Unsere Islamexperten

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens

Mal eben gegoogelt

Der Begriff „Experte“ ist nicht geschützt; es gibt keine Ausbildung, kein Staatsexamen und kein Diplom für „Expert:innen“. Wer will, kann sich selbst dazu erklärt; man kann dabei allerdings auf den Bauch fallen. Es bedarf anderer Menschen, die einen in dieser Rolle anerkennen. Wenn ich von mir behauptete, ich sei ein Experte für allgemeine Relativitätstheorie, Sprachen Papua-Neuguineas oder tibetische Textilgeschichte, würden Sie mir das wahrscheinlich nicht abnehmen.

„Der Islam kennt drei Konfessionen“, spöttelte der Kabarettist Jürgen Becker vor einigen Jahren, „die Sunniten, die Schiiten und Peter Scholl-Latour. Die dritte Konfession ist die wichtigste, denn sie erklärt, was die beiden anderen glauben.“ Peter Scholl-Latour galt manchen als Islam-Experte. 2014 ist er gestorben, hat aber zahlreiche Nachfolger gefunden. Welches sind die heute wichtigsten deutschsprachigen Islam- und Islamismus-Expert:innen? Ich habe diese Frage meiner Internet-Suchmaschine gestellt. Ich verstehe das als eine Art praxisnahes Experiment, durchaus selbstkritisch angelegt, da auch ich ebenso wie die meisten meiner Mitmenschen zur Informationsbeschaffung laufend googele. Ich hatte bei meinem Experiment ein methodisches Problem: Google unterscheidet nicht immer zwischen Islam und Islamismus und zeigt sich auch in gender-Fragen manchmal wenig sensibel. Deshalb habe ich mein Experiment so angelegt, dass ich am 1. Mai 2021 die Begriffe „Islam-Experte“, „Islam-Expertin“, „Islamismus-Experte“ und „Islamismus Expertin“ (in Anführungsstrichen) eingab und wörtlich wiedererkennen ließ. Die Namen der jeweils 100 ersten von Google genannten Treffer habe ich notiert und ausgezählt. Vor jeder der vier Abfragen habe ich den Cache meines Browsers gelöscht, in der – vielleicht naiven – Hoffnung, das Ergebnis sei dann nicht mehr so sehr von meinen eigenen Abfragen der Vergangenheit beeinflusst, denn google personalisiert die Ergebnisse seiner Anfragen.

Quelle: wikepedia.de

Hier die wichtigsten Expert:innen, wie sie sich aus meiner Versuchsanordnung ergaben:

In der Kategorie „Islam-Experte“ führt der als arabischer Israeli geborene Diplom-Psychologe Ahmed Mansour die Liste an (16 Nennungen), gefolgt vom Münsteraner islamischen Religionspädagogen Prof. Dr. Mouchanad Khorchide (7*). Platz drei bis fünf (5*) teilen sich der Osnabrücker Islamwissenschaftler Prof. Dr. Michael Kiefer (ehrenamtlich im Kreissynodalvorstand des Kirchenkreises Düsseldorf), der ehemalige Bundesbankvorstand Dr. rer. pol. Thilo Sarrazin (Rentner) und der in Cambridge promovierte Sozialwissenschaftler und Politologe Dr. Malise Ruthven. Auf Platz sechs bis zwölf (4*, 3*) liegen drei Politologen (Prof. Dr. Oliver Roy, Prof. Dr. Bassam Tibi, Dr. Thomas Schmiedinger) und drei Islamwissenschaftler (Prof. Dr. Frank Griffel, Prof. Dr. Reinhard Schulze, Prof. Dr. Dr. h. c. Mathias Rohe, M. A., letzter im Hauptberuf Jurist).

Bei den Frauen („Islam-Expertin“) dominiert die Frankfurter Völkerkundlerin Prof. Dr. Susanne Schröter (31*), die sich wissenschaftlich als Südostasien-Spezialistin die Sporen verdient hat und seit etwa 2016 auch zu Islam in Deutschland publiziert. Ihr folgt mit erheblichem Abstand (15*) Dr. Yasemin El-Menouar, die Soziologie und Islamwissenschaft studiert hat und als „Senior Expert“ der Bertelsmann-Stiftung für die Durchführung mehrerer empirischer Studien zu Islam und Religionen überhaupt in Deutschland verantwortlich zeichnete. Es folgen die islamische Religionspädagogin Lamya Kaddor (5*), die Biologin Sigrid Herrmann-Marschall (3*) und die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Schirrmacher (2*), die das Islaminstitut der evangelikal geprägten Evangelischen Allianz leitet.

