Nathan der Weise am Schachbrett?

von Harald Steffes

Zum 250. Geburtstag eines Skandals
(Fortsetzung des Beitrags vom 3. November)

Der Schweizer Pfarrer Johann Caspar Lavater hatte 1769/1770 dem jüdischen Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn in einer Zueignung seiner Übersetzung einer religionsphilosophischen Schrift (Bonnets Philosophischen Untersuchungen der Beweise für das Christentum) nahegelegt, diese „Beweise“ „öffentlich zu widerlegen, wofern Sie die wesentlichen Argumentationen, womit die Thatsachen des Christenthums unterstützt sind, nicht richtig finden: Dafern Sie aber dieselben richtig finden, zu thun, was Klugheit, Wahrheitsliebe, Redlichkeit Sie tun heissen; was Socrates gethan hätte, wenn er diese Schrift gelesen und unwiderleglich gefunden hätte.

Portrait Moses Mendelssohns um 1771.jpg

 Mendelssohns Antwort an Lavater fiel gleichermaßen diplomatisch und deutlich aus. Er wolle bei seinen Überzeugungen bleiben. Und, ganz im Sinne von Lessings Ringparabel, die allerdings erst 1779 veröffentlicht wurde: “Die verächtliche Meinung, die man von einem Juden hat, wünschte ich durch Tugend und nicht durch Streitschriften widerlegen zu können.“

Manche Historiker haben vermutet, dass seine schwierige soziale und rechtliche Stellung den Juden Mendelssohn dazu verleitet hat, den Ball flach zu halten. Wahrscheinlich entspricht es aber wirklich seiner Art, deeskalierend wirken zu wollen. Immerhin gibt er deutlich zu verstehen, dass es dem Judentum völlig fremd ist, Andersgläubige bekehren zu wollen.
Aus Mendelsohns wunderbarem Schreiben an Lavater seien wenigstens einige Absätze (in der Orthographie des 18. Jahrhunderts) zitiert:

Titelblatt Mendelssohn an Lavater 1770

Schreiben an den Herrn Diaconus Lavater zu Zürich von Moses Mendelssohn

„Ich bin völlig überzeugt, daß Ihre Handlungen aus einer reinen Quelle fließen, und kann Ihnen keine andere, als liebreiche, menschenfreundliche Absichten, zuschreiben. Ich würde keines rechtschaffenen Mannes Achtung würdig seyn, wenn ich die freundschaftliche Zuneigung, die Sie mir in ihrer Zuschrift zu erkennen geben, nicht mit dankbarem Herzen erwiederte. Aber läugnen kann ich es nicht, dieser Schritt von Ihrer Seite hat mich ausserordentlich befremdet. Ich hätte alles eher erwartet, als von einem Lavater eine öffentliche Aufforderung.…
Allein die Bedenklichkeit, mich in Religionsstreitigkeiten einzulassen, ist von meiner Seite nie Furcht oder Blödigkeit gewesen. Ich darf sagen, daß ich meine Religion nicht erst seit gestern zu untersuchen angefangen….
Ich begreiffe nicht, was mich an eine, dem Ansehen nach so überstrenge, so allgemein verachtete Religion fesseln könnte, wenn ich nicht im Herzen von ihrer Warheit überzeugt wäre. Das Resultat meiner Untersuchungen mochte seyn, welches man wollte, sobald ich die Religion meiner Väter nicht für die wahre erkannte; so mußte ich sie verlassen. Wäre ich im Herzen von einer andern überführet; so wäre es die verworfenste Niederträchtigkeit, der innerlichen Ueberzeugung zum Trotz, die Warheit nicht bekennen zu wollen. Und was könnte mich zu dieser Niederträchtigkeit verführen?
Ich werde es nicht leugnen, daß ich bey meiner Religion menschliche Zusätze und Misbräuche wargenommen, die leider! ihren Glanz nur zu sehr verdunkeln. Welcher Freund der Warheit kann sich rühmen, seine Religion von schädlichen Menschensatzungen frey gefunden zu haben? Wir erkennen ihn alle, diesen vergiftenden Hauch der Heucheley und des Aberglaubens, so viel unserer sind, die wir die Warheit suchen, und wünschen ihn, ohne Nachtheil des Wahren und Guten, abwischen zu können.
Allein von dem Wesentlichen meiner Religion bin ich so fest, so unwiderleglich versichert, … daß ich bey meinen Grundsätzen bleiben werde, so lange meine ganze Seele nicht eine andere Natur annimmt.
Und gleichwohl hätte meinetwegen das Judenthum in jedem polemischen Lehrbuche zu Boden gestürzt, und in jeder Schulübung im Triumph aufgeführt werden mögen, ohne daß ich mich hierüber jemals in einen Streit eingelassen haben würde. Ohne den mindesten Widerspruch von meiner Seite, hätte jeder Kenner oder Halbkenner des Rabbinischen, aus Schartecken, die kein vernünftiger Jude liest noch kennet, sich und seinen Lesern den lächerlichsten Begriff vom Judenthum machen mögen. Die verächtliche Meinung, die man von einem Juden hat, wünschte ich durch Tugend, und nicht durch Streitschriften widerlegen zu können. Meine Religion, meine Philosophie und mein Stand im bürgerlichen Leben geben mir die wichtigsten Gründe an die Hand, alle Religionsstreitigkeiten zu vermeiden, und in öffentlichen Schriften nur von denen Warheiten zu sprechen, die allen Religionen gleich wichtig seyn müssen. Nach den Grundsätzen meiner Religion soll ich niemand, der nicht nach unserm Gesetze gebohren ist, zu bekehren suchen. Dieser Geist der Bekehrung, dessen Ursprung einige so gern der jüdischen Religion aufbürden möchten, ist derselben gleichwohl schnurstraks zuwider. Alle unsere Rabbinen lehren einmüthig, daß die schriftlichen und mündlichen Gesetze, in welchen unsere geoffenbarte Religion bestehet, nur für unsere Nation verbindlich seyen. Mose hat uns das Gesetz geboten,es ist ein Erbtheil der Gemeinde Jacob. Alle übrigen Völker der Erde, glauben wir, seyen von Gott angewiesen worden, sich an das Gesetz der Natur und an die Religion der Patriarchen zu halten. Die ihren Lebenswandel nach den Gesetzen dieser Religion der Natur und der Vernunft einrichten, werden tugendhafte Männer von andern Nationen genennet, und diese sind Kinder der ewigen Seligkeit. Unsere Rabbinen sind so weit von aller Bekehrungssucht entfernt, daß sie uns sogar vorschreiben, einen jeden, der sich von selbst anbietet, durch ernsthafte Gegenvorstellungen von seinem Vorsatze abzuführen.“

