„Helm ab zum Gebet“

Religiöser Pluralismus und Großer Zapfenstreich

Dr. Uwe Gerrens
von Dr. Uwe Gerrens
Bildrechte: Flickr Lizenz:  CC BY-NC-SA 2.0

Ich liebe klare Ansagen. Wenn im evangelischen Gottesdienst die Ansage kommt: „Lasst uns beten“, weiss ich, jetzt wird gebetet. Wenn aber beim großen Zapfenstreich, seit einigen Jahren bei ARD und ZDF live übertragen, der Höhepunkt des Fernsehabends eingeleitet wird mit dem Befehl „Helm ab zum Gebet“, weiß man zwar, dass die Soldat:innen den Helm abnehmen, aber beten sie auch? Die Hände können Sie nicht falten, weil sie den Helm halten müssen. Handelt es sich bei dieser Blasmusik im Fackellicht um ein Gebet? Zur Erinnerung: der hier gespielte Choral hat einen Text, auch wenn er beim „Großen Zapfenstreich“ nicht gesungen wird:

„Ich bete an die Macht der Liebe,
die sich in Jesu offenbart;
Ich geb‘ mich hin dem freien Triebe,
wodurch ich Wurm geliebet ward;
Ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.
Für Dich sei ganz mein Herz und Leben,
Mein süßer Gott, und all mein Gut!
Für Dich hast Du mir’s nur gegeben;
In Dir es nur und selig ruht.
Hersteller meines schweren Falles,
Für Dich sei ewig Herz und alles!“

Warum, um Himmels willen, werden bei einer staatlichen Veranstaltung anläßlich der Verabschiedung eines Bundespräsidenten oder, wie vorletzte Woche anlässlich der Beendigung des Afghanistan-Einsatzes, Atheist:innen, Hindus, Jüd:innen, Mulim:innen und was weiss ich wer noch dazu aufgefordert, zu derjenigen Macht zu beten, „die sich in Jesu offenbart“? Dabei kann doch nur religiöse Heuchelei herauskommen. Oder die faule Ausrede, der Text sei nicht gemeint, die Melodie sei so schön und traditionell schon immer dabei (sie stammt übrigens von dem russischen Komponisten Michail Matwejewitsch Cheraskow und ist dem Teerstegen-Text erst sekundär zugewachsen). Oder man rechtfertigt das pseudopluralistisch: Die Christen sollen ruhig an das Lied denken, das sie im Evangelischen Gesangbuch (Rheinische Version) unter der Nummer 661 finden, die Nicht-Christen an irgendeine andere irdische oder überirdische Macht ihrer Wahl.

Als der niederrheinische Prediger und Schriftsteller Gerhard Tersteegen das Lied Mitte des achtzehnten Jahrhunderts dichtete, hatte seine Absage an das irdische Leben nichts dem Militär zu tun. Sie war Teil einer mystisch-pietistischen Frömmigkeitstradition und war genauso gemeint, wie es jetzt dasteht. Auch wenn Tersteegens Sprache vielleicht nicht mehr die unsere ist, verdient das ernst genommen zu werden, denn Tersteegen kann wenig dafür, dass sein Lied nach seinem Tod beim preußischen Militär auf den Hund kam. Es passte dort allerdings in den Kontext: Wenn aus dem Soldaten ein „Wurm“ wurde, der nicht an sich selbst dachte, sondern sein „Herz und Leben“ dahingab, kam das dem Generalstab sicherlich nicht ungelegen: Absterben des Alten Adam in der Vereinigung mit Gott und Sterben für Volk und Vaterland gehörten aus nationalprotestantischer Perspektive aufs engste zusammen.

Die nationalprotestantische Tradition ist tot und konnte trotz einiger Versuche nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wiederbelebt werden. Wenn heute der Große Zapfenstreich „aufgeführt“ und im Fernsehen übertragen wird, handelt es sich um eine zivilreligiöse Zeremonie. Man verleiht unserem spröden Gemeinwesen höhere Weihen, verlängert es bis in den Himmel und bedient sich dazu religiöser Formen, der Teerstegen-Choral als Traditionspflege durch Blasorchester ohne Textbezug. Ich glaube nicht, dass die Kirchen gut beraten sind, einen derartigen Synkretismus zwischen Christentum und Zivilreligion in der Schwebe zu belassen. Hilfreich kann es sein, sich gedanklich einen Synkretismus zwischen Zivilreligion und Islam vorzustellen, etwa wenn beim Zapfenstreich die Melodie des Teerstegen-Chorals durch die von „Allahu-Akbar“ ersetzt würde (ohne Text, nur Blasorchester, ein guter Posaunenchor bekäme das wahrscheinlich hin).

