Von Gänsen und Himmelsleitern in Dänemark

von Harald Steffes

Die Sehnsucht, auf einer Leiter in den Himmel steigen zu können, ist weit verbreitet. Vielleicht genauso verbreitet wie der Wunsch, fliegen zu können. Zu beiden Extremphänomenen hat der dänische Philosoph und „Schriftsteller in Richtung auf das Religiöse“ Sören Kierkegaard (1813-1855) einiges zu sagen. Und er sagt es, um aufzurütteln, weil ihm nichts so menschenunwürdig erscheint wie die Mittelmäßigkeit. Diese scheint ihm schmerzlicherweise ausgerechnet im Christentum weit verbreitet zu sein. Seine Gänseparabel verdeutlicht die Angst vorm Abstumpfen und dem Mittelmaß:

Kierkegaard nach einer Skizze von N.Chr. Kierkegaard ca 1840

Die zahme Gans

Stell dir vor, die Gänse könnten sprechen – dann hätten sie es so eingerichtet, dass sie auch ihren Gottesdienst hätten. Jeden Sonntag kämen sie zusammen, und ein Gänserich predigte.
Der wesentliche Inhalt der Predigt wäre: welch hohe Bestimmung die Gans habe, zu welch hohem Ziel der Schöpfer – und jedesmal, da dies Wort genannt würde, knicksten alle Gänse und alle Gänseriche dienerten – zu welch hohem Ziel der Schöpfer die Gans bestimmt habe. Mit Hilfe der Flügel könnten sie fortfliegen zu fernen Gegenden, seligen Gefilden, wo sie eigentlich ihre Heimat hätten, denn hier seien sie bloß Fremdlinge.

Und so jeden Sonntag. Und darauf trennte die Versammlung sich, jede watschelte Heim zum eigenen Herd. Und dann wieder am nächsten Sonntag zum Gottesdienst und dann wieder heim – dabei bliebe es, sie gediehen und würden fett, drall und delikat – und dann würden sie am Martinstag verspeist – dabei bliebe es.
Dabei bliebe es. Denn während die Predigt am Sonntag so feierlich lautete, wussten die Gänse am Montag einander zu erzählen, wie es einer Gans ergangen sei, die Ernst habe machen wollen mit Hilfe der Flügel, die der Schöpfer ihr gegeben habe, bestimmt zu dem hohen Ziel, das ihr gesetzt sei, wie es ihr ergangen sei, welche Schrecknisse sie habe erdulden müssen. Davon wussten die Gänse klüglich untereinander. Aber natürlich, am Sonntag darüber zu sprechen wäre ja unpassend; denn, sagten sie, dann würde ja offenbar, dass unser Gottesdienst eigentlich heiße, Gott und uns selbst zum Narren zu halten.
Auch fanden sie unter den Gänsen einige einzelne, die leidend aussahen, mager wurden. Von ihnen hieß es unter den Gänsen: Da sieht man, wohin es führt, wenn man mit dem Fliegen-Wollen Ernst macht. Denn weil sie sich in ihrem stillen Sinn mit dem Gedanken, fliegen zu wollen, beschäftigen, deshalb werden sie mager, gedeihen nicht, haben Gottes Gnade nicht, wie wir sie haben und deshalb drall, fett, delikat werden, denn von Gottes Gnade wird man drall, fett, delikat.

Und am nächsten Sonntag gingen sie dann wieder zum Gottesdienst, und der alte Gänserich predigte von dem hohen Ziel, wozu der Schöpfer (hier knicksten die Gänse und die Gänseriche dienerten) die Gans bestimmt habe, wozu die Flügel bestimmt seien.

 Ebenso mit dem Gottesdienst der Christenheit. Auch der Mensch hat Flügel, er hat die Phantasie. Ihre Bestimmung ist, dass er sich wirklich mit ihrer Hilfe erheben soll – aber wir tun, als ob die Phantasie sich in einer stillen Stunde an einer Sonntags-Schwärmerei ergötzen sollte, und bleiben dann im übrigen, wo wir sind, und halten dann am Montag das drall, fett, delikat Werden, das Bauchspeck-Ansetzen, d.h. das Geldsammeln, das in der Welt zu etwas Werden, das Zeugen vieler Kinder, das Glück haben usw., das halten wir für den Beweis der Gnade Gottes.