An der Wahrheit der eigenen Religion festhalten, ohne sie anderen aufdrücken zu wollen, oder deren Religionswahrheiten infrage zu stellen. Es klingt alles so einfach und selbstverständlich. Die Auseinandersetzung um Lavaters Aufforderung aber zog große Kreise, und führten beim sensiblen Mendelssohn letztlich zu einer Erschöpfung, die ihn für mehrere Jahre quasi arbeitsunfähig machte.

Wir hatten schon darauf hingewiesen dass das berühmte Ölgemälde Oppenheims aus dem Jahr 1856, das Lavater und Mendelssohn und dazu Lessing quasi als Schiedsrichter zeigt, im wahrsten Sinne des Wortes ein Wunschbild ist, dem leider keine reale leibhafte Begegnung entspricht. Dennoch wurde das Bild gerne kopiert und als Stich oder Lithographie reproduziert. Die beiden folgenden Beispiel-Abbildungen sehen sich auf Anhieb zum verwechseln ähnlich. Wer genauer hinsieht, wird zum Beispiel bei den Bildern an der Wand oder im Bücherregal die entsprechenden Unterschiede finden.

Wie gesagt: schade, dass es zu diesem klärenden Gespräch nie gekommen ist. Erstaunlich, wie oft dieses Bild variiert und reproduziert wurde. Interessant, dass die Szenerie im Mittelpunkt ein Schachspiel hat.
Mir fällt dazu ein Text, ein, der knapp zehn Jahre nach der Auseinandersetzung zwischen Mendelssohn und Lavater veröffentlicht wurde und mithin den betreffenden Malern bekannt gewesen sein dürfte. Dort sind die drei abgebildeten Personen wirklich in einem Atemzug zu nennen. Das Gemälde erinnert an eine Schlüsselszene aus „Nathan der Weise“. Im Umfeld der Ringparabel wird ebenfalls Schach gespielt. Genauer gesagt: die Schachpartie wird quasi unterbrochen, um die Ringparabel erzählen und hören zu können.
Sehr bekannt, aber leider immer wieder in einer oberflächlichen Identifikation wiedergegeben, ist, dass Mendelssohn das Vorbild für Lessings „Nathan der Weise“ ist. Was aber hat das mit Lavater zu tun? In welcher Person kommt Lavater im „Nathan“ vor? Er wird – offensichtlich, aber selten bemerkt – in der Person der Daja verkörpert. Daja ist Christin, wie Lavater. Sie ist die Gesellschafterin von Nathans angenommener Tochter Recha. Sie steckt voller Glaubenseifer. Ihr massiver Wunderglaube und ihre Bekehrungsversuche lassen sie transparent werden für den Eindruck, den Lessing von Lavater in der Auseinandersetzung mit Mendelssohn bekommen haben muss. Weil sie sich dem Ideal einer Versöhnung der Religionen nicht anschließen mag, fehlt sie übrigens  konsequenterweise im berühmten Schlussbild des „Nathan“.


