Nicht böllern und auch nicht löschen

von Dr. Gabriela Köster

Das alte Jahr neigt sich dem Ende zu. Wir böllern nicht, hauptsächlich wegen der guten alten Tradition „Brot statt Böller“, aber ein bisschen auch, weil es keine Böller zu kaufen gibt. Wir treffen nicht unnötig Leute aus anderen Haushalten, höchstens per Skype oder Zoom oder Team oder wie die Programme alle heißen, mit deren Hilfe man einander hören und sehen kann, mit nur einen halben Sekunde Verzögerung – solange die Datenübermittlung funktioniert. Deutschland ist immer noch ein „Entwicklungsland“, wenn es um schnelles Internet geht. Aber wir haben – wenn auch eher unfreiwillig – als ganzes Land dazugelernt. Und viel Zeit im Netz verbracht. Besser als nichts.

Auf den Messenger-Kanälen kursiert gerade ein Cartoon mit einem betenden Kind: „Lieber Gott, kannst du bitte 2020 löschen und neu installieren? Es hat einen Virus!“

Diejenigen, die in diesem Moment die Ruhe und Gelegenheit haben, diesen Text zu lesen, möchten vielleicht nicht das ganze Jahr aus ihrem Leben löschen. Vielleicht ist ein allein verbrachter Silvesterabend nach dem in vielen Familien unverzichtbaren „Dinner For One“ und dem Punkt, wo man das Programm am Fernseher wirklich nicht mehr aushalten kann, eine gute Gelegenheit, das alte Jahr einmal im Kopfkino individuell oder – Sie Glücklichen! – zu zweit Revue passieren zu lassen.

Wofür kann ich in diesem Jahr dankbar sein? Was waren die schönsten Momente? Was waren die wichtigsten Momente? Die wichtigsten Erkenntnisse? Habe ich etwas gelernt? Was neu entdeckt? Was waren die schlimmsten Momente? Hatte ich verzweifelte Momente oder Existenzangst? Habe ich einen lieben Menschen verloren? Wo ist meine Geduld strapaziert worden? Wo habe ich die Geduld eines anderen strapaziert? Wessen Geduld? Welche Schuld bleibt, was ist vergeben? War jemand gütig zu mir? War ich gütig zu anderen? Hatte das Jahr genug gnädige und barmherzige Momente, um die Viruslast auszugleichen? Gab es genug Begegnung, um die Seele nicht austrocknen zu lassen? War nicht der ein oder andere TV- oder Youtube-Gottesdienst fast genauso schön wie ein „richtiger“, leibhaftig besuchter? War es dabei ein fühlbarer Unterschied, ob man gleichzeitig daran teilgenommen hat oder ihn nachträglich geschaut hat? Wie wird das neue Jahr wohl werden? Kann man sich darauf freuen? Wird unsere Bewegungsfreiheit wieder so sein, dass wir sorglos ein bisschen reisen können? Werden wir das, was wir für selbstverständlich hielten und in diesem Jahr entbehren mussten, in Zukunft wieder mehr schätzen können? Haben wir – nur für uns selbst – ein neues Ritual erfunden an Tagen, wo man nicht viel tun konnte? Hat sich vielleicht unsere Werteskala an ein paar Punkten neu sortiert? Haben wir jetzt plötzlich und unerwartet eine Chance bekommen, die angestrebten, bisher noch nie erreichten Klimaziele doch noch zu erreichen? Woraus schöpfen wir Hoffnung? Was tröstet uns, wenn Trost und Zuversicht gerade Mangelware sind?

Auf „Dinner For One“ könnte ich am Silvesterabend dieses Mal zur Not verzichten. Allein diniert habe ich seit März fast täglich, sogar ohne Butler. Aber was für mich zu Silvester unverzichtbar ist: das Lied, dessen Text Dietrich Bonhoeffer geschrieben hat: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Und das in der jüngeren, einfacheren Version (Evangelisches Gesangbuch Nr. 652). Ich lade Sie ein, es anzuklicken. Sie finden das Lied dort auch mit der älteren Melodie (EG Nr. 65). Das Lied ist so schön und tröstlich, dass man es sowieso zweimal hören möchte. Und ohne Infektionsgefahr ein Singing for one veranstalten.

Leider können wir das Musikstück hier nicht werbefrei verlinken. Bitte gehen Sie auf die Seite von Youtube und geben ins Suchfenster ein:
Siegfried Fietz singt Von guten Mächten wunderbar geborgen

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