Und die, welche sich wirklich mit Gott einlassen, und die deshalb – anders kann es nicht sein und anders ist es auch nicht nach dem Neuen Testament – die, welche sich wirklich mit Gott einlassen, und die deshalb leidend werden, bekümmert aussehen, Plage und Mühe und Gram erdulden – von denen sagen wir, man sehe daran, dass sie Gottes Gnade nicht haben.
            Und wenn nun jemand dies liest oder hört, dann sagt er: das ist hübsch – und dann bleibt es dabei, dann watschelt er heim zum eigenen Herd […] aber am Sonntag predigt dann der Pfarrer, und er hört zu – ganz wie die Gänse.

41 Jahre ist der Autor dieser kleinen Parabel, als er sie in sein Tagebuch schreibt. Eine Menge Ärger mit seiner Kirche hat er erlebt. Leidenschaftlich gekämpft hat er für die Ernsthaftigkeit des Christentums. Leidenschaftlich gekämpft hat er gegen die Verharmlosung der christlichen Botschaft.
Für ihn ist „Christ sein“ eine Entscheidung, die das ganze Leben beeinflusst. Christ sein ist eine lebenslange Aufgabe des Suchens für jeden Einzelnen. Das Gegenteil dieser Suche ist das Nachplappern.
Mit seiner Gänseparabel betont Kierkegaard vor 170 Jahren: es ist nicht genug, die alten Wege zu watscheln, die immer schon ausgewatschelt sind. Es ist nicht genug, einfach abzunicken was immer schon gesagt ist und immer wieder gesagt wird. Das macht träge. Viele Zeitgenossen – wie sollte es auch anders sein – haben ihm das als Arroganz ausgelegt. Das ist erstens falsch, zweitens ungerecht, und drittens ein schöner Beleg dafür, wie Denkfaulheit in Sackgassen führt. Wer den Denkweg Kierkegaards auch nur oberflächlich nachzuvollziehen versucht, erkennt folgendes: In zahlreichen pseudonymen Schriften experimentiert Kierkegaard mit Positionen. Je nach Ausgangspunkt muss der Weg zum Christentum nämlich ein anderer sein. Sein vielleicht berühmtestes Pseudonym ist Johannes Climacus. Johannes, auch genannt Johannes von der Leiter, lebte circa von 579 – 649 als Mönch und spiritueller Schriftsteller. In immer weiteren Schritten versucht er sich stufenweise an Gott heran zu meditieren und heran zu denken. Von daher hätte man ihm kaum einen passenderen Beinamen geben können als Climacus. Klimax ist schlicht das griechische Wort für „Leiter“.

Climacus scala paradisi 1451

Wenn nun Kierkegaard diesen Climacus als Pseudonym u.a. für seine „Philosophischen Brocken“ verwendet, betont er gleichzeitig, dass er sich seinen Helden als dezidierten Nichtchristen vorstellt, der mit seinem Gedankenexperiment nur in die Nähe des Christentums geraten kann. Christentum ist eben kein spekulatives Experiment und keine gedankliche Leistung. Christentum ist für Kierkegaard etwas das eingeübt werden muss in Kenntnis der eigenen Abgründe. Darum setzt er auf die Titelblätter seiner beiden letzten großen Schriften, die „Einübung im Christentum“ und „Die Krankheit zum Tode“, als Pseudonym den Namen Anticlimacus. Christentum findet nicht am oberen Ende der Himmelsleiter statt, sondern dort, wo die Himmelsleiter steht und die Sehnsucht des Menschen wohnt: auf der Erde.

What goes up, must come down.

