„Wie du erfolgreich wirst, ohne die Gefühle von Männern zu verletzen“

von Dr. Gabriela Köster

So heißt das Buch von Sarah Cooper, das ich gerne zur Feier des Weltfrauentages gelesen hätte. Aber als es am 8.3. quasi noch pünktlich erschien, war es so schnell ausverkauft wie die Covid 19-Selbsttests im Supermarkt – und nun warte ich bei beiden auf die zweite Auflage.

Dieses Buch wäre – neben den freundlichen Artikeln in der RP – eins der wenigen positiven, weil humorbasierten Dinge gewesen, die ich anlässlich des Weltfrauentages hätte lesen konnte. In der Süddeutschen Zeitung fand ich einen kurzen Artikel über die Einkommensungleichheit zwischen Männern und Frauen (Gender-Pay-Gap in Deutschland zur Zeit 19 %): „An der Pandemie gibt es nichts Gutes, schon klar. Müsste man trotzdem etwas finden, wäre es das: In diesem Jahr muss der Weltfrauentag wohl ohne Politiker auskommen, die in Fußgängerzonen Blumen verteilen und dabei so tun, als wäre eine Rose das größtmögliche Zeichen der Wertschätzung.“ Ist das noch Sarkasmus oder schon Verbitterung? Was Frauen unstrittig dringender brauchen als Blumen sind sichere Anstellungsverhältnisse und faire Bezahlung. Gerade in den Berufen, die seit einem Jahr als „systemrelevant“ bezeichnet werden: Erzieherin, Supermarktkassiererin, Altenpflegerin, Krankenschwester, LKW-Fahrerin.

Haben Sie beim letzten Wort kurz gestutzt? Lag es daran, dass die Berufe davor typische unterbezahlte Berufe sind, in denen überwiegend Frau arbeiten und letzterer einer mit weniger Frauenanteil, also ungefähr so wenig wie bei hochdotierten Stellen in Politik und Wirtschaft? Was hat Ihnen an dem Wort womöglich gefehlt: das  Binnen-I, die männliche Form in Klammern oder mit Schrägstrich? Diese Optionen haben den Nachteil, nur binär (Mann und Frau) zu bedenken. Genderstern (Fahrer*in) oder Gendergap (Fahrer_in) sind (außer für Claus Kleber und die Sprecher*innen der meisten Radiosendungen, die ich höre) schwer auszusprechen, haben aber den Vorteil, auch die Geschlechtsidentitäten, die es zwischen Mann und Frau noch gibt, mit zu bedenken. Wie halten Sie es mit der sprachlichen Geschlechtergerechtigkeit? Gehören Sie zu der Fraktion der Liebhaber*innen des generischen Maskulinums, bei dem ja die Frauen „mitgemeint“ seien oder aus meiner Perspektive wären (Konjuktiv zwei = irrealis)? Es gibt im Netz, z.B. unter www.genderleicht.de und sogar im aktuellen „Spiegel“ interessante Texte zu diesem Thema. Man braucht keine Prophet*in zu sein, um vorauszusehen, dass der Doppelpunkt im Wort aus ästhetischen Gründen den Genderstern ablösen wird. Aus meiner Sicht lohnt sich der ganze Streit nur vorerst. Weil es ja nicht nur um Worte geht, sondern um das Unrechtsbewusstsein. Weil ja bekanntlich das Bewusstsein das Sein verändert, was dringend nötig ist. Und der Streit lohnt sich kein bisschen mehr, sobald weltweit folgende Bedingungen erfüllt sind:

  • keine Frauen, Mädchen oder weibliche Föten (pränatale Selektion besonders, aber nicht nur in China und Indien) werden mehr aufgrund ihres Geschlechts getötet
  • keine Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts
  • Frauen und Männer teilen sich die Familienarbeit, Kindererziehung, Pflege anderer Menschen und auch die „Mental Load“ zu exakt gemessenen (nicht „gefühlten“) 50 %
  • Frauen haben gleiche Rechte wie Männer, sogar in Saudiarabien
  • keine Genitalverstümmelung an Mädchen
  • keine Zwangsheiraten, keine Zwangsprostitution/sexuelle Ausbeutung, keine „Ehren“-Morde
  • Chancengleichheit aller Geschlechter und Hautfarben.

Sexismus und Rassismus sind untrennbar. Beide Hierarchie-Systeme sind subtil, himmelschreiend ungerecht und tasten strukturell die Menschenwürde an. Wir müssen als Gesellschaft offen ehrlich darüber ins Gespräch kommen. Artikel 3 des Grundgesetzes wird ja gerade berichtigt, aber auch da ist es mit einer Wortkorrektur sowenig getan wie mit der Rose, die ich am Weltfrauentag zum Glück nicht bekommen habe, denn „fair gehandelt“ wäre sie wahrscheinlich auch nicht gewesen. Noch am selben Tag, an dem alle oben genannten Bedingungen erfüllt sind, lasse ich alle Genderformulierungen weg und dulde das generischen Maskulinum in meiner Gegenwart ohne jede Andeutung von Murren. Aber bis dahin hoffe ich, dass die wütenden Frauen wütend bleiben und die anderen es noch werden. Denn sowenig Rassismus nur für Nichtweiße schlecht ist, ist die Gleichstellung der Frau nur für Frauen gut. Sie ist/wäre/wird sein gut für alle Menschen. Das noch ungewohnte Sternchen, das demnächst zum Doppelpunkt mutiert, kann uns daran erinnern: Es gibt eine Lücke zwischen heute und der Geschlechter*gerechtigkeit. Auf die sollten wir nicht nur am 8. März aufmerksam machen.

P.S. Heute ist der zehnte Jahrestag des Reaktorunfalls von Fukushima, aber Menschen können nicht alles auf einmal bedenken.

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