Quelle: Stamps of Germany (DDR), 1981, MiNr 2581

Auch die Nationale Volksarmee der DDR hatte ihren „Großen Zapfenstreich“. In gewisser Diskrepanz zu ihrer eigenen Ideologie übernahm sie wesentliche Elemente ihrer Tradition (z.T. auch das Personal) aus der Reichswehr. (Mein Vater, Wehrmachts-Sanitätsgefreiter Jahrgang 1922, konnte die Randabzeichen der DDR-Offiziere auf Anhieb erkennen, während er die der Bundeswehr nie erlernte). Doch trotz der Teilkontinuität der beiden deutschen Armeen zur Reichswehr konnte man in der DDR den Befehl „Helm ab zum Gebet“, wie ihn die Preußen eingeführt hatten, nicht beibehalten; der Widerspruch zum „wissenschaftlichen Atheismus“ wäre zu offensichtlich gewesen. Deshalb ersetze man das sog. „Gebet“ durch ein „Gedenken an die Opfer des Faschismus und Militarismus“ vor den extra zu diesem Zweck an den Truppenaufmarschplätzen errichteten Mahnmalen. Den Helm behielt der NVA-Soldat während der Zeremonie auf dem Kopf, dafür gab es den Befehl „Fahne senkt“, und die Truppenfahne verneigte sich vor dem Mahnmal für die Opfer von Faschismus und Militarismus. Statt „Ich bete an die Macht der Liebe“ spielte die Blaskapelle den traditionellen russischen Trauermarsch „Unsterbliche Opfer“ aus der russischen Revolution von 1905, Text in deutscher Übersetzung

Unsterbliche Opfer ihr sanket dahin,
wir stehen und weinen voll Schmerz, Herz und Sinn;
Ihr kämpftet und starbet für kommendes Recht,
wir aber wir trauern der Zukunft Geschlecht.
Einst aber wenn Freiheit den Menschen erstand
und all euer Sehnen Erfüllung fand,
Dann werden wir künden wie ihr einst gelebt
zum Höchsten der Menschheit empor nur gestrebt.

Als Opfer seid ihr gefallen im Streit,
in heiliger Liebe zum Volke;
Ihr waret für die Menschheit zu geben bereit
die Freiheit und Glück und das Leben.
Gelitten habt ihr im Kerkerverließ
bis daß euch des Blutrichters Urteil stieß
in des Grabes dunkles Bette,
und weiter klirrte die Kette.

Im prunkvollen Saale schmaust der Tyrann,
die Unrast im Weine ertränkend,
doch furchtbare Zeichen schreibt drohend schon an
eine Hand an die Wand des Palastes.
Es kommt eine Zeit, und das Volk erwacht,
es reckt sich zur Freiheit in siegender Macht.
Doch ewige Liebe euch Brüder besingt,
die freudig für uns in den Tod ihr ging.

Allem „wissenschaftlichen Atheismus“ zum Trotz, wirkt der (nicht gesungene) Text dann doch irgendwie pseudoreligiös und handelt von einer durch „Opfer“ entstandenen und über den Tod hinauswirkenden „ewigen Liebe“. Die dritte Strophe zitiert die Bibel (Daniel 5); in der deutschen Übersetzung klingt sicherlich nicht zufällig Heinrich Heines Belsazar-Gedicht an. Allerdings fehlen dem russischen Revolutionslied die jüdischen Bezüge: Bei Heine (und in der Bibel) hatte der babylonische König „dem Tempel Jehovas“ viel „gülden Gerät“ geraubt, hatte einen „heiligen Becher“ ergriffen und die Gottheit mit „sündigem Wort“ gelästert: „Ich bin der König von Babylon“, woraufhin aus Buchstaben wie von Feuer das Menetekel an der Wand erschien und der König in der folgenden Nacht von seinen Knechten erschlagen wurde – das alles hätte nicht in die DDR-Ideologie gepasst, die bei den Opfern das Faschismus in erster Linie an die Arbeiterklasse dachte, die schwere Opfer davontrug, aber nach schweren Kämpfen zumindest im Osten schließlich den Sieg davontrug.

Ähnlich wie im Westen auf das „Gebet“ die bundesdeutsche Nationalhymne folgte, folgte im Osten auf das „Gedenken der Opfer von Militarismus und Faschismus“ die Nationalhymne der DDR: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“. Sie endete mit „Deutschland, einig Vaterland“, in den fünfziger Jahren noch offizielles politisches Programm, in späteren Jahren peinlich, weshalb sie auch sie nicht mehr gesungen werden sollte.

