Oh Ewigkeit, Du Donnerwort

Eine Andacht

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens

Als moderne Menschen tun wir uns nicht leicht damit, von der Ewigkeit zu reden. Am vergangenen Sonntag, dem letzten des Kirchenjahres, dem Ewigkeitssonntag, fiel das wieder auf. Wie schwierig das ist, merkt man auch am Liedgut. Im alten Evangelischen Gesangbuch, mit dem ich noch aufgewachsen bin (1993 durch das heutige abgelöst) fand sich unter der Nummer 324 noch das folgende grausame Lied:  

O Ewigkeit, du Donnerwort, o Schwert, das durch die Seele bohrt. / o Anfang sonder Ende! /
Ewigkeit, Zeit ohne Zeit, / ich weiß vor großer Traurigkeit / nicht, wo ich mich hinwende; / mein ganz erschrocknes Herz erbebt, / daß mir die Zung am Gaumen klebt.

Kein Unglück ist in aller Welt, / das endlich mit der Zeit nicht fällt, / und ganz wird aufgehoben: / die Ewigkeit hat nur kein Ziel, / sie treibet fort und fort ihr Spiel, / läßt nimmer ab zu toben, / ja wie mein Heiland selber spricht: / aus ihr ist kein Erlösung nicht.

O Ewigkeit, du machst mir bang! / O ewig, ewig ist zu lang, / hier gilt fürwahr kein Scherzen! / Drum wenn ich diese lange Nacht, / zusammt der großen Pein betracht, / erschreck ich recht von Herzen. / Nichts ist zu finden weit und breit / so schrecklich, als die Ewigkeit.

Wach auf, o Mensch, vom Sündenschlaf, / ermuntre dich, verlornes Schaf, / und bessre bald dein Leben! / Wach auf, es ist doch höchste Zeit, / es kommt heran die Ewigkeit, / dir deinen Lohn zu geben. / Vielleicht ist heut der letzte Tag; / wer weiß schon, wie er sterben mag!

O Ewigkeit, du Donnerwort, / o Schwert, das durch die Seele bohrt, / o Anfang ohne Ende! / O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit, / ich weiß vor großer Traurigkeit / nicht, wo ich mich hinwende. / Nimm du mich, wann es dir gefällt, / Herr Jesus, in dein Freudenzelt!

Quelle: Baseler Totentanz, Wickimedia CC

Ich weiss nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber mir wird bei diesem Lied nicht ganz wohl. Das liegt an seiner Absage an die Schönheiten und Freuden der Welt. Als ich das als Jugendlicher im Alter von siebzehn oder achtzehn Jahren das erste Mal gehört habe, habe ich sehr emotional reagiert, „Igitt“, habe ich gesagt, „Pfui, welcher Idiot hat das gedichtet. Das kann man doch heutzutage nicht mehr singen“. So hart würde ich es heute nicht mehr ausdrücken. Aber immer noch empfinde ich es als falsch, dass Ewigkeit hier als etwas eingeführt wird, das Angst machen und erschrecken soll. Ich empfinde es als befremdlich, dass das Evangelium, die Frohbotschaft, in diesem Lied nicht vorkommt, oder allenfalls am Ende der letzten Strophe kurz angedeutet wird. Bei uns ist vieles unerfreulich, soweit verstehe ich den Liederdichter ja, aber dann sagt er noch, passt auf, die Ewigkeit wird viel schlimmer, weil die Qualen der Gegenwart verstärkt und bis ins Unendliche verlängert werden.

Ich habe noch einmal nachgeschaut. Der Mensch, der das Lied gedichtet hat, Johann Rist, zählt zu den bedeutendsten frühbarocken Liederdichtern. Viele der bekanntesten und auch von mir geschätzten Lieder unseres Gesangbuchs stammen von ihm, „Brich an du schönes Morgenlicht“, “Hilf Herr Jesu lass gelingen“, „Werde munter, mein Gemüte“ und noch einige andere. Bis heute gibt es in Wedel ein „Johann-Rist-Gymnasium“. Ein Idiot war Rist also sicher nicht. Dennoch bereitet mir sein Lied Probleme, und offenbar nicht nur mir, sondern auch den Herausgebern des neuen Gesangbuches, die dieses Lied nicht wieder aufgenommen haben. Dabei stand schon im alten Gesangbuch eine entschärfte Version. Die allerschlimmsten Passagen hatte man schon im neunzehnten Jahrhundert weggelassen, so zum Bespiel im Lübecker Gesangbuch von 1859. Im Original hätte man lesen können:

Es wird sich der Verdammten Schar immerdar / Im Feur und Schwefel immerdar/ Mit Zorn und Grimm ümwenden. / Und dies ihr unbegreiflichs Leid / Soll währen bis in Ewigkeit!

Davon muss man sich als moderner Mensch distanzieren. So, indem man den Gläubigen Angst vor Höllenqualen einredet, kann man nicht von der Ewigkeit reden. Weg mit dem Lied, das ist schwarze Pädagogik.

Interessanter Weise gab es vor dreihundertfünfzig Jahren auch schon Menschen, die fanden, dass es so nicht geht. Einer von ihnen hat sich gedacht, die Melodie ist schön, der Text ist grausam, deshalb hat er einen neuen Text geschrieben, der zeigt, worum es geht. Sein Gegenlied fand man im alten Gesangbuch unter den Nummer 325, gleich daneben auf der rechten Seite:  

O Ewigkeit, du Freudenwort, / das mich erquicket fort und fort, / O Anfang sonder Ende! / O Ewigkeit, Freud ohne Leid, / ich weiß vor Herzensfröhlichkeit / gar nichts mehr vom Elende, / weil mir versüßt die Ewigkeit, / was uns betrübet in der Zeit.

O Ewigkeit, du währest lang! / Wenn mir auf Erden gleich ist bang, / weiß ich, dass solchs aufhöret. / Drum, wenn ich diese lange Zeit / erwäge samt der Seligkeit, / die nirgend nichts zerstöret, / so acht ich alles Leiden nicht, / weil´s kaum den Augenblick anficht.

Im Himmel lebt der Christen Schar / bei Gott viel tausend, tausend Jahr /
und werden des nicht müde. / Sie stimmen mit den Engeln ein, / sie sehen stets der Gottheit Schein, / sie haben güldnen Frieden, / da Christus gibt, wie er verheißt, / das Manna, das die Engel speist.

Ach wie verlanget doch nach dir / mein mattes Herze mit Begier, / du überselges Leben! / Wann werd ich doch einmal dahin / gelangen, wo mein schwacher Sinn / stets pfleget nachzustreben? / Ich will der Welt vergessen ganz, / mich sehnen nach des Himmels Glanz.

O Ewigkeit, du Freudenwort, / das mich erquicket fort und fort, / o Anfang sonder Ende! / O Ewigkeit, Freud ohne Leid! / Ich weiß von keiner Traurigkeit, / wenn ich mich zu dir wende. / Herr Jesu, gib mir solchen Sinn /beharrlich, bis ich komm dahin.

Ich weiss nicht, wie es ihnen geht, ich habe erst einmal aufgeatmet als ich dieses Gegenlied gelesen habe. Ewigkeit ist kein Donnerwort, sondern ein Freudenwort, sie verursacht keinen Schmerz, sondern Herzensfröhlichkeit undsoweiter. Der Dichter hat ganz schlicht immer das Gegenteil von dem genommen, was in seiner Vorlage stand. Nur da, wo dann der Reim nicht mehr funktioniert hätte, musste er noch Kleinigkeiten mehr ändern. Dahinter steht das Programm, das Evangelium in Worte zu fassen und trauernde Menschen zu trösten. Auch hier habe ich noch einmal nachgesehen, wer das Lied geschrieben hat: Kaspar Heunisch ist etwas weniger bekannt als Johann Rist, aber auch kein Nobody, er war Superintendent in Schweinfurt, und gewiss kein Außenseiter, sondern auch kirchlicher Amtsträger, und genauso ein Lutheraner wie Rist. Ich deute das so, dass die theologische Welt auch vor 350 Jahren bunter war, als wir uns das heute manchmal vorstellen.

