Weihnachten 2020: „Ich lag in tiefster Todesnacht“

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens

Gewiss erinnern Sie sich an die Zeit, als man noch in Museen fahren konnte. Zweimal schon bin ich mit Gruppen der Stadtakademie im Ikonenmuseum Recklinghausen gewesen und habe dort an einer Führung teilgenommen, wo sich unter anderem diese Weihnachtsikone befindet. Sie ist im Umfeld der kretischen Malschule im sechzehnten Jahrhundert entstanden. Damals war Kreta von Venedig besetzt, was zu einer kreativen Erneuerung der griechischen Ikonenmalerei in Auseinandersetzung mit italienischer Renaissance führte.

Weihnachtsikone, Ikonenmuseum Recklinghausen, Wikimedia Commons

Das Kind liegt in der Mitte des Bildes in einer Krippe (vgl. Lk. 2,7). Nur die Krippe, nicht der Stall ist biblisch, doch ist ein Stall natürlich zu erwarten. Seit dem zweiten Jahrhundert gilt eine Höhle etwas außerhalb der damaligen Dorfmitte Bethlehems als dieser Ort. Ab 386 n.Chr. bewohnte Hieronymus sie als seine Eremitage, erwähnt in dessen 46. Brief, Kap. 11,3: „Hier in einer kleinen Erdspalte wurde der Schöpfer des Himmels geboren“. Durch die Erdspalte dringt den frommen Legenden zufolge das helle Sonnenlicht in die finster gemalte Höhle. (Heute befindet die Grotte sich unterhalb der Geburtskirche, und man kann eine Treppe herabsteigen, Beleuchtung durch Glühbirnen).

In der Mitte der Ikone liegt Jesus, wie damals üblich, in eine Art Ganzkörperwindel gewickelt. „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht“, hatte der Prophet Jesaja in etwas anderem Zusammenhang geschimpft (Jes. 1,3). Daraus folgerte man, dass Ochs und Esel die ersten Verehrer Jesu gewesen sein mussten. Zwar konnten die Tiere nicht ihre Vorderhufe zum Gebet falten, doch brachten sie ihre Verehrung auf tierische Weise zum Ausdruck, indem sie am Christkind schnupperten. Maria, die links daneben etwas weiter entfernt erschöpft im Wochenbett liegt, hat den Blick zur anderen Seite gewandt auf eine Wurzel, die Blüten geschlagen hat, was an Jesaja 11,1-2 erinnerte: „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais [=„Jesse“] und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.“ Viele unserer Weihnachtslieder nehmen auf diese Jesajadeutung Bezug, darunter: „Es ist ein Ros’ entsprungen“, „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, „Maria durch ein Dornwald ging“.

Als Mann hatte Josef bei der Geburt nichts zu suchen; er ist unten rechts zu sehen. Neben ihm steht der Teufel in Gestalt eines Hirten mit Hirtenstab, der bei ihm Zweifel säen möchte, ob Maria ihm nicht untreu gewesen sein könnte. Der Teufel empfiehlt, Maria und das Kind sitzen zu lassen. Josef hört zu, lässt sich aber nicht überzeugen.

Gab es in Bethlehem eine Hebamme? Natürlich, anders kann es gar nicht gewesen sein. Seit dem fünften nachchristlichen Jahrhundert heißt sie Salome: Als Josef ins Dorf gehen wollte, um eine zu suchen, stieg sie gerade vom Berg herab. Später wurden es zwei, es sollten nicht weniger als bei der Geburt des Moses sein. Man sieht sie links unten: Salome und Zelomi. Die eine gießt Wasser ein, damit das Neugeborene gewaschen werden kann, die andere hält es auf ihrem linken Arm. Die Wanne erinnert weniger an unsere Plastikbadewannen, als an ein Taufbecken, ein Vorverweis auf die Taufe Jesu im Jordan, die im orthodoxen Festzyklus am 6. Januar gefeiert wird. Auf der Ikone kann Maria die Waschung/ Taufe sehen, was weder den biblischen Berichten von der Taufe Jesu im Jordan entspricht (wo sie nicht dabei war), noch der kirchlichen Praxis der Säuglingstaufe, die üblicherweise stattfand, während die Mutter sich im Wochenbett befand.

