Sex und Gewalt im Kampf der Kulturen?

Mozarts „Entführung aus dem Serail“

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens

Der Inhalt der Oper ist leicht erzählt. Konstanze, eine junge Spanierin liebt den Edelmann Belmonte, ihre englische Zofe Blonde liebt den Diener Pedrillo, aber aus der Liebe wird nichts, weil die Frauen von Seeräubern überfallen und auf dem Sklavenmarkt verkauft werden. Ihr neuer ‚Besitzer‘, Bassa (=Pascha) Selim, bewohnt einen Serail (einen Palast) in der Türkei, er verliebt sich in Constanze, sein Diener Osmin verliebt sich in deren Zofe Blonde. Die verkauften Frauen sind ihren ‚Eigentümern‘ ausgeliefert und haben eigentlich keine Chance. Dennoch wehren sie sich standhaft gegen alle Annäherungsversuche. Hier ein Beispiel, in dem die Zofe Blonde ihrem Verehrer Osmin eine Absage erteilt und ihn bei dieser Gelegenheit gleich in die Kunst des Flirtens einführt. Keck singt sie:

Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln, 
Gefälligkeit und Scherzen, 
Erobert man die Herzen 
Der guten Mädchen leicht: 
Doch mürrisches Befehlen 
Und Poltern, Zanken, Plagen 
Macht, dass in wenig Tagen 
So Lieb‘ als Treu entweicht.

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Dem Diener Osmin missfällt das. Ihn nervt das lange Geplänkel. Er will sofort zur Sache kommen. Worum es ihm geht, ist eindeutig:  

OSMIN: Ey seht doch mal, was das Mädchen vorschreiben kann! Zärtlichkeit! Schmeicheln! – Es ist mir wie pure Zärtlichkeit! – Wer Teufel hat dir das Zeug in Kopf gesetzt? – Hier sind wir in der Türkey, und da gehts aus einem andern Tone. Ich dein Herr; du meine Sklavinn; ich befehle, du musst gehorchen! … Du hast doch wohl nicht vergessen, dass dich der Bassa mir zur Sklavinn geschenkt hat? 
BLONDE : Bassa hin, Bassa her! Mädchen sind keine Waare zum Verschenken! Ich bin eine Engländerinn, zur Freyheit gebohren; und trotz jedem, der mich zu etwas zwingen will! 
OSMIN : bey Seite 
Gift und Dolch über das Mädchen! – Beym Mahomet! sie macht mich rasend. – Und doch lieb ich die Spitzbübinn, trotz ihres tollen Kopfes! 
laut Ich befehle dir augenblicklich, mich zu lieben. 
BLONDE : Hahaha! Komm mir nur ein wenig näher, ich will dir fühlbare Beweise davon geben.
OSMIN: Tolles Ding! Weisst du, dass du mein bist, und ich dich dafür züchtigen kann? 
BLONDE: Wag’s nicht, mich anzurühren, wenn dir deine Augen lieb sind […]
OSMIN : Bey meinem Bart, sie ist toll! Hier hier in der Türkey? 
BLONDE : Türkey hin, Türkey her! Weib ist Weib, sie sey wo sie wolle! Sind eure Weiber solche Närrinnen, sich von euch unterjochen zu lassen, desto schlimmer für sie; in Europa verstehen sie das Ding besser. Lass mich nur einmal Fuss hier gefasst haben, sie sollen bald anders werden. 
OSMIN : Beym Alla! die wär‘ im Stande uns allen die Weiber rebellisch zu machen.

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So heißt es in einem der Dialoge. Die Szene wiederholt sich sozial eine Ebene höher zwischen Bassa Selim und Constanze. Auch Selim droht mit Gewalt. Auch Constanze weigert sich: Eher ertrüge sie alle Arten der Marter, als ihrem Geliebten Belmonto untreu zu werden. Inzwischen sind Belmonto und Pedrillo  eingetroffen, sie wollen die Frauen aus dem Serail entführen, aber ihr Plan geht schief, alle vier werden gefangen genommen und sind erledigt. Kurz bevor sie aufgehängt werden nimmt die Oper eine überraschende Wendung: Bassa Selim erweist sich als großherzig. Obwohl herauskommt, dass er einst Christ war, in Spanien unter Belmontes Vater sehr gelitten und deshalb Spanien verlassen hat, und obwohl er nach wie vor Constanze liebt, gewährt er beiden Paaren die Freiheit und lässt sie ziehen. Osmin will ‚seine‘ Blonde nicht hergeben, muss sich aber fügen. Der Schlusschor preist die Güte und Weisheit dieses türkischen Herrschers.