Bei den männlichen „Islamismus-Experten“ wird der Psychologe Ahmed Mansour (50*) genauso oft genannt, wie die anderen erfassten 27 „Islamismus-Experten“ zusammen. Diesen Rest führt der Islamwissenschaftler und Politologe Dr. Guido Steinberg (7*) an, der an der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin forscht, gefolgt vom französischen Politikwissenschaftler Prof. Dr. Oliver Roy (5*), dem islamischen Religionspädagogen Dr. Moussa Al-Hassan Diaw, dem Politikwissenschaftler Dr. Thomas Schmiedinger (je 3*) und den Historikern Dr. Christian Osthold und Dr. Johannes Kandel (je 2*).

Bei den Frauen („Islamismus-Expertin“) liefern sich die Arabistin Claudia Dantschke (38*) und die Biologin Sigrid Hermann-Marschall (37*) ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Es folgen die Romanistin Saïda Keller-Messahli (7*) und die Völkerkundlerin Prof. Dr. Susanne Schröter (5*). Schlusslicht unter den Mehrfachnennungen bildet die Terrorismus- und Extremismusforscherin Julia Ebner (2*), die sich durch Forschungen am Londoner „Institute for Strategic Dialogue“ einen Namen gemacht hat.

Offensichtlich sind diejenigen, die bei Google ganz oben landen, nicht immer dieselben, die auch in ihrem jeweiligen Fach als die besten Expert:innen gelten. Einige führende Islamwissenschaftlerinnen tauchen in meinem google-Ranking überhaupt nicht auf (z.B. Angelika Neuwirth, Katajun Amirpur) oder werden nur einziges Mal erwähnt (Gudrun Krämer, Annemarie Schimmel). Bei den Männern fehlen z. B. Stefan Weidner, Tillmann Nagel, Adel Khoury oder Milad Karimi, die sich (mit durchaus unterschiedlichen Ergebnissen) wissenschaftlich mit dem Koran beschäftigt haben. Umgekehrt stehen auf meiner Liste mehrere Expert:innen weit oben, die in der Wissenschaft nicht die geringste Rolle spielen. Früher hätte ich ein Auseinanderklaffen zwischen fachinterner Anerkennung und öffentlicher Wahrnehmung darauf zurückgeführt, dass manch Wissenschaftler:in den Elfenbeinturm nur ungern verlässt, während manch Journalist:in befürchtet, solide und abwägende Urteile senkten die Einschaltquoten bzw. die Zeitungsauflage. Inzwischen sehe ich immer häufiger Wissenschaftler:innen, die sich redlich um Öffentlichkeitsarbeit bemühen, und Journalist:innen, die wissenschaftliche Expertise nachfragen.

Wer ist wichtig, und wer nicht? Neben dem hoch geheimen Algorithmus der Firma Google entscheidet das in meinem Experiment „das Netz“. „Das Netz“ als Akteur bleibt anonym und ist rechtlich weitgehend dereguliert. Jahrelang waren Suchanfragen über google zum Thema „Islam“ beispielsweise von PI-News dominiert, einem Nachrichtenportal, dessen Server irgendwo anonym im Ausland steht. Seit 2013 wird die Münchner Ortsgruppe von PI-News durch den Bayrischen Verfassungsschutz beobachtet, vor wenigen Tagen berichtete der Spiegel, PI-News werde auch als Ganzes vom Bundesamt als „erwiesen extremistisch“ eingeschätzt und beobachtet. 17 Jahre hat man für diese Erkenntnis gebraucht. Auch wenn die Anfänge scheinbar seriöser waren, um eine solide Informationsquelle handelte es sich nie. Mich begleitet „PI-News“ seit ich an der Stadtakademie arbeite. Andere Nachrichtenportale empfinde ich als kaum weniger schlimm, möchte aber mit Rücksicht auf klagewütige Medienanwälte hier keine Namen nennen.

