Die geheimnisvolle Truhe

Dr Dietrich Knapp
von Dr. Dietrich Knapp

Im Zusammenhang mit der frühen Geschichte Israels ist im Alten Testament immer wieder von einem geheimnisvollen Gegenstand die Rede, der die Israeliten kontinuierlich begleitet hat. Die hebräische Bezeichnung dafür lautet ’ǎrôn, was eigentlich so viel bedeutet wie Kasten oder Truhe. In deutschen Übersetzungen wird das Wort mit Lade, Bundeslade oder Lade Gottes wiedergegeben. Diese Lade hat – so erzählen die Texte – das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten auf seinem Weg durch die Wüste ständig bei sich gehabt. Später hat David die Lade nach Jerusalem gebracht und unter Salomo ist sie im Allerheiligsten des Tempels aufgestellt worden. Was verbirgt sich eigentlich hinter diesem geheimnisvollen Gegenstand? Die Lade ist nicht erhalten geblieben, weil sie aus Holz war. Daher kann man heute nur etwas über sie erfahren, indem man die allerdings erst in späterer Zeit entstandenen Texte liest, die etwas über sie erzählen. Aber man kann auch Ausschau halten, ob es vergleichbare Laden oder Truhen in benachbarten Kulturen gegeben hat. Hier wird man in Ägypten schnell fündig. Dort sind verschiedentlich Truhen abgebildet, die – manches Mal mit Hilfe von langen Stangen – von Männern getragen werden. So ähnlich wird man sich auch die Lade vorstellen müssen.

Quelle: Grab von Merymery, Relief, Beerdigungsprozession, 18. Dynastie – public domain

Im vierten Buch Mose wird erzählt, wie die Lade das Volk Israel auf seinem Weg durch die Wüste begleitet hat (10,33.35-36): „Sie aber zogen von dem Berge des HERRN drei Tagereisen weit, und die Lade des Bundes des HERRN zog vor ihnen her die drei Tagereisen, um ihnen zu zeigen, wo sie ruhen sollten. … Und wenn die Lade aufbrach, so sprach Mose: HERR, steh auf! Und deine Feinde werden sich zerstreuen und alle, die dich hassen, werden flüchtig vor dir! Und wenn sie sich niederließ, so sprach er: Komm wieder, HERR, zu der Menge der Tausende in Israel!“

Die Lade ist – so die Erzählungen – beim Zug der Israelit:innen durch die Wüste wohl getragen worden. Wenn Israel sich gelagert hat, lagerte auch die Lade. Durch sie wurde im Vorhinein angezeigt, an welcher Stelle Israel lagern und ruhen sollte. Durch diese geheimnisvolle Truhe war anscheinend Gott gegenwärtig. Man war gewiss: Er bewahrt die Israelit:innen vor Menschen, die ihm feindlich und voller Hass gegenüberstehen. Weil Gott da war, war Israel geschützt und bewahrt. Die Lade schien dafür Symbol und Garant zu sein. Man hat bei der Lektüre des Textes den Eindruck, dass die Lade für die Israelit:innen so etwas wie ein transportables, ein mobiles Heiligtum gewesen ist. Wo die Lade war, da war auch Gott. Dort konnte man ihm begegnen. Später ist es nach der Überlieferung David gewesen, der die Lade nach allerlei aufregendem Hin und Her endlich auf einem Wagen nach Jerusalem gebracht bringen ließ (2. Samuel 6,1-19 in Auszügen): „Und David … machte sich auf und zog mit dem ganzen Volk, das bei ihm war, nach Baala in Juda, um die Lade Gottes von dort heraufzuholen; … Und sie setzten die Lade Gottes auf einen neuen Wagen und holten sie aus dem Hause Abinadabs, der auf dem Hügel wohnte. Usa aber und Achjo, die Söhne Abinadabs, führten den neuen Wagen mit der Lade Gottes, und Achjo ging vor der Lade her. Und David und ganz Israel tanzten vor dem HERRN her mit aller Macht im Reigen, mit Liedern, mit Harfen und Psaltern und Pauken und Schellen und Zimbeln. … Und David mit dem ganzen Hause Israel führte die Lade des HERRN herauf mit Jauchzen und Posaunenschall. … Als sie die Lade des HERRN hineinbrachten, stellten sie sie an ihren Ort mitten in dem Zelt, das David für sie aufgeschlagen hatte.“

Quelle: Bundeslade (Erastus Salisbury_Field 19. Jh.) – public domain

Das mobile Heiligtum wurde auf diese Weise nach Jerusalem gebracht. Dort war Gott jetzt in besonderer Weise gegenwärtig, dort konnte man ihm begegnen und ihm nahe sein. Dass Jerusalem für das Judentum (und später auch für das Christentum) einmal eine zentrale Rolle spielen sollte, hängt unter anderem auch damit zusammen, dass die Stadt durch die Lade gewissermaßen zu einer heiligen Stadt, zur Stadt der Gegenwart Gottes wurde. Von daher hat die Lade den Fortgang der Geschichte in nicht unerheblicher Weise beeinflusst. Salomo hat die Lade schließlich in das Allerheiligste, also in den innersten Bereich des von ihm neu erbauten Tempels in Jerusalem bringen lassen (1. Könige 8,1-6 in Auszügen): „Da versammelte der König Salomo zu sich die Ältesten in Israel, alle Häupter der Stämme und Obersten der Sippen in Israel nach Jerusalem, um die Lade des Bundes des HERRN heraufzubringen aus der Stadt Davids, das ist Zion. … Und als alle Ältesten Israels kamen, hoben die Priester die Lade des HERRN auf und brachten sie hinauf … Und der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die sich bei ihm versammelt hatte, ging mit ihm vor der Lade her … So brachten die Priester die Lade des Bundes des HERRN an ihren Platz in den innersten Raum des Hauses, in das Allerheiligste …“ Die Lade sollte deutlich machen: Im Allerheiligsten des Tempels ist Gott selbst gegenwärtig. Israel kann also mit seiner Gegenwart rechnen. Damit war die Lade kein mobiles Heiligtum mehr, vielmehr hatte sie ein dauerhaftes Zuhause gefunden.

Quelle: Salomo bringt die Lade in den Tempel, 19. Jh. – public_domain

Wahrscheinlich ist die Lade vom 10. bis zum 6. vorchristlichen Jahrhundert im Tempel in Jerusalem geblieben. Direkt erwähnt wird das nicht, aber es gab keinen Grund, sie an anderer Stelle aufzustellen. Im Jahr 587/6 eroberten die Neubabylonier Jerusalem und steckten unter anderem auch den Tempel in Brand (2. Könige 25,8-9). In diesem großen Feuer wird die Lade aller Wahrscheinlichkeit nach verbrannt sein, so dass keine Spuren von ihr mehr erhalten sind. Dass sie – wie manchmal behauptet wird – auf geheimnisvollen Wegen gerettet, an einen anderen Ort gebracht wurde und noch existiert, ist als Legende zu betrachten. Die kritisch untersuchten Quellen geben das nicht her.

Trotzdem ist die Lade in der Zeit des alten Israel wirklich eine geheimnisvolle Truhe gewesen.

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