Was für ein wunderbarer Dichter

Ende 1944/Anfang 1945 entstand das bekannteste Gedicht der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Sein Autor gilt bis heute als der bedeutendste deutsche Lyriker des abgelaufenen Säkulums: Paul Antschel. „Paul Antschel? Kenne ich nicht.“ wird mancher sofort denken.

Vielleicht ja doch. Dieser Autor hat darauf hingewiesen, dass in der Zeit seiner Gegenwart „die Geschichte die Geographie aufgefressen“ habe. Und so ist denn dieser vor genau 100 Jahren im ehemaligen Rumänien, heute Ukraine, geborene Dichter, der in diesen Tagen vor 50 Jahren in Paris verstarb, in Deutschland unter einem anderen Namen bekannt geworden. Ein Anagramm aus seinem ursprünglichen Namen: die Rede ist von Paul Celan.

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Celan ist als Kind einer deutschsprachigen jüdischen Familie geboren. Neben den bislang zu erwähnenden Ländern spielt auch Österreich eine gewisse Rolle in seiner Biografie. Im Mai 1948 begegnete er in Wien Ingeborg Bachmann. Von Ende der vierziger bis Anfang der fünfziger Jahre entspann sich ein Liebesverhältnis zwischen den beiden, das dann von Ende 1957 bis Mitte 1958 in Paris wieder aufgenommen wurde.

Eine Liebe ist ja immer ein Glücksfall.
In diesem Falle aber nicht nur für das Paar, sondern für alle Freunde der deutschen Sprache. Nicht nur in Celans Tagebüchern, sondern vor allem im postum veröffentlichten Briefwechsel zwischen Bachmann und Celan findet jede heutige Leserin Gelegenheit, etwas zu verstehen. Zu verstehen was Geschichte ist. Was Sprache bedeutet. Was Liebe sein könnte. Und wie das eine nicht ohne das andere sein kann. Der Briefwechsel erschien 2008 unter dem Titel „Herzzeit“. Dort lässt sich auch nachvollziehen, dass die berühmtesten und schönsten Gedichte aus Celans Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ ursprünglich für Ingeborg Bachmann geschrieben wurden. „Mohn und Gedächtnis“ erschien 1952 mit dem Gedicht Todesfuge, das wie kein zweiter literarischer Text deutscher Sprache den Mord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten thematisiert. (Auch Celans Eltern wurden von den Nazis ermordet.) Wer mehr über dieses Gedicht, seine Entstehung und vor allem seine Wirkung erfahren möchte, wird fündig in einem in diesen Tagen erschienenen wunderbaren Buch: “Todesfuge. Biographie eines Gedichts“ von Thomas Sparr. Und wer sich in der durch die gegenwärtigen Umstände gewonnenen Zeit weiter in Celans Biografie vertiefen möchte, liegt richtig bei Helmut Böttiger: „Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan“.

All diese Bücher helfen, einen wunderbaren Dichter etwas besser zu verstehen. Dennoch wird manches im Dunklen bleiben. So auch die genauen Umstände seines Todes Ende April 1970. Wahrscheinlich in suizidaler Absicht stürzte sich der mittlerweile in Paris lebende Dichter in die Seine. Sein Leichnam wurde am 1. Mai 1970 zehn Kilometer stromabwärts geborgen. Er wurde an jenem 12. Mai 1970 beigesetzt, an dem seine Freundin Nelly Sachs verstarb. Es gibt Biografien, die sind so dicht, dass jedermann spüren darf, wie kostbar und knapp die uns bemessene Zeit ist. Es gibt Biografien, in denen wundert einen fast nichts mehr. Wenn man im oben erwähnten Gedichtband nach der „Todesfuge“ sucht, dann stößt man als letztes Gedicht zuvor auf einen Text mit dem Titel: „Corona“. Dieses Gedicht endet mit den wunderbaren Zeilen:

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

Harald Steffes, Ev. Stadtakademie

Ein Kommentar

  1. Werner Preißger

    Der Blog ist sehr gut und informativ aufgebaut.
    Herzlichen Dank für Ihre Bearbeitung.
    Werner Preißger

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