Scala Napoletana

ein Gastbeitrag von
Dr. Susanne Ristow

Neapel ist eine aus dem antiken Grund Europas emporgewachsene Stadt mit zahlreichen Zugängen zur Unterwelt, doch ebenso häufig kann man unverhofft eine Himmelsleiter entdecken. Himmelsleitern sind in meiner Vorstellung schmal und steil. Von solchen Verbindungen der dunklen Altstadtgassen zu luftigen Höhen gibt es aus der Zeit vor der Einrichtung viel besungener Seilbahnen („Fonicolì, Fonicolà“) in der Millionenstadt Neapel bald ebenso viele steinige Treppenwege aus der Alltagshölle des bestialischen Autoverkehres an ruhige Zwischenorte wie an der pittoresken Amalfiküste.

Weihnachten 1985 besuchte der Düsseldorfer Künstler Joseph Beuys mit seinem Freund und Galeristen Lucio Amelio Amalfi. Zu den opulenten Resten der einst so bedeutenden Seerepublik, die im 14. Jahrhundert von einem gewaltigen Tsunami auf ein Minimum seiner einstigen Größe reduziert wurde, gehört eine wunderschöne Piazza, die ganz und gar von der Präsenz einer gewaltigen Domtreppe beherrscht wird. Vor dem Bau einiger weniger, heute hoffnungslos überlasteter Strassen gab es auf der gesamten sorrentinischen Halbinsel nur neben dem Seeweg nur unzählige, bis heute gut gepflegte, steinige, steile Treppen als Verkehrsnetz und der älteste Ort der amalfitanischen Küste heißt passender Weise Scala. Der ehemalige Bischofssitz trägt im Wappen eine imposante Leiter und einen
Löwen.
Formal von ganz anderer Art sind jedoch die Stufen, die es dem für seine Recyclingmethoden bekannten Beuys angetan haben: Sie gehören zu einer schmalen, alten Obstleiter, von einem Gartenbesitzer in Amalfi ohne Umstände zum Geschenk erbeten. Diese „Scala Napoletana“ erhält durch zwei Stahlkugeln und einen über die oberste Stufe gelegten Verbindungsdraht ein fragiles Gleichgewicht und bietet eine leicht prekäre Auf- und Ausstiegsmöglichkeit. Als starkes Bild für die stets in einer ungesicherten, momentanen Balance befindliche Existenz sollte sie eine der allerletzten Arbeiten des schwer kranken Künstlers werden, der in den ersten Monaten des darauf folgenden Jahres in Düsseldorf verstarb.

Das in seiner Schlichtheit so überzeugende späte Kunstwerk des von Süditalien begeisterten Deutschen markiert auf wunderbare Weise, wie ansteckend die „Napoletanetà“ wirkt: Die Kunst des „Reciclo“ ist im krisenerprobten Kulturraum Neapel nicht nur Geheimnis einer einfachen, aber ungemein einfallsreichen kulinarischen Tradition, in der aus bescheidenen Resten noch Köstlichkeiten gezaubert werden und grundsätzlich alles verwertbar erscheint. Auch das vielschichtige Stadtbild ist vom Geist des „Reciclo“ geprägt, angefangen mit den Spolien, antiken Fragmenten, die in Altstadtgassen wie der Via Anticaglia und vor zahlreichen Kirchen der Stadt seit eh und je als weiterverwandtes Baumaterial zum Einsatz kamen. Sogar Neapels Tote verschwinden nicht einfach wie andernorts schlichtweg eingefriedet, sondern werden, wie es Ullrich van Loyen in seinem Buch „Neapels Unterwelt“ eindringlich beschreibt, als Ressource, als Kraftquelle für die Lebenden begriffen und müssen immer neu befriedet und versorgt werden.

Hinsichtlich dieses besonderen Verhältnisses der Neapolitaner zum Tod ist auch die in ihrer Fülle so einzigartige Kommunikation über die Wände der Altstadt mit ihren zahlreichen Totenmanifesten erwähnenswert. Der unlängst Verstorbenen wird auf lebhafte Weise unter Hinzufügung ihrer Spitznamen („Detti“) gedacht und aus der Allgegenwart dieser Manifestationen sind, wie im Falle des Künstlerduos Cyop & Kaf, bemerkenswert eigenständige Formen der Street Art und urbanen Intervention entstanden. Wo der Tod allgegenwärtig ist, bekommt man das Leben umso intensiver zu spüren und ohnehin kommt keiner lebend heraus – es sei denn, über eine steile Himmelsleiter, die aber von unvergleichlicher Härte ist und dem Aufstieg in die Höhe vom Meeresgrund aus gleicht.

Und so ist es vielleicht auch kein Zufall, dass Joseph Beuys eine weitere Idee zu seiner universalgelehrten Vermessung der Differenz zwischen Diesseits und Jenseits, Aufbruch und Absturz, Leben und Tod ausgerechnet auf Capri entwickelt, dem Neapel vorgelagerten Sehnsuchtsort, den er seit 1971 bis zu seinem Tod regelmäßig zum Aufladen seiner inneren „Capri-Batterie“ nutzt. Am Entstehungsort seines berühmten Zitronen-Glühbirnen-Multiples stattet er eine kleine, kompakte, dreistufige „Scala Libera“ mit zwei Steinen zum Vorgängermodell seiner ebenso freischwebenden „Scala Napoletana“ aus und vielleicht hatte er dabei ja Roberto Murolos berühmtes Lied calinatella“ im Ohr: „Scalinatella longa, longa, longa, longa, strettorella, strettorella sale in cielo e scende al mare“*, singt ein Capri-Fischer (oh ja, die gab es wirklich und sie waren alles andere als harmlos) und gedenkt seiner ins Meer gestürzten untreuen Geliebten. Ein Leben voller Mühen, eine steile Treppe, ein gewisses Maß an Härte, Lebenswillen, Sehnsucht und Verlorenheit, wie im Lied „Scalinatella“ besungen, ist nicht nur den Neapolitanern die beste Himmelsleiter.

*Langes, langes, langes, langes, enges, enges Treppchen steigt auf zum Himmel und herab ins Meer

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