Sie haben nicht gebetet…

Ein Gastbeitrag von Sören Asmus

„You didn’t pray“ waren die Worte, mit denen verschiedene Pfarrer*innen in den U.S.A. die Aktion des Präsidenten kritisierten, als dieser sich vor Monaten für ein Foto mit der Bibel in der Hand vor einer Kirche aufstellte. Bei allem „Werben“ für die christlich-evangelikale Wählerschaft in den U.S.A. ist für Donald Trump das Wort „Gott“ ein wichtiges Stichwort. Auch wenn es uns hier überraschen mag, welche Rolle die christliche Religion im U.S.-Wahlkampf spielt, nicht nur der Präsident warnt vor „gottlosen“ Zeiten, wenn er nicht wiedergewählt wird, auch viele weiße, Oberschichts-Pfingstler*innen predigen, dass Trump der von Gott gewünschte Präsident sei  ̶ der Heilige Geist oder Gott selber habe es ihnen so mitgeteilt.

In den U.S.A. spielt die christliche Religion im öffentlichen Leben eine besondere Rolle, die wir in unseren Breiten nur schwer nachvollziehen können. Seit sich mit Jimmy Carter ein wiedergeborener Christ in der Politik outete, lässt sich die Geschichte des Kampfes um die evangelikalen Wähler*innen in den U.S.A. verfolgen. Politikwissenschaftler und Soziologinnen, Religionswissenschafler und Journalistinnen haben hierzu vieles zusammen getragen und gezeigt: „Gott“ aktiviert Wähler*innen und mit „Gottes Hilfe“ werden in den U.S.A. Präsidenten gemacht.

Derzeit ist den meisten evangelikalen und fundamentalistischen Christ*innen in den U.S.A. klar, dass D. Trump selber weder moralisch noch religiös einer von ihnen ist. Es sind auch diesmal weniger die Themen Abtreibung und öffentliches Gebet, die für den Wahlkampf wichtig sind (obwohl die Neubesetzung eines Supreme Court-Sitzes nach dem Tod von Judge Ruth Bader Ginsburg sicher bedeutsam sein wird…), sondern vielmehr das Gefühl, dass Trump „Gott wieder zur Macht“ bringen wird. Zu den „angry white men“ gehören auch viele Evangelikale und Fundamentalisten. Die kulturelle Vorherrschaft des weißen Christen in den U.S.A. ist durch religiösen Pluralismus, liberale Religionsneutralität und wirtschaftliche Veränderungen in Frage gestellt ̶ es ist nicht mehr „God’s chosen nation“, sondern „die von einem höheren Wesen, das viele von uns so oder so verehren, erwählte Nation (und die der anderen natürlich auch)“. Trump dagegen verspricht „making God great again“.

All das steht hinter dem Bild des U.S.-Präsidenten mit der falsch herum gehaltenen Bibel vor einer Kirche. Und viele Gründe gibt es, dies zu kritisieren, moralisch verwerflich zu finden oder heuchlerisch. Aber die Reaktion der kirchlichen Repräsentant*innen auf diese Aktion führt einen einfachen theologischen Grund der Kritik an, den sich alle Christ*innen zu Herzen nehmen sollten, um diese und andere Instrumentalisierungen der Religion und Gottes zu beurteilen: „Sie haben nicht gebetet.“ (Vgl. den Kommentar von Reverent John C. Dorhauer: https://www.youtube.com/watch?v=zcfs9J8PjcQ)
Diese Kritik geht über die konkrete Situation in Washington D.C. und den U.S.A. hinaus. Sie ist eine Kritik, ein Unterscheidungsmerkmal für jede Verwendung von „Gott“, von Gottes Namen: Wenn es um „Gott“ geht, dann kann man über Gott (und die Welt) reden, aber Christ*innen sollten eben zu allererst zu Gott reden. Denn als Christ*innen sind wir bei Gottes Namen durch Gebot und Gebet gebunden:

Das Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht missbrauchen…
Das Gebet: Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name…

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Was heißt es, durch Gebot und Gebet gebunden zu sein?
Es heißt für mich, dass wir durch unseren Gehorsam gegenüber den Weisungen Gottes und unser Reden nicht über ihn, sondern zu Ihm handeln. Wenn Gemeinden Flüchtlinge aufnehmen und sich für die Aufnahme von Flüchtlingen in unseren Städten einsetzen und ihnen beistehen, dann bekennen sie in diesem Tun, dass Gott Liebe und Barmherzigkeit ist. Wenn Gemeinden, Diakonie und einzelne ChristInnen sich für Benachteiligte und Verlierer in unserer Gesellschaft unabhängig von Glaube oder Religion in Jugend-, Sozial- und Flüchtlingsarbeit engagieren, dann bekennen sie in diesem Tun, dass Gott Gerechtigkeit und Heil ist. Überall da, wo wir uns aus Glauben einsetzen für das gelingende Miteinander, wo wir Unrecht und Probleme benennen und mit allen Mitmenschen nach Lösungen suchen, tun wir das ja im Namen Gottes, sodass dies Gott die Ehre gibt und wir Seinen Namen heiligen. Immer dann, wenn in unseren Gottesdiensten die Gebete für Gerechtigkeit und Frieden an Gott gerichtet werden, wenn konkret vor Gott bekannt wird, wo Seine gute Gabe und Sein Friede zerstört werden, wird Ihm die Ehre gegeben und Sein Name geheiligt. Und dies Bekennen und Beten sind Antworten, wie sie nur die Gemeinschaft derer gibt, die in den Namen Gottes gebunden sind. Sie sind Antworten auf den Missbrauch des Namen Gottes, nicht weil sie darauf reagieren, sondern weil sie zeigen, was es heißt, den Namen Gottes recht zu gebrauchen.

Bei Dietrich Bonhoeffer heißt es: „Von uns ChristInnen ist heute zweierlei gefordert, das Beten und das Tun des Gerechten unter den Menschen.“ Darin liegt für mich die angemessene Reaktion auf die Verwendung des Namens Gottes:

Den Gaben Gottes in unserem Tun zu entsprechen; die Liebe, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Wahrheit zu tun – weil wir daraus leben. Gott darin zu danken, dass wir als Versöhnte an Seiner Zuwendung zur Schöpfung und zu den Menschen Anteil haben dürfen. Und schließlich mit allen Menschen, die Ihn anrufen, mit Juden, Christen und Muslimen zusammen im Gebet Ihn um Frieden und Gnade und Leben zu bitten. Dies schließlich ist etwas, das nur wir als Menschen des Glaubens, denen Gott Sich und Seinen Namen offenbart hat, tun können – bei allen bleibenden Differenzen zwischen uns. Denn hier reden wir nicht über den Namen Gottes, wir reden Ihn an. Deshalb müssen wir auch auf die Glaubenden aus den anderen Religionen zugehen und sie um dieses und andere gemeinsame Zeichen unserer Bindung an den Namen Gottes, des Barmherzigen, Gerechten und Liebenden bitten, weil uns der Missbrauch Seines Namens immer betrifft.

„Sie haben nicht gebetet“ ̶ das ist die kürzeste und ernsteste Kritik an der religiösen Propaganda des U.S.-Präsidenten und an jeder Form der Instrumentalisierung Gottes oder der Religion. „Sie haben nicht gebetet“, weder in Worten, noch in Taten. Gott sei Dank gibt es in den U.S.A. immer noch viele Menschen, die sich an Gott in Gebet und Gebot gebunden fühlen, trotz des Präsidenten.

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