Interreligiöse, virtuelle Klosterreise in entlegene Bergwelten

Interreligiöse, virtuelle Klosterreise in entlegene Bergwelten

Sie fühlen sich eingesperrt? Sie möchten gerne reisen? Ich nehme Sie mit auf eine virtuelle interreligiöse Reise.

Foto: wikimedia.commons.jpg

Athos: Die sogenannte Mönchsrepublik Athos ist seit Jahrhunderten ein, vielleicht sogar das wichtigste Zentrum orthodoxen kirchlichen Lebens. Das müssen Sie kennen. Sollten Sie weiblichen Geschlechtes sein, dürften Sie ohnehin das Herz der Halbinsel nicht betreten. Corona nimmt Ihnen also nichts, sondern schenkt Ihnen viel Zeit, endlich einmal die zweiteilige Arte-Dokumentation zu sehen.  

https://www.youtube.com/watch?v=OA6Xu9IQr1E https://www.youtube.com/watch?v=UpaGZ7Et1Qo

Mir haben es besonders die Einsiedler in den Felsen von Keroulia angetan, im zweiten Teil der Dokumentation ab Minute 8:26. Ich bin dort einmal selbst hingeklettert; es ist seilfrei möglich, aber tatsächlich so ausgesetzt wie im Film. Die einzelnen „Hütten“ der Eremiten in der Wand sind nicht größer als andernorts die Badezimmer.

Hier sind wunderbare Fotos

https://commons.wikimedia.org/wiki/%CE%86%CE%B3%CE%B9%CE%BF_%CE%8C%CF%81%CE%BF%CF%82?uselang=de

Wer ein erschwingliches Taschenbuch erwerben will, dem sei empfohlen: Andreas A. Müller: Berg Athos. Geschichte einer Mönchsrepublik. München 2005. Wer es elegisch mag (mir ein wenig zu elegisch), lese Ehrhart Kästner, Die Stundentrommel vom heiligen Berg Athos.

Meteora: Wer jetzt noch nicht genug von griechisch orthodoxen Bergklöstern hat, hier eine kürzere Arte-Dokumentation über die Meteora-Klöster, im Fernsehen ohne die im realen Leben unvermeidlichen Touristenbusse.

https://www.arte.tv/de/videos/092587-000-A/die-meteora-kloester-die-waechter-der-griechischen-seele/

Spektakuläre Holzkonstruktionen für die im Mittelalter in der Wand hängenden Eremiten ab 5:24, anspruchsvolle moderne Kletterei ganz kurz bei 8:04.

Georgien: Eine Dokumentation über Georgiens uralte Klöster hier https://www.youtube.com/watch?v=FBdpBp3eRm8 Ab Min. 20:16 sehen Sie eine Art Einsiedelei in der Tradition der Säulenheiligen, eine etwa 40 m hohe Felssäule mit Kapelle und Mönchszelle an der Spitze. Sollte Ihnen der Film ein wenig zu durchgeistigt vorkommen, und Sie sich mehr für Berge und  Reisen interessieren, finden Sie Bilder und Reisebeschreibungen hier https://www.georgiano.de/ Sollten Sie zu sehnsüchtig werden, empfehle ich als Gegengift einen Klick ganz unten auf der Seite auf: „Die Schattenseite – Spuren von Sozialismus und vom Krieg.

Buddhistische Klöster im Himalaya: Eine ausführliche ORF-Dokumentation zu den Baudenkmälern des Buddhismus hier https://www.youtube.com/watch?v=qtT_9ZDoPPY, Klöster ab 16:19, 25:08 und öfter. Eine Arte Dokumentation über einen Kindermönch im Himalaya hier https://www.youtube.com/watch?v=GwXOF8bBE9o .

China: Ein kurzes Video über den taoistischen Klosterberg von Qingcheng (bei Chengdu – Sezuan) hier https://whc.unesco.org/en/list/1001/video . Ein Video über die hängenden Klöster von Heng Shan, buddhistisch, taoistisch und konfuzianistisch https://www.youtube.com/watch?v=xZTtILl-xpE Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Eremiten vom Athos und von Meteora.  

