Selbstinszenierung ist Alles

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens

Nina Hagen

Angela Merkel wünschte sich zum Abschied beim Großen Zapfenstreich unter anderem „Du hast den Farbfilm vergessen“ (für den Urlaub auf Hiddensee) von Nina Hagen aus dem Jahr 1974. Ich muss gestehen, dass ich das Lied bis dahin nicht kannte, vielleicht weil ich zu jung war, wahrscheinlich aber auch, weil ich im Westen aufwuchs. Als Jugendlicher wäre ich gern mit einer Stralsunder Jugendgruppe nach Hiddensee gefahren, doch scheiterte das daran, dass das eine kirchliche Heim immer ausgebucht war. Jetzt hat es mir Spaß gemacht, auf youtube Nina Hagen als artigen, adrett gekleideten Teenie beim Singen zuzuhören.

Foto: Dirk Herbert, Lizenz: Wikimedia CC BY-SA 4.0.

1974 hätte ich ihr Lied auch im DDR-Fernsehen bewundern können, unpassender Weise nur in schwarz-weiss https://www.youtube.com/watch?v=Mx_NLp5M0fc Nach Hagens Übersiedelung im Zusammenhang mit ihrer Unterschrift für den verfemten Wolf Biermann (1977) wurde ich auch im Westen regelmäßig mit ihrer Musik beschallt. In „Ich schalt die Glotze an“ reagierte sie auf die Vielfalt von inzwischen drei (west-)deutschen Fernsehprogrammen: „Ich kann mich gar nicht entscheiden, es ist alles so schön bunt hier“. Auch wenn ihr Song, wenn man von einem solchen sprechen möchte, sehr wenig Melodie enthielt, fand ich ihn lustig. Überraschend endete er in einer Art Vokalise, gesungen mit dem Vibrato einer klassischen Sängerin https://www.youtube.com/watch?v=Mx_NLp5M0fc  (ab Min. 3:48). Hier merkte man, dass sie in der DDR eine Gesangsausbildung durchlaufen hatte und ein Diplom als staatlich geprüfte Schlagersängerin (1974) besaß.

Foto: Nina Hagen links unter Manfred Krug, Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R0409-0012 / Franke, Klaus / CC-BY-SA

Ihren vollen Stimmumfang von (inklusive Kopfstimme und Kreischlauten) sechs (!) Oktaven setzte sie in „Naturträne“ (1978) ein, in dem sie ein anderswo meist romantisch geschildertes Naturereignis mit den Worten besang: „Ach, da geht die Sonne unter, Rot mit Gold, das muss so sein.“ Noch in den ersten Semestern meines Studiums (ab Sommersemester 1982) konnte man dem kaum entrinnen, ob man das nun mochte oder nicht. Jetzt auf youtube habe ich das erste Mal gesehen, dass sie dazu Babyschnuller als Ohrringe trug und sehenswerte Grimassen schnitt. Ihr Vibrato, im Pop verpönt, in der Neuen Deutschen Welle unüblich, trieb hier besondere Blüten. https://www.youtube.com/watch?v=9xi4O4RvlnQ

Kann Sie auch Oper? Auf youtube kann man heutzutage ihren Habanero aus Bizets Carmen mit Orchester bewundern. Libretto und Musik handeln von einer Frau, die Männer magnetisch anzieht, ihnen den Kopf verdreht, doch nur mit ihnen spielt und alle Annäherungsversuche und Liebesbeteuerungen von sich abperlen lässt. Damit ist das tragische Ende vorprogrammiert: Einer der Männer wird schließlich das Messer ziehen; ein Vorgang, der durch das nur aus fünf Tönen bestehende tragische Schicksalsmotiv von Anfang an vorbereitet wird. Üblicherweise wird diese Rolle durch einen Mezzosopran besetzt, eine feurige Schwarzhaarige mit rotem Kleid, tief geschnittenem Dekolleté und schwarzem Fächer. Diesem Klischee entspricht Hagen sehr wenig, was allerdings nicht an ihrer ohnehin variablen Haarfarbe liegt. In der mir vorliegenden Einspielung trägt sie ein zu kurzes goldenes Minikleid über einem langen schwarzen Rock und peppt ihre roßbraunen Zöpfe durch giftgrün-neonfarbene Lippen auf. Den Text singt sie selbstverständlich französisch: „L’amour est un oiseau rebelle“; nach dem Applaus Knicks und Handkuss. Wie durch die Rolle als Carmen vorgegeben, strebte auch sie danach, im Mittelpunkt zu stehen, und setzte dazu ihr Aussehen als Mittel ein; bloß wollte sie nicht sexy wirken, sondern durch schrill-abstoßende Erscheinung Aufmerksamkeit erregen. Das gelang: Die blau eingefärbte Zunge, beim Singen gut zu sehen, lädt Männer nicht gerade zum Küssen ein. Gerade deshalb finde ich, dass sie als Anti-Carmen eine klasse Besetzung für die Rolle der Carmen bildet und zum Nachdenken anregt. https://www.youtube.com/watch?v=1j27sqVJOR8