Diesem unnachgiebigen Glaubenseifer von Daja/Lavater setzt Lessing das Modell der Toleranz entgegen.
„Toleranz“ ist bekanntlich einer der am meisten strapazierten Begriffe unserer Gegenwart. Toleranz ist populär. Wer wollte nicht als tolerant gelten? Zugleich ist Toleranz einer der unschärfsten und folgenlosesten Begriffe in den politischen und gesellschaftlichen Debatten unserer Tage. Mich persönlich ergreift offen gestanden immer ein ungutes Gefühl, wenn im Rahmen von Sonntagsreden der Begriff Toleranz überstrapaziert wird. Selten wird dabei eine wichtige Frage geklärt: Ist Toleranz die große Schwester der Freiheit oder doch nur der kleine Bruder der Feigheit, die eigene Position zu vertreten?
In jedem Fall verbietet es sich, Nathan den Weisen als leuchtendes Beispiel zu zitieren, ohne sich zuvor und zugleich(!) klargemacht zu haben, wie viele Gründe es gab, eben auch die Figur der Daja in Lessings Drama unterzubringen. Oder mit anderen Worten: ich wäre für ein Verbot zu haben, die Ringparabel wohlfeil aus dem Kontext zu reißen. Stattdessen könnte man sich darauf einlassen, Texte im Zusammenhang zu lesen insbesondere auch die von Moses Mendelssohn.
Von Mendelssohn lernen heißt nicht einfach, anschließend als guter Mensch dazustehen. Von Mendelssohn lernen heißt, Glauben von Aberglauben zu unterscheiden, das Ringen um Wahrheit von Gewalt, und die Treue zur eigenen Religion von Borniertheit.

Und um Johann Caspar Lavater nicht in einem einseitig schlechten Licht dastehen zu lassen:  im April des Jahres 1775 bat Moses Mendelssohn ausgerechnet Lavater, sich für die bedrängte jüdische Bevölkerung in zwei Schweizer Dörfern einzusetzen. Lengnau und Endingen waren die einzigen beiden Dörfer im Land der Eidgenossen, in denen es eine Wohnberechtigung für Juden gab. Nur hier durften sich Juden niederlassen und eigene Gemeinden gründen. Und nun beabsichtigten die Behörden weitere einschränkende Massnahmen umzusetzen. Wenn wir es richtig rekonstruieren, blieb Mendelsohns Bitte nicht unerhört. Lavaters Einflussnahme und sein hohes Ansehen, ermöglichten, dass den Juden von Lengnau und Endingen immerhin ein Rest ihrer ohnehin beschnittenen Freiheit erhalten blieb.

Im Gespräch zwischen Lavater und Mendelssohn ging es nur um zwei der monotheistischen Religionen, wie auch zu einem Schachspiel nur zwei Personen nötig sind. Wir müssen in unserer Gegenwart – wie schon Lessing – auch den Beitrag des Islam zu einem interreligiösen Gespräch hören. Und da die Aufforderung eines Christen an einen Juden, sich taufen zu lassen, doch sehr mittelalterlich klingt, da Nathan der Weise in einer mittelalterlichen Welt zur Zeit der Kreuzzüge spielt, schließe ich mit einem mittelalterlichen und zugleich hochmodernen Zitat des persischen, muslimischen Mystikers Rumi (1207–1273):

„Draußen hinter den Ideen von rechtem und falschem Tun kommt ein Acker.
Wir treffen uns dort.“

Soll wohl heißen: Gespräche sind erst jenseits der gegenseitigen Verwerfungen, jenseits der Kategorien „richtig“ und „falsch“ möglich.
Soll wohl heißen: Gespräche zwischen den Religionen (genauer: zwischen den Anhängern von Religionen) führen nicht direkt ins Paradies. Sie finden auf einem Acker statt. Man muss sich treffen wollen. Und man muss bereit sein, den Acker gemeinsam zu bearbeiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.