Kunst ist Seelsorge

von Dr. Gabriela Köster

Diesen Spruch kennen vermutlich viele von Ihnen, jedenfalls die, die schon einmal das Atelier von Anatol besucht haben im Museum Insel Hombroich. Mit roter Farbe auf ein rostiges Stück Metall gepinselt und an die Holzwand des Ateliers geschraubt. Der Satz hat mich bei jedem Besuch dieses herrlichen Parks mit seinen Kunstpavillons wieder neu fasziniert. Aber wieso? Hat nicht eigentlich die Kirche ein Monopol auf Seelsorge?

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Das Wort „näphäsch“ aus der hebräischen Bibel,  das Luther regelmäßig mit „Seele“ übersetzt, meint gerade nicht das, was im Griechischen „Psyche“ heißt, sondern bezeichnet den Rachen, die Kehle des Menschen. Diese Körperstelle symbolisiert in besonderer Weise die Bedürftigkeit, Angewiesenheit und Empfänglichkeit des Menschen: Luft zum Atmen, Essen und Trinken gehen durch die Kehle, sie gilt als „Sitz der elementaren Lebensbedürfnisse schlechthin“.(Vgl. Michael Klessmann, Seelsorge. Ein Lehrbuch, Neukirchen 2008, 28-29, hier auch das Zitat von Hans Walter Wolff.) Näphäsch hat also unmittelbar mit dem Verlangen, Begehren und Wünschen zu tun, ist quasi der Sitz der Sehnsucht, und zwar der nach Gott (vgl. Psalm 42,3, wo sie nach Gott dürstet) und auch der Sehnsucht nach allem anderen, was Menschen brauchen: Liebe, Anerkennung, Wertschätzung, Orientierung, Bedeutung. Menschen brauchen ganz regelmäßig ein Quantum Bedeutung für andere und brauchen andere Menschen als Bezugspunkte, weil es ohne Bezugspunkt nicht möglich ist, sich zu orientieren. Wir haben eine zusätzliche Menge Orientierung nötig in dieser Krise. Orientierung an dem, was am wichtigsten und am zweitwichtigsten und systemrelevant und auch noch wichtig ist oder ganz am anderen Ende der Skala: nicht so wichtig bis eigentlich lieber ganz abzuschaffen. Ich habe mal für mich eine ganz persönliche Liste gemacht und sie ungefähr ab dem 7. Punkt nicht mehr wirklich gut hinbekommen. Die ganz elementaren Erfordernisse sind klar, aber weiter unten im Ranking wird es strubbelig.

Die Dinge in die richtige Werteskala zu rücken und ihnen auch ihren wahren gesellschaftlichen Rang zu geben, kostet viel Überlegung und Abwägung. Dazu müssen wir zuerst verstehen, wie alles zusammenhängt. Die Dinge müssen sich zeigen und weil sie das nicht immer freiwillig und von sich aus tun, muss es natürlich Experten, aber unbedingt auch Kunst geben. Künstler sind Menschen, die Dinge tun, die anderen peinlich wären. Oder die Nichtkünstler*innen sich nicht trauen würden zu tun. Kunst zeigt uns Dinge und Zusammenhänge in anderer Weise. Aus einer Perspektive, auf die man ohne nicht gekommen wäre. Manchmal zeigt uns Kunst einfach nur die Schönheit der Welt, wie etwa ein Werk von Yoko Ono mit dem Titel „A hole to see the sky through“; davon gibt es eine Postkartenversion mit einem Loch, durch die man ein ganz kleines Stück Himmel sehen kann. Oder was auch immer.

Am Pfingstsonntag ist Christo gestorben, der – zusammen mit seiner Frau Jeanne Claude – weltweit große Gebäude und sogar Landschaften verhüllte. Nach seiner eigenen Aussage war das „irrational, nutzlos und durch nichts zu rechtfertigen“; wer aber bei diesen flüchtigen Kunstereignissen dabei war, der erlebte inmitten von sehr vielen Menschen eine Atmosphäre, die der Erhebung und Erbauung diente und sowohl  emotional als auch kognitiv etwas in Bewegung setzte und keineswegs nutzlos war. Die Verhüllung des Berliner Reichtages 1995 fasste jemand in dem Satz zusammen: „Verhüllung ändert die Dinge nicht – man sieht sie nur besser.“

Kunst ist Seelsorge, wenn sie gut ist. Gut ist aus meiner Perspektive dann, wenn sie mich/Sie/ jemanden berührt, wenn sie Menschen – kognitiv oder emotional, gerne auch irrational  – aufmerksam macht auf Zusammenhänge, auf Sinnkonstruktionen, die vielleicht stimmen und vielleicht auch nicht, auf Wichtiges, was wir vergessen haben, auf Unwichtiges, das wir versehentlich für wichtig halten. Gemälde können Schönes und Hässliches zeigen, Erhabenes und Müll. Auch Gottesdienste stecken voller Kunst. Musik kann die Seele erheben (sogar wenn selbst zu singen verboten ist wie jetzt), Gebete und Predigten können mich mit mir selbst konfrontieren, Gedichte können in wenigen Zeilen persönliche Selbstverständlichkeiten massiv in Frage stellen, Performances können Bezüge vor Augen führen, die man nie vorher gesehen hat.

Kunst ist nicht notwendigerweise schön, aber egal wie sie Menschen berührt und uns an unserer Menschlichkeit packt, ist sie auch Seelsorge. Wenn sie das Herz nicht berührt, die Sehnsucht nicht tangiert und/oder dem Kopf nichts zu tun gibt, ist sie keine Seelsorge und von mir aus gesehen auch keine Kunst.

Mehr über die Stadtakademie finden Sie unter https://estadus.info/


Ein Kommentar

  1. Karin Böttcher

    Hallo Gabriela, vielen Dank für diesen vielschichtigen Artikel . Er kommt meiner Ansicht nah. Die interessanten Sichtweisen lenken Denkmodelle und fordern weitere Aspekte heraus. So wie die Kunst in Bewegung bleibt, sollten auch unsere Gedanken in Bewegung bleiben, um jede Veränderung, jede Perspektive, jede Herausforderung, jeden Vergleich neu aufzunehmen und damit zu arbeiten.
    Beste Grüße und gesunde Zeiten, Karin Böttcher

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