Zunächst gefiel mir der zweite Text besser. Dennoch beschleicht mich bei mehrmaligem Lesen ein leiser Zweifel. Ist das nicht auch ein wenig glatt, Friede, Freude, Eierkuchen, Ende gut alles gut? All der Schlamassel, in dem wir stecken, nur eine vorübergehende Übergangsstufe, bis es dereinst im Paradies einmal besser wird? Kann das trösten? Als Dietrich Bonhoeffer verhaftet wurde, inspizierte er die Wände seiner Zelle in Berlin-Moabit und las die Inschriften, die seine Vorgänger dort hinterlassen hatten. Auf einer stand: „In hundert Jahren ist alles vorbei“. Bonhoeffer hat darüber gelacht. Objektiv betrachtet hatte der Verfasser dieser Wandkritzelei aber recht. Es sollte wohl ein Witz sein, ein zynischer Witz, letztlich wohl auch ein verzweifelter Witz: In hundert Jahren ist alles vorbei. Doch hatte er Recht. Niemandem der im jetzt leben muss, hilft es, dass es in hundert Jahren vielleicht besser wird.

Ein lieber Mensch ist gestorben. „O Ewigkeit du Donnnerwort, o Schwert, das durch die Seele bohrt“ – plötzlich kam mir dieser Vers in den Sinn: „Ich weiß vor großer Traurigkeit nicht wo ich mich hinwende. Mein ganz erschrockenes Herz erbebt, daß mir die Zung am Gaumen klebt“. Überraschender Weise ist mir das eigentlich verachtete Lied plötzlich nah. Es beschreibt meine Gefühle nämlich besser als „O Ewigkeit du Freudenwort“. Nach wie vor halte ich es für falsch, den Menschen Angst vor dem Sterben, vor der Ewigkeit einreden zu wollen. Doch meldet sich die Angst manchmal auch von alleine, ohne dass jemand sie uns einredet, Dann ist es auch hilfreich, eine Sprache dafür zu haben. Die hat das Lied ganz offensichtlich. In diesem Sinn, nicht als Beschreibung unserer Glaubensperspektive, aber als poetischer Ausdruck unserer Ängste hat das erste Lied dem zweiten viel voraus. Umgekehrt ist das zweite Lied besser darin, das Evangelium zu beschreiben, ignoriert dabei aber die menschlichen Ängste. Jedem Lied fehlt jeweils die andere Seite. Aber eigentlich müsste man beides zugleich benennen. Insofern ist es vielleicht ganz gut, dass bei der Neubearbeitung des Gesangbuchs in den neunziger Jahre beide Lieder herausgeflogen sind.

Offenbar ist es nicht ganz einfach, als zeitlicher Mensch von der Ewigkeit zu reden. Unsere zeitlichen und wandelbaren Gefühle sollen vorkommen, aber die überzeitliche Ewigkeit genauso. Kann das überhaupt gehen? Ich glaube, es geht schon, aber nicht glatt und gradlinig, es muss einen Bruch oder zumindest eine Spannung geben. Eine moderne Kantate dazu, so stelle ich es mir vor, müsste zwei musikalische Themen bieten, eines zu den menschlichen Ängsten und eines zur menschlichen Glaubensperspektive. Beide Themen müssten vollkommen verschieden sein, dürften nicht zueinander passen, müssten aber gleichzeitig gespielt werden. Hier und da könnte sich eine Harmonie ergeben, aber im Prinzip müssten wirklich beide Themen unabhängig voneinander bleiben. Das würde die Zerrissenheit von uns modernen Menschen zwischen menschlichen Ängsten und Glaubenshoffnung ausdrücken, die zu keiner Seite hin glatt und harmonisch aufgelöst werden kann.

Eine solche Kantate gibt es ,keine Angst, es ist kein Schrägtöner: Der Komponist, der dieses modern anmutende Programm realisiert hat, heißt Johann Sebastian Bach. Zwei Kantaten zum Lied „o Ewigkeit du Donnerwort“ von ihm sind erhalten. Die zweite davon, Bachwerkeverzeichnis Nr. 60, trägt den Untertitel „Dialogus zwischen Furcht und Hoffnung für Soli, Chor und Instrumente“.