Dass Kierkegaard mit Anticlimacus eine dezidiert antispekulative Theologie vertritt, rückt ihn in die Nähe Luthers, dessen Theologie der Freiheit das Herausgerufensein aus den Verstrickungen der Selbstbeurteilung betont. Von dieser Ermutigung des Herausrufens aus dem Trott spricht die zweite Gänseparabel Kierkegaards. Sie ermutigt zur Freiheit, ohne den Preis der Freiheit zu verharmlosen. Sie lädt dazu ein, immer wieder zur Freiheit heraus-zufordern, und benennt klar die Grenze, an der man sich vielleicht einen anderen Wirkungskreis suchen muss:

Sören A. Kierkegaard 1813 – 1855

Die Wildgans

Jeder, der auch nur ein kleines bisschen Kenntnis vom Leben der Vogelwelt hat, weiß, dass zwischen der Wildgans und den zahmen Gänsen, wie verschieden sie auch sind, dennoch eine Art Verstehen herrscht. Wenn der Zug der Wildgänse in der Luft zu hören ist, und zahme Gänse unten auf der Erde sind – so merken die Zahmen es sofort. Sie verstehen bis zu einem gewissen Grade, was es bedeutet; deshalb hüpfen sie auch, schlagen mit den Flügeln, schreien und fliegen in verworrener unschöner Unordnung ein Stück über den Erdboden hin – und dann ist es vorbei.

Es war einmal eine Wildgans. Zur Herbstzeit – gegen den Wegzug hin – wurde sie auf einige zahme Gänse aufmerksam. Sie fasste Zuneigung zu ihnen, es deuchte sie jammerschade von ihnen wegzufliegen. Sie hoffte, sie für ihr Leben zu gewinnen, so dass sie sich entschlössen, mit zu folgen, wenn der Zug fortflöge. Zu dem Zweck ließ sie sich auf jede Weise mit ihnen ein. Versuchte sie zu locken, dass sie ein wenig höher stiegen und dann noch ein wenig höher im Flug, damit sie dann womöglich im Zuge mitfolgen könnten, erlöst von diesem elenden, mittelmäßigen Leben, auf Erden zu watscheln als ehrbare zahme Gänse.
Zu Anfang schien es den zahmen Gänsen, dies sei ganz unterhaltsam, sie hatten die Wildgans gern. Aber bald wurden sie ihrer überdrüssig. So gaben sie denn grobe Worte von sich, beschimpften sie als eine phantastische Närrin ohne Erfahrung und ohne Weisheit. Ach, und die Wildgans hatte sich leider zu sehr mit den zahmen Gänsen eingelassen, sie hatten allmählich Macht über sie bekommen, so dass ihre Worte etwas für sie bedeuteten.

Und das Ende vom Liede war, dass die Wildgans eine zahme Gans wurde.

Man kann in gewissem Sinne sagen, was die Wildgans wollte, sei hübsch gewesen, doch war es ein Missverständnis; denn – dies ist das Gesetz – eine zahme Gans wird niemals zur Wildgans, wohl aber kann eine Wildgans zur zahmen Gans werden.
Sollte deshalb auf irgendeine Art lobenswert sein, was die Wildgans tat, dann muß sie vor allem unbedingt auf eines achten: dass sie sich selbst hütet; sobald sie merkt, dass die zahmen Gänse auf irgendeine Weise Macht über sie bekommen – dann fort, fort mit dem Zug. […]

Christlich ist es nicht ebenso. Gewiß ist der wahre Christ, über den der Geist herrscht, vom gewöhnlichen Menschen verschieden wie die Wildgans von den zahmen Gänsen. Aber das Christentum lehrt ja gerade, wozu ein Mensch im Leben werden kann. Hier ist also Hoffnung, dass eine zahme Gans zu einer Wildgans werden kann.
Deshalb: bleibe bei ihnen. Bleib bei diesen zahmen Gänsen, bleibe bei ihnen, nur mit dem einen beschäftigt, sie für die Verwandlung gewinnen zu wollen.
Aber um Gottes im Himmel willen, achte auf eines: sobald du merkst, dass die zahmen Gänse anfangen, Macht über dich zu bekommen, dann fort, auf und davon mit dem Zug, auf dass es nicht damit ende, dass du wie eine zahme Gans wirst, glücklich gemacht in der Jämmerlichkeit.

Wildgans im freien Flug

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