Stadt des Mythos

Dr Dietrich Knapp
von Dr. Dietrich Knapp
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„Stadt des Mythos“ – unter dieser etwas geheimnisvoll klingenden Überschrift möchte ich mit Ihnen eine kleine Zeitreise unternehmen. Wir werden das 21. Jahrhundert verlassen, um einer im heutigen Syrien gelegenen antiken Stadt in der Zeit zwischen dem 14. und 13. Jh. v. Chr. einen Besuch abzustatten. Ihr Name: Ugarit. Diese Stadt hat seit ihrer Entdeckung viele Wissenschaftler/innen  aus den Bereichen Archäologie, Altorientalistik und Bibelwissenschaft in ihren Bann gezogen.

Im Jahr 1929 entdeckten französische Archäologen an der syrischen Küste in Minet el-Beida ein spätbronzezeitliches Grab. Nachdem man den Fundort weiter untersucht hatte, widmete man sich auch dem knapp einen Kilometer von der Küste entfernten Ruinenhügel von Ras Shamra. Dort entdeckte man in einem Teil der freigelegten Stadt Tontafeln mit Texten. Viele waren auf Akkadisch, der damaligen Verkehrssprache, verfasst, zahlreiche jedoch in einer Sprache, die bis dahin unbekannt war. Diese Funde sollten sich als Sensation erweisen und die Forschung für Jahrzehnte beschäftigen. Die Sprache war – nach dem Namen der Stadt – das Ugaritische. Besonders interessant war die Schrift: Es handelte sich um eine alphabetische Keilschrift mit nur 30 Schriftzeichen – etwas, was es bis dahin nicht gegeben hatte. Diese Schrift war im Vergleich zu den mehreren hundert Silbenzeichen der akkadischen Keilschrift ein enorme Vereinfachung. Die genauere Auseinandersetzung mit den Tontafeln zeigte, dass hier – neben juristischen und ökonomischen – eindrucksvolle religiöse, kultische und mythologische Texte vorlagen, Texte, die nicht nur für Altorientalisten von Bedeutung sein sollten, sondern auch für Bibelwissenschaftler/innen. Seit der Entdeckung der Stadt Ugarit hat es weitere archäologische Untersuchungen gegeben, so dass das Wissen über diese Stadt immer umfangreicher wurde.

Wer sich einen ersten Überblick verschaffen will, kann das am besten aus der Vogelperspektive tun. Es sind deutlich die Konturen einer Stadt zu erkennen mit Plätzen, großen und kleinen Häusern, einzelnen Räumen, Straßen, Wasserbecken usw. Wenn man genauer hinschaut, erkennt man im Westen eine große Anlage, den Königspalast mit seinen ca. 100 Räumen und Höfen. Hier sind die meisten der Tontafeln gefunden worden; es hat also im Palast regelrechte Archive gegeben. Weiter östlich sind die Südstadt und die südliche Akropolis zu erkennen. Im Norden lag das religiöse Zentrum, dort wurden ein Baaltempel, ein weiterer Tempel und das Haus des Hohenpriesters entdeckt. Schließlich ist noch etwas weiter nördlich eine westliche und östliche Unterstadt, im Süden ein südliches Stadtzentrum zu erkennen. Die heute noch zu besichtigenden Überreste lassen erahnen, dass Ugarit einmal eine eindrucksvolle Stadt gewesen ist. Es war Zentrum eines kleinen mediterranen Königreiches, das mit seinem Hafen in starkem Maße vom Handel lebte. Die Karawanen, die aus dem Binnenland kamen, luden ihre Waren hier auf Schiffe um, die dann die Güter in die Ägäis oder nach Ägypten und Nordafrika transportierten. Ugarit war auf diese Weise eine lebendige Drehscheibe. Viele verschiedene Menschen kamen in diese Stadt, hinterließen ihre Spuren und sorgten für „internationales Flair“. Deswegen verwundert es nicht, dass der Name Ugarit auch in ägyptischen und hethitischen Texten auftaucht. Ansonsten gab es natürlich auch Ackerbau (Korn, Oliven), Viehzucht (Schafe und Rinder) und Handwerksindustrie. Die Gesellschaft muss insgesamt recht differenziert gewesen sein; die führende Schicht konnte sich ein aufwändiges Leben leisten.

Die Funde, die im Laufe der Zeit gemacht worden sind, geben einen Eindruck vom Leben in dieser Stadt. So fand man neben den Texten Keramik, einen Krater mit der Darstellung eines mykenischen Streitwagens, zwei goldene Schalen mit Tierdarstellungen (Gazellen, Stieren, Löwen, Rinder) bzw. einer Jagdszene (Königliche Gestalt auf einem Wagen bei der Jagd, begleitet von einem Hund, fliehende Wildziegen, Büffel), einen Becher mit dem Gesicht einer Fruchtbarkeitsgöttin, der wahrscheinlich als Toilettenartikel für Frauen diente, und den Kopf eines jungen Mannes (eine Gottheit oder ein Prinz?). Darüber hinaus stießen die Archäologen auf Darstellungen der in Ugarit verehrten Götter, so auf El, Baal und Anat. Auf diese Weise bekommen wir einen Einblick in den Götterhimmel Ugarits.  

