus Afrika zu Sklav:innen machen. Denn als gute Aufklärer hatte man Rassen nicht nur konstruiert, sondern auch in eine angemessene (Unter-)Ordnung gebracht.

Heute ist das mit den biologisch angeborenen Eigenschaften nicht mehr so anerkannt (aber im Alltag noch lange nicht verschwunden), aber wenn es nicht „im Blut“ liegt, dann ist es eben „die Kultur“, die die anderen unterlegen macht. Wehren können sie sich so oder so nicht.

In einer Gesellschaft, in der eigentlich nur die eigene Leistung und die eigenen Taten zur Beurteilung einer Person herangezogen werden sollen, werden Menschen bis heute in bestimmte Gruppen eingeordnet, abgewertet und von bestimmten Bereichen des Lebens ausgeschlossen. Das erspart Konkurrenz, das erspart Unsicherheiten, das erspart Offenheit — intellektueller Geiz ist eben auch „geil“. (Aber vielleicht ist ja auch schon die Beurteilung von Menschen nach ihren Leistungen ein Fehler?)

So geht Rassismus

Im Alltag ist rassistisches Verhalten fast nicht zu erkennen (wenn es zu selbstverständlich ist), bzw. immer präsent (wenn Sie zu denen gehören, die rassistisch ausgegrenzt werden). Funktionieren tut Rassismus aber ganz einfach:

  1. „Die da“: eine Gruppe von Menschen wird mit bestimmten Merkmalen hergestellt, durch die sie sich von anderen Menschen unterscheiden: Hautfarbe, Religion, Herkunft der Vorfahren, sexuelle Handlungen, Geschlecht — Sie dürfen gerne etwas ergänzen. Wer immer dieses Merkmal erfüllt — egal was er/sie sonst tut, macht, usw., gehört zu dieser Gruppe.
  2. „taugen nicht“: Zu einer solchen konstruierten Gruppe zu gehören, beinhaltet, gegenüber anderen Gruppen unterlegen zu sein (besonders gegenüber „uns“, den „Normalen“). Dieser Unterlegenheit, diesen Mängeln kann niemand entkommen — und wenn doch, dann sind es Ausnahmen.
  3. „hier nicht“: Daher ist es legitim, diese Gruppen von bestimmten Lebensbereichen auszuschließen, bzw. sie als Menschen nicht zu beachten. Sie sollen nicht nebenan wohnen, nicht Lehrer:innen, Chef:innen oder Bundeskanzler:in werden, nicht in medizinischen Lehrbüchern oder der Öffentlichkeit vorkommen — höchstens als Ausnahme.

Wer nun die Macht hat, diesen Vorstellungen auch noch Anerkennung zu verschaffen, der gehört zu denen, die vom Rassismus profitieren und ihn „machen“ können. Aber wer ist denn heute schon Rassist? Niemand offen und freiwillig, aber… Rassismus ist in unserem Leben allgegenwärtig und manchmal sind wir aktiv daran beteiligt — auch wenn wir das nicht wollen.

Denn rassistisches Verhalten und Denken ist unabhängig von Wollen. Wenn Menschen herabgewürdigt werden, dann ist das verletzend und falsch, unabhängig von der Intention. Auch wenn ich es nicht will — und in vielen Bereichen auch nichts dafürkann: Ich bin ein weißer, akademischer gebildeter, festangestellter Mann aus einer bürgerlichen Familie. Ich bin privilegiert auf Kosten anderer, die nicht mit mir um Wohnung, Beruf, Lebensperspektiven usw. konkurrieren können. Und wenn deren Ausschluss an „angeborenen“ oder „kulturellen“ (zugeschriebenen) Eigenschaften liegt, dann ist das eben rassistisch. Und wenn ich das hinnehme, nicht in Frage stelle, ignoriere, dann bin ich an diesem rassistischen Vorgehen beteiligt.

Menschen sind nun mal verschieden…

Natürlich ist nicht jede Unterscheidung rassistisch, nicht jede Ungleichbehandlung diskriminierend. Wenn Menschen als Individuen in ihrer Verschiedenheit gewürdigt werden, dann ist das sehr anerkannt — insbesondere dann, wenn damit keine Abwertung einher geht. Und in unseren westlich-liberalen Gesellschaften sind Ungleichbehandlungen aufgrund unterschiedlicher Leistung, bzw. Leistungsbereitschaft auch durchaus anerkannt. Das jemand, der/die nicht einer bezahlten Arbeit nachgeht, weniger besitzt und weniger tun kann, ist anerkannt. Wer keine guten Noten in der Schule hat, der/die hat schlechtere Chancen in der Zukunft.

Das Problem könnte nur sein: Manches, was wichtig ist, wird gar nicht bezahlt, manches was gelehrt wird / wie gelehrt wird, schließt schon Menschen aus. Selbstverständliches ist nicht immer auch gerecht. Gerechtes ist nicht immer offensichtlich. Und ganz oft muss ich lernen, zu teilen oder gar zu verzichten. Nicht alle — eben nur die mit Privilegien.

(Was würde denn passieren, wenn wir Menschen nicht nach ihren Leistungen, sondern nach ihren Bedürfnissen unterscheiden und behandeln würden?)

Aber so schlimm ist das doch gar nicht…

Ja, das stimmt. Aladin El-Mafaalani zeigt in seinem Buch „Wozu Rassismus“ sehr schön: Rassismus ist vorhanden, aber es ist inzwischen viel besser als noch vor einigen Jahren. Heute gibt es weniger Rassismus und die Betroffenen können besser und deutlicher darüber reden. Heute gibt es mehr Gerechtigkeit und deshalb kämpfen die Privilegierten sehr viel aggressiver um ihre Privilegien. Und mancher weiße Mann fängt an darüber nachzudenken, was es bedeuten könnte, als Frau, Person of Color, Zugewanderter, Muslima oder Behinderter in dieser Gesellschaft zu leben — und was sich am eigenen Verhalten und an der Gesellschaft ändern müsste, damit es denen auch gut geht. Und damit dürfen wir nicht aufhören.

Auch deshalb nicht, weil wir ja mal so stolz auf Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit und Vernunft waren. Auch deshalb nicht, weil das Recht, ohne Angst verschieden zu sein, ein Grundbedürfnis und-recht ist. Ich sehne mich danach, in so einer Gesellschaft zu leben, mit den anderen Verschiedenen, die ihre verschiedenen Bedürfnisse einbringen.

Aber immer noch verletzt rassistisches Verhalten Menschen, macht Ihnen Angst und beschädigt sie bewusst oder unbewusst. Und immer noch sterben Menschen durch Rassismus:

Lesen Sie ihre Namen https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/todesopfer-rechter-gewalt/

Solange Menschen um mich herum nicht ohne Angst verschieden sein können, möchte ich mich mit meinem Rassismus auseinandersetzen, damit es anders wird.

Zum Thema Rassismus hilfreich zu lesen:

https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/APuZ_2020-42-44_online.pdf

Vertieft und ausführlich dargestellt wird die Entstehung und Geschichte, aber auch die Gegenwart des Rassismus ganz aktuell im neu erschienen Buch

https://www.mafaalani.de/wozu-rassismus

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