Der große Zapfenstreich beider deutscher Staaten wurzelt in der preußischen Militärtradition. Der preußische Soldat durfte nicht selbst entscheiden, wann er beten wollte, sondern folgte darin seiner Dienstanordnung. Bevor er sich abends hinlegte, forderten ihn (heute kleiner Zapfenstreich genannt) Trommel, Horn oder Trompete zum Beten auf: Mindestens ein Vaterunser. Im Zuge der Aufklärung im achtzehnten Jahrhundert entfiel die Gebetspflicht und wurde der persönlichen Entscheidung überlassen. Per königliche Kabinettsordre von 1813 führte Friedrich Wilhelm sie wieder ein und begründete das folgendermaßen:

„Da bei allen Armeen der jetzt mit uns verbündeten Mächte, und namentlich der Russen, Oesterreichern und Schweden der Gebrauch stattfindet, des Morgens nach geendigter Reveille und des Abends nach beendetem Zapfenstreich (Retraite) ein Gebet zu verrichten, und es Mein Wille ist, daß Meine Truppen auch in Hinsicht der Gottesverehrung keinem anderen nachstehen sollen, und daß überhaupt bei denselben dem so nothwendigen religiösen Sinn immer mehr Raum gegeben und jedes Mittel zur Belebung angewandt werden möge, so befehle Ich hiermit…“

Auch im Feldlager oder in der Garnison sollte das tägliche Abendritual „sehr feierlich und keine leere Ceremonie“ sein. Daraus erwuchs der „große Zapfenstreich“ als repräsentativer Akt zunächst zur Begrüßung gekrönter Häupter; die heutige Form begründete der Berliner Musikdirektor Wilhelm Friedrich Wieprecht 1838 durch eine „Uraufführung“ anlässlich des Besuchs eines Zaren, wobei, wenn man es historisch streng untersucht, nicht ganz sicher ist, welche Melodie damals als „Gebet“ gespielt wurde. Sicher ist, dass die heute gespielte Melodie zum Lied Teerstegens im Jahr 1880 bereits „gebräuchlich“ war. Und sicher ist auch, dass man als Mann zum Beten den Helm abzunehmen hatte, denn das glaubte man 1. Kor. 11,4 entnehmen zu können.

Zukunftsvision: Mitten im Zapfenstreich zur feierlichen Verabschiedung der Bundespräsidentin ertönt ein Ruf „Helm ab zum Gebet“. Die Helme werden abgenommen und auf den Boden gelegt. Einige Soldatinnen und Soldaten falten die Hände, andere erheben sie zum Gebet, wieder andere knien nieder. Manche brauchen länger, weil sie sich erst noch rituellen Waschungen unterziehen oder Gebetsschals anlegen müssen. Viele stehen rum und schweigen. Es entsteht ein großes Durcheinander auf der Wiese vor dem Schloss Bellevue. Niemand wundert sich, denn die Soldatinnen und Soldaten haben nur einem Befehl Folge geleistet, ehrlich und ohne religiöse Heuchelei. Das passt zur pluralistischen Gesellschaft, nur mit dem Gleichschritt ist es vorbei.

Wird diese Vision je eintreten? Realistischer ist wohl eher die Annahme, dass auch in Zukunft Exerzieren zu Blasmusik im Fackellicht „Gebet“ genannt werden wird: „Stechschritt Maaarrrr – schiert!“ AMEN? Meiner Meinung nach müsste ein wirkliches Gebet anlässlich der Beendigung des Afghanistan Einsatzes, das sich an jene Macht richtet, die sich in Jesu offenbart, neben der Fürbitte für die deutschen Toten (und deren Hinterbliebene) die Fürbitte für die afghanischen Toten (und deren Hinterbliebene) umfassen.

Ein Video vom Großen Zapfenstreich der NVA zum vierzigjährigen Bestehen der Deutschen Demokratischen Republik finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=qFyrZRHcgW8

Literatur: Andreas Wittenberg, „Helm ab – zum Gebet“ – „Ich bete an die Macht der Liebe“. Gedanken zum Großen Zapfenstreich, in: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 26 (1982), 157-175.

Ein Kommentar

  1. Gerd-Frederic Lummerzheim

    Helm ab zum Gebet. Helm ist keine Mütze oder Kappe oder Kippa. Helm ist Arbeitsgerät.
    Zum Wurm.
    In einem jüdischen Gebet heißt es „Mensch, was bist du mehr vor G’tt, als ein Tier?“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.