Die Kantate beginnt mit einem Orchestervorspiel, in dem die Streicher ein tiefes Gegrummel als musikalisches Thema haben, düdüdüdü, immer derselbe Ton, das steht für „oh Ewigkeit du Donnerwort“, furchterregend und ist keineswegs schön anzuhören (man kann es sogar noch schneller und aggressiver spielen als in den untenstehenden Einspielungen); Musik wird diese Art von Geräusch überhaupt erst dadurch, dass das Gegrummel in Ganztonschritten aufsteigt. Dazu spielen die beiden Oboen d`amore ein schwungvolleres und bewegteres Thema, das für die Hoffnung steht. Diese beiden Pole, Furcht und Hoffnung, wiederholen sich im Gesang. Der Alt (manchmal eine Solistin, manchmal der Alt des Chors) singt die erste Strophe des Liedes von Johann Rist, Bach hat nichts verändert, es war das damals in Leipzig für diesen Sonntag vorgesehen Lied; doch lässt er den Alt als Cantus Firmus so langsam singen, dass man den Melodieverlauf kaum noch mitbekommt und sofort an die Ewigkeit denkt. Gegen Alt und Orchester tritt ein einzelner Tenor als Solist an: „Herr, ich warte auf mein Heil“. Das steht nicht im Choral von Rüst und wird ihm sogar entgegengestellt. An einer Stelle singt der Alt „ich weiss für großer Traurigkeit nicht, wo ich mich hinwende“ und gleichzeitig hält der Solist dagegen „Herr, ich harre auf mein Heil.“ Das ist ein Widerspruch. Der Alt weiss nicht, wohin er sich wenden soll, der Tenor wendet sich zu Gott. Allerdings harrt der Tenor in sehr langen Melismen und zahlreichen Wiederholungen, er harrt und harrt und harrt. Dieses Drama spielt sich in einem sich fürchtenden und gleichzeitig glaubenden Menschen ab. Musikalisch beschreibt Bach das als Ungleichgewicht, Alt und Orchester singen gemeinsam immer lauter als ein einzelner Tenor, die Furcht ist also lauter als die Hoffnung, auf der anderen Seite bekommt die Hoffnung das musikalisch attraktivere Thema, schnell und beweglich, einladend und Mut machend. Überhören kann man die Hoffnung nicht. Selbst wenn der Tenor etwas schwach auf der Brust sein sollte, Alt und Orchester machen kurz Pause und geben auch einem schwachen Sänger eine Chance. Der Tenor behält der Tenor das letzte Wort, die Hoffnung stirbt zuletzt. Dennoch endet der Satz nicht in einem triumphalen Sieg der Hoffnung. Solange wir auf Erden sind, bleibt die Spannung zwischen Furcht und Hoffnung bestehen. Sie setzt sich im Orchesternachspiel als Gegenüber zwischen dem Gegrummel der Streicher und dem lieblichen Motiv der beiden Oben d’Amore fort. Im Grunde bleib es bei dieser Spannung in der ganzen Kantate. Im vierten Satz singt der Alt verzweifelt: „Der Tod bleibt doch der menschlichen Natur verhaßt…“, dem hält der Bass als Christus entgegen „Seelig sind die Toten…“. Es ist klar, dass Christus siegen wird, dennoch bleibt es ein „Dialogus zwischen Furcht und Hoffnung“. Darin ändert auch der Schlusschoral nichts, der einerseits das Ende vorwegnimmt („Ich fahr ins Himmelshaus, ich fahre sicher hin mit Frieden“), doch andererseits dabei die schrägen Ganztonschritte des Orchestergegrummels aus dem ersten Satz aufnimmt und mit noch schrägeren Harmonien unterlegt.    
Quelle: Wikimedia CC

Die Kantate mit Noten hier: https://www.youtube.com/watch?v=qH-ugloxS_Q Musikalisch gefällt mir die Einspielung von Rudolf Lutz besser, die allerdings keine Noten hat, dafür aber auch eine exzellente Einführung bietet. https://www.bachipedia.org/werke/bwv-60-o-ewigkeit-du-donnerwort/

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