Das Problem rechtlich unzureichend geregelter Nachrichtenverbreitung ist nicht neu. Mit der Verbreitung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert entstand die Redewendung „Lügen wie gedruckt“. Offenbar fiel es schon damals vielen Menschen leichter, gedruckt zu lügen, als den Belogenen dabei ins Auge zu schauen. Heute nennt sich das „Fake-News“. Im Printbereich regeln seit Jahrhunderten Druckort und Verlagsangaben den Gerichtsstand, inzwischen bei Bloqs, deren Server in Deutschland steht, das Impressum. Online lässt sich der deutsche Gerichtsstand leichter umgehen, weshalb Fake-News häufiger in Bloqs oder online-Portalen auftauchen als im Print-Bereich oder den öffentlich-rechtlichen Medien. Dennoch erscheinen Pauschalurteile wenig sinnvoll: Einige online-Portale wirken ausgesprochen seriös, einige gedruckte Zeitungen bleiben Revolverblätter. Die meisten Deutschen können ohne weitere Recherchen einschätzen, ob sie die „Bild-Zeitung“ oder die „Süddeutsche Zeitung“ für das seriösere Print-Organ halten. Aber online-Portale? Was ist besser: „nrw-direkt.net“ oder „quantara.de“? Die meisten Menschen müssten sich erst einmal kundig machen, bevor sie für sich selbst diese Frage beantworten könnten. Die Medienkompetenz, die angeblich heute schon den Kindern in der Schule beigebracht werden soll, bringen auch viele Erwachsene noch nicht auf, auch viele Lehrerinnen und Lehrer nicht. Sie ist auch nicht leicht zu erwerben. Nicht jedes Portal arbeitet transparent. Nachforschungen kosten Zeit, führen scheinbar vom Hauptinteresse weg und bleiben oft wenig erfolgreich.

Viele Menschen informieren sich bei Facebook, Twitter, WhatsApp oder telegram: Zugespitzt auf einen einzigen Satz, der für sich genommen möglicherweise nicht einmal völlig falsch ist, hallt das Echo flotter Zitate mehrere Tage durch die angeblich ‚sozialen‘ Medien wie durch eine Echokammer. Gruppenweise vergewissert man sich, dass man selbst zu den Guten, Andersdenkende aber zu den Bösen gehören. Auf diese Weise lässt sich die Nahost-Politik, die Corona-Epidemie, das Verfassungsrecht, der Islam, die Virologie, der Islamismus oder das Fußballtraining (jedenfalls die Debatte darüber) erheblich vereinfachen: Wie kann ein Trainer nur so dämlich sein! Ich verstehe mehr von Virologie als dieser komische Drosten! Schellnhuber ist ein bezahlter Klimaideologe, hat neulich dieser Dingsda gesagt. Was das Bundesverfassungsgericht entschieden hat, kann ich zwar nicht korrekt wiedergeben, finde das Ergebnis aber total bescheuert!

Quelle: Pixabay CC.jpeg

Eine derartige Polarisierung hat auch die Expertise zu Islam und Islamismus erfasst. Ich weiss keinen einfachen Weg, um aus diesem Dilemma wieder herauszukommen; dies gilt insbesondere im Streit mit Diskursverweigerern, die öffentliche Debatten als Monolog unter Gleichgesinnten organisieren und lieber über Muslim:innen als mit ihnen reden.

Deshalb hier zehn Empfehlungen zum Umgang mit Medien:

  1. Google verleitet zu der Überzeugung, dass Sie sich zugleich schnell und zuverlässig informieren könnten. Diese Illusion müssen Sie sich abschminken. Sie können sich online sehr schnell Informationen beschaffen, müssen aber auch Zeit für Recherchen zu der Seriosität ihrer Quelle aufwenden.
  2. Zwischen Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit bei der Informationsbeschaffung besteht ein unauflösbarer Zielkonflikt. Suchen Sie einen für Sie gangbaren Kompromiss. Auch Sie sind ein Mensch mit beschränktem Zeitbudget, beschränkter Fachkompetenz, beschränktem Interesse und (ja, auch das) beschränkter Intelligenz. Schätzen Sie Ihre Grenzen realistisch ein. Sie können nicht gleichzeitig Expert:in für Nahostpolitik, Virologie, Fußballtaktik, Islam, Verfassungsrecht, Klimaerwärmung, Islamismus, rechtsextreme Bloqs und Portale sowie tibetische Textilgeschichte sein.
  3. Vertrauen Sie sich einem Medium an, dessen Journalist:innen die komplizierten Phänomene (sagen wir des Verfassungsrechtes, der Virologie oder des Islam) einigermaßen verständlich auf ihr Niveau herunterbrechen. Misstrauen Sie Medien, bei denen die Stimmungsmache die Darstellung der Sachprobleme überlagert.
  4. Wenn Sie bei ihrem Medienkonsum zwischen Sachinformation und legitimer Unterhaltung nicht mehr unterscheiden können („Infotainment“), läuft etwas schief. Nutzen Sie soziale Medien nicht zum Aggressionsabbau. Dafür eignet sich Sport besser. Dennoch darf auch Medienkonsum Spaß machen. Wenn Ihnen bei der Entspannung Rosamunde-Pilcher-Filme helfen, ist dagegen ebenfalls nichts einzuwenden. Die jubeln Ihnen keine Ideologie unter, die Sie nicht auch in erschöpftem Zustand durchschauen könnten.
  5. Vertrauen Sie nur Expert:innen, die Ihr Vertrauen auch verdienen. Eine fachbezogene Qualifikation bietet zwar keine Garantie für ein gutes Ergebnis, schadet aber in den wenigsten Fällen. Autodidakten kommen vor, sind aber selten. Vertrauen Sie Ihnen nur, wenn Sie dafür einen guten Grund haben. Folgen Sie nicht den Krawallmacher:innen, auch wenn die bei Google oft oben stehen.
  6. Öffentliche Debatten, sofern überhaupt noch debattiert wird, laufen oft nach dem Muster ab: Schlägst Du auf meine Expert:in ein, verhau‘ ich Deine Expert:in. In einer dichothomisch geordneten Welt, in der man entweder dafür oder dagegen sein muss, lassen sich sämtliche Expert:innen scheinbar dem einen oder anderen Lager zuordnen und man versucht dann, die jeweils andere Seite herunterzumachen. Dann verliert man sich in Debatten zweiten Grades über die jeweilige Kompetenz, respektive Inkompetenz von Expert:innen. Manchmal lässt sich das nicht ganz vermeiden. Doch läuft etwas schief, wenn die Debatte zweiten Grades das eigentliche Thema verdrängt.  
  7. In der unübersichtlichen Gemengelage zwischen (legitimer) Islamkritik und Nähe zum Rechtsextremismus disqualifiziert sich selbst, wer die Reihen der Islamkritik nach rechts hin fest geschlossen hält. Abstandsregeln gelten auch in der Politik.
  8. Wikipedia – eine „neutrale“ Informationsquelle? Kann ein Lexikon überhaupt „neutral“ sein? Ich bezweifle das. Dennoch: Seit einigen Jahren bemüht man sich bei Wikipedia, strittige Themen als strittig darzustellen und Argumente und Gegenargumente gleichermaßen fair darzulegen. Hierzu werden Belege geboten, die man als Fußnote anklicken und nachlesen kann. Im Zweifelsfall: Machen Sie das. Sind Themen heftig umstritten, schauen Sie im Versionsverlauf nach, worüber man streitet. Ich finde: Wikipedia ist zwar nicht perfekt, aber besser als sein Ruf. Intelligent eingesetzt eignet sich Wikipedia sehr wohl für eine vergleichsweise solide Erstinformation in verhältnismäßig kurzer Zeit. Besser als vieles anderes.
  9. Vergessen Sie sog. Expert:innen, die eine andere Meinung als die eigene nicht halbwegs fair und korrekt referieren können oder wollen. Meist sind das dieselben Personen, die auch Hass und Hetze verbreiten. Hass und Hetze erkennt man durch rationale Analyse oder mit dem Herzen. Oder mit Herz und Verstand.
  10. Erstaunlich viele Menschen verwechseln ihre eigene Meinung mit der „des Verfassungsschutzes“ (tatsächlich: sechzehn Landesämter, ein Bundesamt). Verfassungsschutzberichte sind online zugänglich und können elektronisch auf Stichworte hin durchsucht werden. Wenn Ihnen Zweifel kommen, schlagen Sie nach. Zwar sind Verfassungsschützer fehlbare Menschen. Politisch werden Verfassungsschutzberichte vom jeweiligen Innenminister verantwortet, dessen Meinungen Sie kennen und einschätzen können. Dennoch: Verfassungsschutzberichte müssen gerichtsfest formuliert werden und enthalten deshalb vergleichsweise selten grobe Schnitzer. Erstaunlich oft gibt der Originaltext nicht das her, was Teile der Öffentlichkeit ihm entnehmen zu können meinen. Vgl. ausführlicher dazu: https://himmelsleiter.evdus.de/was-ist-eigentlich-islamismus/

Zuletzt der Werbeblock: Folgen die von mir an der Evangelischen Stadtakademie Düsseldorf angeboten Veranstaltungen den hier genannten Kriterien für Expertise? Nein, nicht immer, aber immer öfter.

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