In der Mitte links reiten Magier aus dem Osten auf Pferden, hier nicht auf Kamelen (Mt. 2,1). Sie folgen dem Stern, etwas links der Sonne, der ebenfalls auf die Geburtsgrotte weist. Zu Beginn der Kirchengeschichte, so noch in den Domitilla-Katakomben in Rom, malte man vier Magier. Später schloss man aus ihren im Matthäusevangelium erwähnten Geschenken, Gold, Weihrauch und Myrrhe (Mt. 2,9), dass sie zu dritt gewesen sein mussten. Sie entstammen orthodoxer Maltradition zufolge den drei Lebensphasen, jugendlich, erwachsen und alt, der linke trägt noch keinen Bart. Dass es sich um gekrönte Häupter gehandelt haben musste, entnahm man der Völkerwallfahrt zum Zion (Ps. 72, 10f.15): „Die Könige von Tarsis und auf den Inseln sollen Geschenke bringen, die Könige aus Saba und Seba sollen Gaben senden. Alle Könige sollen vor ihm niederfallen und alle Völker ihm dienen. […] Er soll leben, und man soll ihm geben vom Gold aus Saba.“ Außerdem hieß es bei Jesaja (60,6), dass Weihrauch und Gold aus Saba kämen, im Hohelied (3,6) wurden Myrre und Weihrauch genannt. Tat man alle diese Informationen zusammen und rührte zweimal um, ergaben sich daraus drei Heilige Könige aus dem Morgenland, die seit dem sechsten Jahrhundert im lateinischen Sprachraum Caspar, Melchior und Balthasar heißen, und im syrischen, äthiopischen oder armenischen Sprachraum Namen der dort üblichen Landessprachen erhielten.  

Oben links auf dem Berg, praktisch schon im Himmel, singt der Chor der Engel händeklatschend: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, bei den Menschen seines Wohlgefallens“ (Lk. 2,14). Weiter rechts fliegt ein Engel herab und verkündet die frohe Botschaft dem Hirten (auf dieser Ikone nur einer, ohne Tiere). Dem fällt vor Schreck der Hut vom Kopf. In seiner rechten Hand hält er einen Hirtenstab, genau wie der verkleidete Teufel unter ihm. Doch starrt er nicht verängstigt auf den Teufel, sondern schaut nach oben dem Engel ins Gesicht. Seine Flöte hat er beiseitegelegt (hoffentlich nicht fallen lassen), links am Arm, mehr zu ahnen als zu erkennen.  

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Darf ich den Christinnen und Christen unter Ihnen dieses Jahr frohe Weihnachten wünschen? Froh? Dieses Jahr?!?! Der Wunsch bleibt mir im Halse stecken, denn realistischer Weise muss ich befürchten, dass das Weihnachtsfest für die meisten von Ihnen weniger froh wird als in den vergangenen Jahren. Das gilt auch für mich selbst. Vermutlich wird sich meine Hoffnung, an Heiligabend meine Schwiegermutter wenigstens von außen durch das Fenster ihrer Pflegestation sehen zu können, nicht erfüllen. In meiner Großfamilie wird das Treffen am zweiten Weihnachtsfeiertag allenfalls als Videokonferenz stattfinden, derselbe Computerbildschirm, den wir alle aus dem Berufsalltag schon leid sind, schon wieder die kleinen Quadrate, hinter denen die echten Menschen verborgen bleiben.

