Was nicht in der Bibel steht (Teil 2)

Dr Dietrich Knapp
von Dr. Dietrich Knapp

Unbekannte und verschollene Evangelien aus der Anfangszeit des Christentums sind nicht nur in wüstenähnlichen Regionen, sondern auch in Bibliotheken und Museen gefunden, besser gesagt wiedergefunden worden. Das beste Beispiel dafür ist das so genannte Unbekannte Berliner Evangelium. Im Jahre 1967 hat das Ägyptische Museum Berlin den koptischen Text für nur 300 DM erworben. Man klassifizierte die Handschrift als „neutestamentliches Apokryphon“, war also der Auffassung, es handle sich um Jesus zugeschriebene Reden. Die Handschrift wurde aber nicht wie üblich zwischen Glasplatten gesichert, sondern einfach ohne konservatorische Maßnahmen eingelagert. Danach geriet der Text in Vergessenheit und wurde nicht weiter beachtet. Erst 1991 wurde er wiederentdeckt. Zu einer Veröffentlichung unter dem Titel „Gospel of the Savior“, also „Evangelium des Erlösers“ sollte es dann noch bis 1997 dauern. Der Text enthält vier Seitenzahlen (99/100 und 107/108), woraus man schloss, dass es sich insgesamt um ein umfangreicheres Werk gehandelt habe. Zwei Wissenschaftler versuchten, die Fragmente in die richtige Reihenfolge zu bringen, was aber letztlich nicht gelang. Erst in jüngerer Zeit hat man einen zweiten Anlauf genommen und war nun erfolgreicher. Dieses wiederentdeckte Evangelium hat vor einer Reihe von Jahren auch die öffentliche Presse beschäftigt, die sofort meinte fragen zu müssen: „Muss die Geschichte des Christentums noch einmal ganz neu geschrieben werden?“, was natürlich nicht der Fall ist. Gleichwohl handelt es sich um einen ausgesprochen interessanten Fund, der die Forschung sehr beschäftigt hat. Von der Form her besteht das Evangelium aus Reden Jesu, die in gewisser Weise den Reden Jesu im Johannesevangelium ähneln. Bezüge gibt es aber auch zu anderen nichtkanonischen Evangelien. Was die zeitliche Ansetzung angeht, so ist das Evangelium wahrscheinlich Ende des 2. Jahrhunderts oder etwas später entstanden und ist damit ebenfalls relativ alt. Ursprünglich ist es in griechischer Sprache geschrieben worden. Einerseits ist auch hier vom Reich Gottes die Rede, dessen Kommen Jesus erwartete. So heisst es: »… wenn das Königreich der Himmel zu eurer Rechten ist. Selig ist, wer mit mir essen wird im Königreich der Himmel. Ihr seid das Salz der Erde und die Lampe, die die Welt erleuchtet. Schlaft noch schlummert nicht, [bis ihr euch bekleidet] mit dem Kleid des Reiches, das ich empfangen (?) habe im Blut der Weintraube.« Auffällig ist, dass von der Kreuzigung Jesu nicht nur in der aus den ersten drei Evangelien bekannten Weise die Rede ist. Vielmehr wird das Kreuz auf seltsame und geheimnisvoll klingende Weise von Jesus angesprochen und personifiziert, was deutlich macht, dass es sich nicht um ein ganz altes Evangelium handeln kann: » O Kreuz, [ … ] dich [und] erhebe dich bis zum Himmel, denn dies ist dein Wille, o Kreuz. Fürchte dich nicht! Ich bin reich und werde dich mit meinem Reichtum erfüllen. [Ich] werde auf dich hinauf steigen, o Kreuz. Sie werden mich an dir aufhängen [ … … … … … … … von Generation] zu Generation. Weine [nicht], o [Kreuz], sondern freue dich doch, und erkenne deinen Herrn, wenn er zu dir kommt, denn er ist sanftmütig und [demütig].« Von der fast nüchternen Kreuzigungserzählung des Markusevangeliums, das um 70 n. Chr. verfasst worden ist, ist so etwas weit entfernt. Man kann erkennen, wie mit der überkommenen Jesusüberlieferung über die Jahr-zehnte weitergearbeitet worden ist, wie die Jesusüberlieferung immer neue Texte aus sich herausgesetzt hat, die teilweise ganz eigene Wege gegangen sind.