Ihre religiösen Klassiker sind nicht so mein Fall: Mehrfach hat sie Gounods Ave Maria gesungen, mal in schwarzem Kleid zu schwarzen Haaren als Himmelskönigin mit Krone auf dem Kopf und zwei großen Sternen an den Ohrringen, mal in Punk-Kleidung mit rosa Haaren und zwei großen Kreuzen als Ohranhängern und mal (kurz nach der Maueröffnung in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche) in kurzem schwarzen Rock mit weißer Bluse und weißem Kopfschleier als eine Art Nonne (Novizin?). Dabei ist sie, bzw. wurde sie Protestantin (2009 in Schüttorf getauft). Ganz traditionell kleidete sie sich bei „Stille Nacht, Heilige Nacht“: Zum schwarzen Satinkleid trug sie blonde Haare. Zwar ließ sie die Schminke sehr dick auftragen, doch blieb sie bei roten Lippen, schwarzen Wimpern und blauen Liedschatten.

In „Apocalyptica“ coverte sie in ein vergleichsweise harmloses Lied von „Rammstein“: „Komm in mein Boot, ein Sturm kommt auf und es wird Nacht […] die Sehnsucht ist der Steuermann.“ Ihr schwarz-weiss-Video lässt dazu einen älteren Mann in einem winzigen Ruderboot ins Dunkle aufs Meer hinausrudern, während sich im Hintergrund ein Gewitter aufbaut. Sie trägt ein schwarzes Kleid mit weißen Totenköpfen auf ihren Brüsten und steht, begleitet von drei Cellisten, vor dem einsamen Leuchtturm einer Felseninsel. Während die Musiker ungerührt streichen oder zupfen, steigt das Wasser und umspült neben Stühlen und Schuhen auch die Stachel der Celli. Man sorgt sich um die Instrumente und soll das wahrscheinlich auch. So wie Hagen als Punk schon eher perfektionistisch als sponti-mäßig gesonnen war, wird auch hier das Chaos ästhetisch durchgeplant, perfekt die Tauchvideos von den Unterwassernixen: „Wer hält deine Hand, wenn es dich nach unten zieht?“ Ich weiss nicht, ob Hagen 2003 schon die Klimaerwärmung auf dem Schirm hatte (zuzutrauen wäre es ihr), heute jedenfalls kann ich bei diesem Video an gar nichts anderes mehr denken https://www.youtube.com/watch?v=v-YzdvmD2aQ

Ich bin mit Barockmusik in historischer Aufführungspraxis groß geworden. Nicolaus Harnoncourt war das Idol meiner Langspielplatten. Als ich den Meister Jahrzehnte später das erste Mal auf 3Sat im Fernsehen sah, war ich ein wenig enttäuscht, wie oberlehrerhaft er dirigierte, nichts dem Zufall überlassend, alles bis ins letzte Detail durchgeplant und unter Kontrolle. Wenn Harnoncourt vom Cello aus dirigierte, waren zwar beide Arme beschäftigt, doch gab er jeder einzelnen Stimme mit dem Kopf nickend ihren Einsatz, sogar sich selbst. Ein von ihm geleitetes Orchester musste nur doppelt so viel üben wie alle anderen, dann konnte es den Flow, in den es kommen sollte, zuverlässig reproduzieren. Den Schallplatten hatte ich die perfektionistische Detailbesessenheit nicht angehört, obwohl ich es mir hätte denken können. Nun sehe ich am anderen Ende der musikalischen Skala, dass ausgerechnet Nina Hagen es ganz ähnlich hält. Auch wenn ich ihre Musik nach wie vor schwer aushalten kann, ist mein Respekt enorm gewachsen. Kein Detail ihrer Selbstinszenierung ist zufällig. Selbst die Spontanität hat sie sich hart erarbeitet. Ein Dank an Angela Merkel, dass sie mich auf Nina Hagen aufmerksam gemacht hat. Übrigens, Frau Merkel, gelten Sie nicht auch als Arbeitstier?

Foto: Denis Barthel, Lizenz Wikimedia CC-BY-SA-3.0.

Ein Kommentar

  1. Barbara Kempnich

    Nina Hagen ist für mich eine großartige Künstlerin. Sie schaffte in vieler Hinsicht das damalige (?) Frauenbild ( siehe „Zu kurzer Minirock“) zu brechen und eine neue Musik (E und U) zu entwickeln. Schön, dass auch evangelisch sozialisierte Bildungsbürger sich über den Umweg von Frau Merkels Abschied an ihr erfreuen. Aber ich kann mir nicht helfen, wieso habe ich das Bedürfnis sie vor einem mir etwas zu gönnerhaften Unterton beschützen zu wollen? Das hat Nina Hagens Kunst nicht verdient.

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