Unsere Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein. Das ist allerdings nichts Neues; die Weihnachtsgeschichten und -legenden haben das schon immer behauptet. Da regiert im fernen Rom ein bürokratischer Despot, der eine Hochschwangere auf Reisen schickt, weil er zu faul ist, um über eine einfachere Form der Steuerbuchführung nachzudenken. In Bethlehem gilt zwar kein allgemeines Beherbergungsverbot, doch findet das Paar auch so keinen Raum in der Herberge. Fast hätte Maria sich– ohne Kita– als Alleinerziehende durchschlagen müssen, im besten Fall als Hilfsarbeiterin auf den Feldern mit dem Neugeborenen auf dem Rücken. Ein örtlicher Herrscher sieht seine königliche Macht durch einen Säugling bedroht und glaubt das Problem dadurch lösen zu können, dass er alle Säuglinge umbringen lässt. (So dumm sind einige von ihnen, und so unmenschlich.) Doch killt er die falschen. Dieser eine Säugling kommt durch und wird erst später gekreuzigt. Die Geschichte endet genauso furchtbar wie sie begonnen hat, am Anfang der Stall und am Ende der Galgen.

Trotz des schwierigen Anfangs und des desolaten Endes sind die Evangelien in dem Bewusstsein verfasst worden, dass der Tod nicht das letzte Wort behalten hat. Deshalb kann die Menschwerdung Gottes als ein erfreuliches Ereignis gefeiert werden. Jetzt hat der menschgewordene Gott Teil am menschlichen Leid und erduldet die Bosheit und Schwäche der Menschheit am eigenen Körper. An ihm wird die Spannung offenbar zwischen der Welt wie sie ist und wie sie gemeint war. An Weihnachten blitzt, kurz und im Verborgenen, die Welt auf, wie sie einmal sein wird: Das Himmelreich ist angebrochen.

Erst im neunzehnten Jahrhundert hat man aus der Weihnachtsgeschichte ein harmloses bürgerliches Winteridyll gemacht, in dem sanft die Schneeflöckchen auf den still und starr gefrorenen See herniedersinken, alldieweil Klingglöckchen im Himmel bimmeln und in der Stube das himmlische Kind, der holde Knabe, der mit dem lockigen Haar in seinen reinlichen Windeln lacht. In anderen Zeiten wusste man mehr über die Spannung zwischen Leben und Tod in dieser dramatischen Geschichte zu berichten, zwischen dem „Friede auf Erden“, von dem die Engel aus dem Himmel singen, und den Kriegen, die auch nach Jesu Geburt nicht aufhörten, zur Zeit in Syrien, Äthiopien, Armenien/Aserbaidschan und Gott weiss, wo.  

Als man noch gemeinschaftlich singen konnte, sangen in vielen Gemeinden die Menschen das beliebteste deutsche Weihnachtslied (O du fröhliche) am Ende der Christvesper stehend: „Welt ging verloren, Christ ist geboren“. Hier wird die Spannung zwischen Tod und Leben, erstaunlicherweise schon bei der Geburt besungen: „Freue Dich, oh Christenheit“. In dem für mich schönsten Weihnachtslied (Ich steh‘ an Deiner Krippen hier) heißt es: „Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne […] wie schön sind Deine Strahlen“. Jochen Klepper (Die Nacht ist vorgedrungen) klagte 1937 über die Umstände seiner Zeit: „Auch wer zur Nacht geweinet,/ der stimme froh mit ein./ Der Morgenstern bescheinet/ auch deine Angst und Pein.“ Klepper behauptete nicht, dass Not und Pein verschwänden, im Gegenteil, jetzt werden sie auch noch beleuchtet, sind zu sehen und können nicht mehr verdrängt werden. Und schließlich noch einmal Paul Gerhard (Wie soll ich dich empfangen), erschienen wenige Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs: „Nichts, nichts hat dich getrieben/ zu mir vom Himmelszelt/ als das geliebte Lieben,/ damit du alle Welt/ in ihren tausend Plagen/ und großen Jammerlast,/ die kein Mund kann aussagen,/ so fest umfangen hast.“

Die Weihnachtsgeschichte war noch nie idyllisch. Das ergibt sich aus vielen Weihnachtsliedern. Wenn man die richtigen nimmt, ist auch zur Corona-Krise schon fast alles gesagt, man kann da aus dem Vollen schöpfen, sich Liedverse aus der Erinnerung zurückrufen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen nun doch: Frohe Weihnachten!

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

Foto: Albrecht Altdorfer, Geburt Christi, ca. 1513, Wikimedia Commons

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