Pandemien und das Anthropozän

Dr Dietrich Knapp
von Dr. Dietrich Knapp

Jörg Hacker, bis 2020 Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, hat in diesem Jahr in der bekannten Reihe „Wissen“ des Verlages C.H.Beck, die sich an ein größeres Publikum wendet, ein kleines Buch herausgebracht, das den Titel „Pandemien. Corona und die neuen globalen Infektionskrankheiten“ trägt. Da man im Laufe der letzten Monate in großer Regelmäßigkeit und Dichte vieles in den Medien über die derzeitige Coronapandemie gelesen hat und daher gut informiert ist, mag man fragen, was ein weiteres Buch über Pandemien denn noch bringen kann. Um es gleich vorweg zu sagen: Das Buch, das ich mit großem Interesse und Gewinn gelesen habe, stellt das, was wir zurzeit erleben und erleiden, in einen größeren Horizont. Es hilft, in einem umfassenderen Sinne zu verstehen, was Pandemien sind und warum sie auftauchen.

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Das Buch thematisiert viele unterschiedliche Aspekte. Es geht ein auf die Geschichte von Infektionen und Pandemien, beschreibt anhand von Beispielen und Szenarien neue pandemische Mikroorganismen. Der Verfasser gibt Einblicke in die in diesem Gebiet durchgeführte Grundlagenforschung und widmet sich den Themenfeldern Eingrenzung von Pandemien und Digitalisierung im Kampf gegen Pandemien. Dabei kommen ebenfalls wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte in den Blick. Auch die im Zusammenhang mit der Pandemie entstehenden ethischen Probleme spricht er an.

Mich hat besonders ein Kapitel nachdenklich gemacht, das fragt, was Pandemien mit dem Anthropozän zu tun haben. Im Jahr 2000 hat der Nobelpreisträger Paul J. Crutzen, Atmosphärenchemiker und Meteorologe, bei einer internationalen Tagung von Erdsystemforschern den Vorschlag gemacht, das bisherige Erdzeitalter Holozän, das mit dem Ende der letzten Eiszeit begann, für beendet zu erklären und die Gegenwart als Anthropozän zu bezeichnen. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass der Mensch die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde in einer nie dagewesenen Weise beeinflusst hat und auch in Zukunft beeinflussen wird.

Jörg Hacker schreibt dazu: „Im Zuge des Anthropozäns haben intensive Viehzucht und Landwirtschaft, der internationale Handel mit exotischen Tieren und das zunehmende Eindringen des Menschen in die Lebensräume wildlebender Tiere sowie internationale Verkehrsnetze und die Verstädterung die Schnittstelle Mensch-Tier-Umwelt gestört. Krankheitserreger sind schon immer von Tieren auf Menschen übergegangen, aber das exponentielle Wachstum der menschlichen Bevölkerung und die zunehmenden Eingriffe des Menschen in die Umwelt machen ein Übergreifen wahrscheinlicher und folgenreicher“ (S. 66-67).

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Hacker macht deutlich, dass das vermehrte Auftreten von Pandemien mit dem Lebensstil der heutigen Menschen, mit ihrem aktuellen Umgang mit der Erde zu tun hat. So führt er an, dass die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung auch dazu führt, dass Organismen, die gefährliche Erreger übertragen (zum Beispiel Stechmückenarten), sich leichter und weiter verbreiten können und zunehmend in Gebieten auftauchen, in denen sie in der Vergangenheit nicht zu finden waren.

Aber es gibt neben dem Klimawandel auch weitere Faktoren, die das Entstehen von Pandemien fördern: „Andere Triebkräfte sind Veränderungen der Umwelt durch Abholzung und Urbanisierung; Entwicklungen in der Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion; Veränderungen in der Art und Weise, wie Menschen leben und sich verhalten, Essen, Reisen und Handel“ (S. 68-69). Diese Überlegungen gipfeln in der Aussage: „Nicht das Virus erreicht den Menschen, sondern der Mensch erreicht das Virus“ (S. 69).

Jörg Hacker macht in diesem Buch also deutlich, dass der moderne Mensch, dass wir alle unseren Lebensstil ändern müssen. So wie es vor der Pandemie war, darf es nicht mehr werden. Letztlich ist das in unserem ureigenen Interesse. Sonst werden uns Pandemien in Zukunft in noch viel größerer Regelmäßigkeit heimsuchen. Es ist sehr zu hoffen, dass die Menschen aus dieser fürchterlichen Pandemie etwas lernen und ihren Lebensstil ändern.

Jörg Hacker: Pandemien. Corona und die neuen globalen Infektionskrankheiten, München 2021

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