Jüdische und muslimische Klöster kann ich Ihnen nicht bieten. Es gibt sie nicht. Im Judentum lebten vor 2000 Jahren die Essener zölibatär, doch heute wird im Judentum das Zölibat abgelehnt und die Fortpflanzung zu den religiösen Pflichten gezählt (vgl. 1. Mos. 1,28). Ähnlich ist es im Islam. Inwiefern die „Tekke“ genannten Sufi-Treffpunkte, in Nordafrika „Zaouia“, dennoch Teile einer vorislamischen Klostertradition aufnehmen, ist umstritten, scheint mir aber wahrscheinlich. Entscheiden Sie selbst https://de.wikipedia.org/wiki/Zaouia    https://de.wikipedia.org/wiki/Tekke  

Wieso gibt es Klöster in mehreren Religionen? Nach herrschender Lehre wurde das Kloster mehrmals hintereinander parallel erfunden. Die ältesten Klöster gibt es in Indien. Der Buddhismus, entstanden wahrscheinlich im 5. Jdt.v.Chr., begann als Mönchs- (bzw. Nonnenreligion); anfangs lebten Wanderprediger ohne festes Dach, doch musste man im Monsun in Höhlen ziehen und baute diese aus, spätestens seit der Zeitenwende auch datierbare eindrucksvolle Höhlenkammern. Möglicherweise gab es Klöster in Indien schon vor dem Buddhismus; jedenfalls gibt es sie auch unter Hindus und Jainas bis heute (vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Vih%C4%81ra). Nach China kam das Kloster als Exportartikel mit der buddhistischen Mission. Und in den Westen? Sicher ist, dass Mani, der Begründer des Manichäismus, einer heute vergessenen antiken Religion, ca. 241 n. Chr. in einem buddhistischen Kloster lebte und später selbst Klöster im iranischen Raum gründete. Etwa um 260 kamen die ersten Manichäer nach Ägypten, um 312 sind sie in Rom. Die ersten christlichen Einsiedlergemeinschaften in Ägypten gründete Antonius in Ägypten 305, die ersten Gemeinschaftsanlagen Pachomius um 325. Im Westen gründete Augustin 391 in Hippo die erste Mönchsgemeinschaft. Augustin war in Rom zeitweise Manichäer, bevor er Christ wurde. Wie viel Manichäismus Augustin übernommen hat, ist umstritten. Ich möchte vermuten, dass das Kloster eine in Indien entstandene Lebensform war, die in den Westen exportiert wurde. Die Mehrheit der Kirchenhistoriker sieht das allerdings anders. Falls Sie Argumente für die eine oder andere Seite haben, lassen Sie mich es bitte wissen.

Was bringt mir diese virtuelle Weltreise, wenn ich mich eingesperrt fühle und nicht reisen darf? Hierzu eine Legende aus Russland:  

Einst lebte in einem Kloster ein Mönch, der täglich mit Andacht in seiner Zelle betete und dabei über die Herrlichkeit des Himmels nachdachte. Mit der Zeit erschien ihm die Kargheit und Enge seiner Zelle recht bedrückend und seine tägliche, meist gleichförmige Arbeit empfand er so gar nicht vergleichbar mit der Schönheit des Daseins im Paradies. So wuchs in seinem Herzen die Unzufriedenheit mit seinem irdischen Leben.

Da fand er eines Tages in der Bibliothek ein altes Buch. Darin stand geschrieben, dass am Ende der Welt ein Ort sei, an dem sich Himmel und Erde berührten. Dort sei die Gegenwart Gottes ganz nahe. Voll freudiger Erregung beschloss er, sich aufzumachen und diesen Ort zu suchen. Er nahm Abschied von seinen Mitbrüdern und seiner altvertrauten Klosterzelle und machte sich auf die Reise. Keine Entbehrung war ihm zu groß, um die Welt zu durchwandern und den ersehnten Ort zu finden. Gott wartet im Alltag. Endlich, nach langen Jahren, gelangte er an ein besonderes Tor. Wenn er eintrat, so meinte er die sichere Eingebung zu spüren, würde er Gott ganz nahe sein. Sein Herz schlug vor erwartungsvoller Aufregung. Er klopfte, öffnete die Tür und trat ein. Doch – wo befand er sich? Er rieb sich die Augen. Das war ja seine eigene Klosterzelle!

Dr. Uwe Gerrens, Ev. Stadtakademie

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