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Mozart hat die Türkenoper nicht erfunden, sondern ein barockes Genre weiter ausgebaut. Es gab sogar eine direkte Vorgängeroper von Johann André, deren Libretto er weitgehend übernommen hat, allerdings an entscheidender Stelle, bei der Güte Bassa Selims, ändern ließ. Bis dahin nimmt Mozart jedes Klischée mit, das die Türkenoper ihm bot. Die Leibwache säuft, Wein natürlich, obwohl sie das nicht darf. Die türkischen Herrscher sind Finsterlinge, die ihre Sklavinnen wie Vieh kaufen und im Harem einsperren. Sie werden notfalls mit Gewalt zu sexuellen Dienstleistungen genötigt. Ihnen stehen die beiden Europäerinnen entgegen, die nicht nur schön sind, sondern auch stark, und selbst in aussichtsloser Situation ihre Freiheit und sog. Unschuld mit Intelligenz und Witz bis zum Letzten verteidigen. Erst kurz vor Schluss kommt die überraschende Wende, die alle zuvor sorgfältig aufgebauten Klischées wieder in Frage stellt: Der böse Herrscher Bassa Selim, der schon immer eine Sonderrolle hatte, weil er nicht singt, erweist sich als der eigentlich Gütige, der der Liebe und der Freiheit eine Chance gibt. Dass auch er Opfer war, ausgerechnet von Gewalttaten durch Constanzes Vater, lässt seine Güte noch größer erscheinen. Dass er kein Christ ist, tut seiner Weisheit keinen Abbruch. (Ein Jahr später, in Lessings Nathan, wird der weise Herrscher ein Jude sein). Selims Diener Osmin hingegen bleibt bis zuletzt das Schwein, das er immer war. (Auch bei den Türken gibt es so’ne und solche, könnte man das zusammenfassen). Und natürlich wussten die Hörerinnen und Hörern, als die Oper 1782 uraufgeführt wurde, dass Sklaverei nicht nur in der Türkei existierte, sondern auch in England, wo der Ruf nach Abschaffung der Sklaverei allerdings immer lautstarker formuliert wurde. Auch wussten sie, dass in Österreich 1781 auf Betreiben des Kaisers die Abschaffung der Leibeigenschaft beschlossen worden war, allerdings bei der Durchführung ins Stocken geraten. In diese innereuropäische Debatte mischte Mozart sich auf dem Umweg über die Türkei ein. Deshalb ist seine Oper, obwohl es über drei Viertel anders erscheint, letztlich kein antitürkisches Manifest geworden, sondern eine Freiheitsoper. Die Türken sind lernfähig, liebe Europäer, macht‘s dem Bassa Selim nach! Der Schlußchor der Janitscharen preist dessen Weitsicht und Güte („Bassa Selim lebe lange! Ehre sei sein Eigentum!“). Gegen den Lobpreis eines weisen Herrschers konnte auch Kaiser Joseph II., der der Uraufführung beiwohnte, keine Einwände erheben. Für eine Anstellung Mozarts bei Hofe reichte es allerdings nicht. „Gewaltig viel Noten“, soll der gekrönte Experte für zeitgenössische Musik geäußert haben.

Kampf der Kulturen? Nach einer langen und schwierigen Geschichte mit dem Orientalismus empfinde ich Inszenierungen als schwierig, bei der man die Türken in Turbane steckt und damit als die anderen markiert. In meinem Kopf entsteht dadurch ein Bild, dass sich auch durch Mozarts überraschenden Schluss nicht mehr aufheben lässt. Hier stelle ich eine Inszenierung von David McVivar vor, die zwar ein Bühnenbild wie aus Tausendundeiner Nacht bietet, aber den Kampf der Geschlechter in den Mittelpunkt stellt. Das Orchestra of the Age of Enlightenment spielt unter Leitung von Robin Ticciati in historisch informierter Aufführungspraxis, durchsichtig und präzise.

Die oben zitierte Arie mit der anschließenden Auseinandersetzung über die „Freyheit der Engländerinn“ befindet sich am Anfang des zweiten Aktes. Bemerkenswert schnell gelingt es Sally Matthews als Constanze (2. Akt ab Min. 21:03) nach einer Atem beraubenden Auseinandersetzung auf dem Bett mit Bassa Selim, umzuschalten, Luft zu holen und zu einer der schwierigsten und anspruchsvollsten Koloraturarien Mozarts anzusetzen:  „Martern aller Arten mögen meiner warten. Ich verlache Qual und Pein.“ Tobias Kehrer als Osmin mit Peitsche (3. Akt ab Min. 16:57) freut sich so sehr auf die Hinrichtung beider Paare, dass er vor Begeisterung Rad schlägt: „Oh, wie will ich triumphieren, wenn Sie Euch zum Richtplatz führen, und die Hälse schnüren zu!“

Akt 1: https://www.youtube.com/watch?v=_oHfgVeXd04 
Akt 2: https://www.youtube.com/watch?v=MmsQaW-dLMo 
Akt 3: https://www.youtube.com/watch?v=zDaSKa0mFS0

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