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Als weiteres Beispiel soll das so genannte Judasevangelium dienen, das die Forschung und die Öffentlichkeit in jüngerer Zeit beschäftigt hat. Der Papyruscodex wurde über zwei Jahrzehnte auf dem Antiquitätenmarkt ohne Erfolg angeboten. Angeblich stammte er aus der ägyptischen Wüste. Da der Preis übermäßig hoch war, konnte das Evangelium weder von wissenschaftlichen Bibliotheken und Instituten noch von seriösen Sammlern erworben werden. Schließlich sollte der Text aber doch noch der Wissenschaft zugänglich gemacht werden. Herausgegeben wurde er von einem renommierten Schweizer Koptologen. Der koptische Codex enthält verschiedene ursprünglich griechische Texte; einer davon ist das Evangelium des Judas. Was die zeitliche Ansetzung des Evangeliums angeht, so spricht auch hier vieles für das 2. Jahrhundert. Der Text ist insofern interessant, als die klassischen Evangelien in Judas denjenigen sehen, der Jesus von Nazareth ausgeliefert hat und insofern an seinem Kreuzestod mitschuldig war. Dieser Judas spielt in diesem Evangelium die Hauptrolle, ja er ist sogar eine Art Lieblingsjünger Jesu. Die hervorgehobene Rolle des Judas ist schon am Anfang zu erkennen: »Die verborgene Offenbarungsrede, in der Jesus mit Judas [dem] Iskarioten sprach, acht Tage lang, drei Tage, bevor er das Passa feierte.« Etwas später ist zu lesen, dass nur Judas wirklich begreift, wer Jesus ist: »Judas [sprach] zu ihm: Ich erkenne, wer du bist und woher du [gekommen bist].« Besonders deutlich wird das gegen Ende, wo Jesus zu Judas sagt: »Du aber, du wirst sie alle übertreffen. Denn den Menschen, der mich trägt, wirst du opfern.« Judas ist wegen seines Verrats herausgehoben. Er tut ein gutes Werk, indem er Jesus ausliefert. Das ist nur zu verstehen, wenn man weiß, dass der Verfasser des Evangeliums aus gnostischen Kreisen kommt. Wenn Jesus stirbt, dann wird das göttliche Licht in ihm getrennt vom Körper, der das Licht gefangen hält, und kann zu Gott, dem ewigen Licht, zurückkehren. Judas tut also ein gutes Werk, indem er diese Zeit der Gefangenschaft des Lichtes bzw. der Seele beendet und so für dessen Befreiung sorgt. Das ist der eigentliche Grund, warum er in diesem Evangelium eine Art Lieblingsjünger ist. Mit Judas scheint sich die Gemeinde oder Gruppe zu identifizieren, für die der Verfasser des Evangeliums schreibt. Diese Gruppe stellt die Überlieferung gewissermaßen auf den Kopf. Während in den anderen, in den klassischen Gemeinden Judas der Verräter ist, gilt er hier als Held. Das elektrisierte vor einigen Jahren die Medien. Inzwischen sind alle Texte wissenschaftlich ausgewertet und es ist wieder etwas mehr Ruhe eingekehrt, da man den Text aufgrund der Untersuchungen recht genau verorten kann.

Die Beispiele lassen deutlich werden, dass es in den ersten Jahrhunderten eine Vielzahl von Evangelien gegeben hat. Sie lassen erkennen, wie unterschiedlich mit den überkommenen Überlieferungen umgegangen worden ist, wie vielfältig das frühe Christentum gewesen ist. Das eine Christentum hat es nicht gegeben. Nur vier der zahlreichen Evangelien haben den Weg in den Kanon, also in unsere Bibel gefunden. Interessanterweise haben sich diese vier von allein durchgesetzt, zunächst ohne kirchliche Beschlüsse oder Ähnliches. Anscheinend ist es so gewesen, dass theologischer und literarischer Qualität die Zukunft gehören sollte. Wer sich einmal die Mühe macht und z. B. nacheinander das kanonische Markusevangelium und das Judasevangelium durchliest, merkt, dass ersteres weitaus qualitätvoller ist. Die nicht kanonisierten Evangelien sind aber aus zweierlei Gründen von großem Interesse für die theologische und historische Wissenschaft. Zum einen kann es sein, dass hier alte Jesusüberlieferungen zu finden sind, die nicht Eingang in das Neue Testament gefunden haben. Auf diese Weise sind wir also imstande, ein umfassenderes Bild des geschichtlichen Jesus von Nazareth zu zeichnen. Neben den kanonischen, also den biblischen Evangelien sind auch die nichtkanonischen Evangelien als Quellen ernst zu nehmen. Zum anderen lassen diese apokryphen Evangelien deutlich werden, wie viele unterschiedliche Richtungen und Strömungen es im frühen Christentum gegeben hat. Wenn wir Glück haben, werden in Zukunft noch weitere Evangelien auftauchen, sei es im trockenen Wüstensand, sei es in den dunklen Abstellkammern von Museen und Bibliotheken.

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