Packpapier aus Gold

von Dr. Gabriela Köster

Heute hat Immanuel Kant Geburtstag. Es ist der 297. Und deshalb steht davon heute wahrscheinlich nichts in den Zeitungen, die es ja immer rund haben wollen und die ich noch nicht lesen kann, bevor ich hier schreibe.

Unabhängig davon, ob nun Kant wirklich der wichtigste deutschsprachige Philosoph der Aufklärung oder überhaupt ist oder ob seine Schriften wegen rassistischer Passagen allesamt vom Lehrplan der Universitäten genommen werden sollen, sind die vier Fragen, mit denen er sich hauptsächlich befasst hat, nach wie vor die wichtigsten philosophischen Fragen überhaupt. 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen? 4. Was ist der Mensch?  Und Kant es tatsächlich geschafft, sie alle zu beantworten und zwar, ohne sich dabei zu widersprechen.

Immanuel Kant gemalt von Johann Gottlieb Becker 1768

Im Studium war ich keine große Liebhaberin dieses Frühaufstehers und – aus studentischer Sicht – Pedanten. Wohl weil er für die Fachwelt schrieb, was auf Kosten der Verständlichkeit ging. Heinrich Heine warf ihm einen grauen, trockenen „Packpapierstil“ vor, der seine „geistlosen Nachahmer“ dazu gebracht hätte, ihn nachzuäffen und das dadurch „bei uns der Aberglaube (entstand), dass man kein Philosoph ist, wenn man gut schreibt“. Dabei hätte Kant gut schreiben können, wenn er sich mehr Zeit dafür genommen hätte. Er war für seine lebhafte und verständliche Sprache bei seinen Vorlesungen und in seinen früheren Schrift bekannt gewesen. Aber er hatte viel vor und meinte anscheinend, nicht genug Zeit zu haben. Dazu hatte er durchaus Veranlassung: eine schwache Konstitution und ein enormes Arbeitspensum. Als Gegenmittel gab er seinem Tag eine strenge Struktur. Um 4.45 Uhr ließ er sich wecken mit dem Ruf „Es ist Zeit!“, dann trank er zwei Tassen Tee und rauchte eine Pfeife, während er sich bis 7 Uhr auf die Vorlesungen vorbereitete, die er von 7-9 Uhr hielt. Danach schrieb er bis 12.45 Uhr und arbeitete theoretisch Dann nahm er sich eine dreistündige Pause mit Gästen, die er täglich zum Essen einlud und die ihm etwas erzählen sollten. Über Philosophie sollte nicht gesprochen werden und auch Beten war nicht erwünscht. Von 16-19 Uhr stand Lesen und Nachdenken auf dem Stundenplan und um 19 Uhr begann er seinen Spaziergang durch Königsberg und war dabei so pünktlich, dass die Nachbarn angeblich ihre Uhren nach ihm stellten.

Inzwischen halte ich Kant für eine ideale Identifikationsfigur jetzt in der heißen Phase von Corona, die hoffentlich der Anfang vom Ende dieser Pandemie ist.

Stay at home: Von Kant heißt es, er habe Königsberg und Umgebung nie verlassen und sich trotzdem nicht gelangweilt.

Der Tag braucht Struktur: Kants Tage hatten Struktur, nur einmal war er beim Lesen so fasziniert, dass er seinen Abendspaziergang vergessen haben soll: beim Lesen von Jean-Jacques Rousseaus „Émile“.

Regeln müssen eingehalten werden: Abstand, Hygiene, (medizinische) Alltagsmaske, pünktlich Lüften, Testen, Impfung, Kontaktreduzierung, im Fall der Fälle:  Quarantäne. Kants Kategorischer Imperativ: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“  

Bewegung an der frischen Luft zwecks Belüftung der Lunge und Stärkung des Immunsystems: Die Länge von Kants 19 Uhr-Spaziergang ist nicht überliefert. Womöglich hat er da variiert. Hauptsache mal draußen gewesen.

Geduld Geduld und nochmal Geduld: Immanuel Kant war das 4. von elf Kindern einer ärmlichen Familie. Als er 22 war, starb sein Vater und er musste 9 Jahre lang als Hauslehrer arbeiten, um die Familie zu ernähren. Dann promovierte er und wurde Privatdozent, und musste dann nochmal 15 Jahre lang warten, bis man ihn zum Professor berief. Er war ein beliebter Lehrer zeitlebens und am Ende dieses Lebens mit 80 ein weltberühmter Philosoph. Als er endlich ein Haus kaufen und sich nach vielen Jahren der Entbehrung und Geldnot einen Diener und eine Köchin und dann eben auch täglich Gäste leisten konnte, war er bereits 63. Bis dahin brauchte er viel Geduld.

So viel Geduld brauchen wir nicht mehr bis zum Ende der Pandemie bzw. bis zur Eindämmung der Pandemie durch Impfung. Aber wir brauchen schon eine eigene Antwort auf die wichtigen Fragen im Leben: siehe oben.

Der Mensch ist einer oder eine, die selbst denkt und dann aus eigener freier Einsicht so handelt, dass man ein allgemeines Gesetz, Menschenrechte (die auch gerecht gegenüber People of Colour und Frauen sind – das ergibt sich von selbst, man braucht da Herrn Kant und andere aus seinem Jahrhundert nicht explizit zu fragen) oder sogar eine effektive, weil strenge Bundes-Notbremse daraus machen könnte. Auf diese Weise schädigt man sich nicht selbst und auch sonst niemanden und bringt niemanden unnötigerweise auf eine Intensivstation. Alles schon drin im Kategorischen Imperativ. Und die Zusammenfassung davon steht schon in der Bergpredigt: Mt 7,12, besser bekannt unter dem Namen „Goldene Regel“. Sapere aude! – wie der Lateiner sagt, oder auf Deutsch: Schauen Sie bitte gerne mal selber nach.

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