Von der ewigen Suche nach dem Selbst

Harald Steffes
von Harald Steffes

Nein, selbstverständlich reicht eine Verfilmung nie an das literarische Original heran. Ja, dennoch sieht man gerne Literaturverfilmungen, weil man sehen möchte, in welcher Weise das Buch den Regisseur und sein Team inspiriert hat. Jenseits aller albernen Grundsatzdebatten, die sich spätestens seit der Zusammenarbeit von Wim Wenders und Peter Handke oder der Verfilmung von Berlin Alexanderplatz durch Rainer Werner Fassbinder erledigt haben, gibt es eine große Freude für die Freunde der klassischen deutschen Literatur zu vermelden. Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky hat sich an demjenigen Hesse-Roman versucht, der auf Anhieb vielleicht am schwierigsten verfilmbar erscheint. 1930 erschien „Narziss und Goldmund“, die Geschichte einer Lebensfreundschaft zweier ausgesprochen unterschiedlicher Charaktere.

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Sie begegnen sich als Kinder in einer Klosterschule. Während Narziss im Kloster, in den klassischen Tugenden Armut, Keuschheit und Gehorsam den Weg findet, den er gehen möchte, verlässt Goldmund das Kloster und tritt eine große Lebensreise an, die nicht nur durch manches Abenteuer, manche Begegnungen mit Frauen, Krankheiten und andere Nöte führt, sondern ihn auch zum Künstler reifen lässt. Am Ende seines Weges landet er wieder in jenem Kloster, aus dem er einst ausgebrochen ist.
Weil letzten Endes die Freundschaft zwischen den beiden stärker ist als jede andere Kraft? Weil im Grunde Narziss und Goldmund die beiden Seiten einer Seele sind, die ein Leben lang unterwegs sind, um am Ende versöhnt zu werden?
Wie auch immer. Mit Sabin Tambrea als Mönch Narziss und Jannis Niewöhner als Goldmund wird in wunderbaren Bildern die Suche nach dem eigenen Selbst auf die Leinwand gebracht, die beiden Protagonisten letztlich nur im inneren, im anhaltenden Zwiegespräch mit dem Freund gelingt.

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Während der Roman lange auf Narziss verzichten kann, weil man sich einigermaßen gut vorstellen kann, wie die Entwicklung eines Klosterschülers ihn immer tiefer in seine Spiritualität hineinführt, muss die Entwicklung des extrovertierten Goldmund natürlich durch seine Begegnungen und Erfahrungen vorwärts getrieben und erzählt werden. Während Narziss charakterisiert wird durch den ersten Satz, der vom Abt zu ihm gesprochen wird („Vielen Leuten ist es unheimlich, wenn einer allzu gescheit ist“), verstehen wir Goldmund vor allem im Leuchten der Augen jener Menschen, die seinem Charme erliegen.
Und wo Puristen der Literatur am ehesten aufschreien werden, wird der Cineast Verständnis haben. Ruzowitzky durchbricht nämlich die Chronologie der Erzählung, steigt ziemlich schnell vom bekannten Ende der beim Lesen des Buches kaum noch für möglich gehaltenen Wiederbegegnung der Protagonisten ein und lässt Goldmund dann selbst sein Leben eben nicht nur für Narziss, sondern auch für uns Zuschauer erzählen.
Und so erleben wir nach und nach die Begegnungen der Künstlerseele mit jenen Menschen, die ihn prägen, herausfordern und ihren Beitrag dazu leisten, dass er den Weg zu sich selber findet. Die Besetzung der Rollen ist dabei ausgesprochen gelungen: Emilia Schüle als Lydia, Uwe Ochsenknecht als Meister Niklaus, Henriette Confurius als Lene und Jessica Schwarz als Rebekka: auch verhältnismäßig kleine Rollen sind mit Schauspielern der ersten  Garde besetzt. Unterstützt vom Szenenbild (Sebastian Soukup erhielt beim Deutschen Filmpreis 2020 eine Nominierung in der Kategorie Bestes Szenenbild) und der liebevollen Maske (Helene Lang war ebendort für das beste Maskenbild nominiert) tragen sie alle dazu bei, dass man in einem völlig anderen Medium den Zauber von Hesses Kunstwerk erleben kann.

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Der auf Anhieb nicht besonders zugängliche Charakter von Narziss wird genauso liebevoll ins Bild gesetzt, wie das unablässige Streunen der Künstlerseele Goldmunds. Letzterer erschafft schließlich ein Meisterwerk, das so noch niemand gesehen hat: jede Heiligenfigur  seines Altars trägt das Antlitz einer Frau, die sein Leben geprägt hat. Die Erfahrungen eines Lebens und die Liebe zu Menschen geben ihm die Kraft, dem Holz eine Seele einzuhauchen. Das verstehen Zuschauer auch jenseits des klugen und kunsthistorisch sicherlich berechtigten Einwurfs, dass wir in der mittelalterlichen Welt des Films doch wohl eher gotische Figuren erwartet hätten, und keinen quasi barocken Altar und schon gar nicht die überdeutlichen Anspielungen auf Hieronymus Bosch.

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Wer verstehen möchte, warum der zu Hesses Lebzeiten erfolgreichste Roman aus seiner Feder (immerhin in 30 Sprachen übersetzt) Menschen aller Generationen berührt hat, wird sich nicht mit der Fehlersuche im Vergleich zur Vorlage aufhalten. Warum klagen über das Fehlen innerer Dialoge, statt sich über die grandiose Besetzung zu freuen? Warum darauf hinweisen, dass der Roman im Unterschied zum Film ohne einen verzweifelten Sturm des Establishments auf Goldmunds Kunstwerk auskommt? Warum nachdenklich den Kopf hin und her wiegen, dass Statt der Suche nach der symbolischen Urmutter in der literarischen Vorlage auf der Leinwand eher eine Art Road-Movie auf der Suche nach Goldmunds leiblicher Mutter, genauer gesagt eine Art berittenes Feldweg-Movie zu sehen ist?
Am Ende zählt die Frage, am Ende welchen Weges wir unserem Selbst begegnen.

Nachdem der Film im März in den Kinos anlief (ein sehr unglücklicher Zeitpunkt), ist nun auch die entsprechende DVD verfügbar.                                        

Für die Zurverfügungstellung der Szenenfotos danken wir Sony Pictures Entertainment.
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