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Genaueres über die religiöse Welt Ugarits erfährt man, wenn man sich mit den Mythen und Epen auseinandersetzt. So gibt es etwa den berühmten Baal-Mythos. Dort agiert neben dem Wettergott Baal seine Schwester Anat. Baals Ziel war es, auf dem nördlich von Ugarit gelegenen Götterberg Zaphon als Herrscher akzeptiert zu werden und einen nie gesehenen Palast zu errichten. Andere Götter wie Jam (Meer) oder Nahar (Bach) treten in diesem Mythos als Gegenspieler Baals auf. Zwischen Baal und Jam kommt es  schließlich zur Auseinandersetzung, die Baal für sich entscheidet. Anat setzt sich im Verlauf immer wieder vehement für Baal ein. Noch einmal entstehen große Schwierigkeiten für Baal, dieses Mal durch den Gott Mot, der Baal auffordert, zu ihm ins Totenreich hinab zu steigen und sich für unterlegen zu erklären. Baal findet durch Anats Engagement letztlich aber wieder den Weg aus dem Tod ins Leben und besiegt seinen erbitterten Gegner Mot. Der Gott, der die befruchtende Kraft des Regens verkörpert, hat sich damit gegenüber dem Gott, der für Sommerhitze und Tod der Vegetation steht, durchgesetzt. Der oberste Gott El hatte zuvor schon im Traum erfahren, dass die Zukunft Baal gehört.

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Dieser Mythos ermöglicht aber nicht nur Einblicke in den Glauben der Bewohner von Ugarit mit seinen verschiedenen Facetten. Vielmehr bekommen wir indirekt auch Eindrücke aus dem Leben der Menschen dieser Stadt, die sich die Welt der Götter in Analogie zu ihrer eigenen Lebenswelt vorgestellt haben. Der Ablauf der Jahreszeiten, der Wechsel von Trockenheit und Regen spiegelt sich ebenfalls deutlich im Mythos wieder. Baal ist der Gewittergott und der Regenspender, Jam steht für das Meer und seine Macht, Mot heißt sogar wortwörtlich „Tod“. Anat tritt als Kämpferin und Liebende auf. Der Mythos dient also dazu, die Wirklichkeit mit ihrem stetigen Wechsel und ihren Unwägbarkeiten religiös zu bewältigen.

Auch die Bibelwissenschaft hat sich immer wieder mit Ugarit und seinen Texten beschäftigt. Das ist insofern sinnvoll, als anzunehmen ist, dass die Kultur und Religion Ugarits in etwa dieselbe gewesen ist wie die Kultur und Religion der Kanaanäer, die in vorisraelitischer Zeit im Gebiet des späteren Israel gelebt haben. Es ist also davon auszugehen, dass Spuren der kanaanäisch-ugaritischen Religion und Kultur sich im Alten Testament finden. Und in der Tat ist das der Fall. So heißt z. B. „Gott“ im Hebräischen u. a. auch „El“, also genauso wie der oberste Gott in Ugarit: „Gesegnet sei Abram von El Äljon, dem Schöpfer von Himmel und Erde.“ (1. Mose 14,19)

Baal als Gott der Kanaanäer, zu dem Israel auf Distanz gehen soll, taucht an zahllosen Stellen im Alten Testament auf. Und wahrscheinlich gibt es auch noch erkennbare Spuren der Verehrung einer weiblichen kanaanäischen Gottheit in Israel. In der heutigen Forschung versucht man herauszuarbeiten, wo das alte Israel kanaanäisches Gedankengut aufgenommen hat und wo es sich bewusst und dezidiert von ihm abgegrenzt hat. Beides hat es gegeben, Kontinuität wie Diskontinuität. Im Zusammenhang des Stichwortes Abgrenzung bzw. Diskontinuität ist natürlich besonders der Glaube Israels an den einen Gott zu erwähnen – also Monolatrie und später Monotheismus statt kanaanäischem Polytheismus. Durch die vielen Untersuchungen ist deutlich geworden, dass die kanaanäische Kultur sich auf einem hohen Niveau befand. Das alte Israel hat davon wahrscheinlich stark profitiert. Die Beschäftigung mit dem alten Ugarit führt zu einer der verschiedenen Wurzeln des alten Israel und damit letztlich auch zu unseren eigenen kulturellen und religiösen  Wurzeln. Man kann also eine Linie von der Spätbronzezeit bis in die Gegenwart ziehen. Wir haben dieser Stadtkultur wahrscheinlich mehr zu verdanken, als uns bewusst ist. Wer weiß, wo wir heute stünden, wenn damals in Ugarit nicht das Alphabet eingeführt worden wäre. Das Schreiben, das für das alte Israel und seinen Glauben so wichtig werden sollte, das für Judentum und Christentum so charakteristisch ist, hat seine Wurzeln in der kanaanäischen Schreibkultur. Israels Literatur basiert literarisch und stilistisch auf kanaanäischen Vorstufen. Der Ausflug nach Ugarit zeigt: Manchmal lohnt es sich, über die Jahrtausende in die Vergangenheit hinabzutauchen. Es kann sein, dass man dabei seinen eigenen Wurzeln begegnet und auf diese Weise auch die Gegenwart besser versteht.

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