Frieden. Jetzt.

von Heinrich Fucks

Sehr geehrte Frau Generalkonsulin Shum,
sehr geehrte Frau Vizepräsidentin des Landtags Freymuth
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Keller,
liebe Ukrainerinnen und Ukrainer,
Russinnen und Russen,
Balten, Georgier, Belarussen
Und alle, die wir hier zusammenstehen:
Europäerinnen und Europäer,

seit einer Woche ist der seit 8 Jahren geführte Krieg Russlands gegen die Ukraine zu einem offenen Angriffskrieg gegen die Ukraine geworden. Krieg in der Mitte Europas! Ein völkerrechtswidriger Krieg eines zutiefst autoritären und verkommenen Regimes gegen die Ukraine, gegen Russland, gegen die Zukunft.

Für mich, der ich 1961 geboren bin, lag die Ukraine zunächst hinter dem Eisernen Vorhang. Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl ist meine erste bewusste Erinnerung. Auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs blieb die Ukraine für mich ein unbekanntes Land, ein weißer Fleck auf der Landkarte meiner Aufmerksamkeit.
Und doch kam die Ukraine in meiner späten Kindheit und in meiner Jugend in Gestalt meines Vaters sehr nahe. Mein Vater wurde 1921 geboren, mit 18 kam er zur Wehrmacht. Er war 19 als er mit der 6. Armee am Russlandfeldzug teilnahm. Damit endete seine Jugend. In seinen Erzählungen war die Ukraine präsent. Er gehörte bis Mitte 1942 zur sechsten Armee, der Armee die Kiew 1941 in Trümmer legte.
Er hat von diesen Ereignissen erzählt, nichts beschönigt. Keine Selbstbeschwichtigung. Er wusste um Verbrechen der Reichswehr. Die körperlichen und seelischen Wunden vernarbten und bestimmten sein weiteres Leben mit. In seinen Erzählungen schwangen Entsetzen und auch Scham mit. Sie endeten fast immer mit einer Verpflichtung zum Frieden. Für seine Ehrlichkeit bin ich ihm bis heute dankbar.

Krieg ist keine Alternative. Das ist klar.

Krieg wurde der Ukraine aufgezwungen. Die Ukraine kämpft um ihre Freiheit und ihre Existenz. Mich befällt Scham, dass die Europäische Union und unsere Regierenden auf die Lügen der russischen Regierung hereingefallen sind. Scham empfinde ich über die Beschwichtigungsversuche vieler deutscher Politiker:innen. Dass es dieses brutalen Überfalls bedurfte, um aufzuwachen…
Scham erniedrigt, deshalb genug davon.

Seit dem vergangenen Donnerstag wird demonstriert, für den Frieden gebetet und organisiert. Wir stehen auf, und nach dem Maß unserer Möglichkeiten und Kräfte stehen wir jetzt endlich zur Ukraine.
Wir wissen um die Menschen, die in der Ukraine ermordet werden, Frauen, Kinder, Männer, junge Menschen und Greise. Wir wissen um die Not der russischen Opposition und Friedensdemonstranten.
Wir wissen aber auch um die Not der jungen russischen Soldaten, die von einem Unrechtsregime getäuscht und missbraucht werden, um die Angst ihrer Mütter und Familien. Wir wissen um die vielen, die Angst um ihre Lieben haben.
Wieder geht Kiew in Trümmer! Eine Stadt in Europa, eine europäische Stadt.

2016 / 2017 verbrachte meine Tochter ein freiwilliges soziales Jahr in Kiew. Sie begleitete alte ukrainische, auch russische Frauen, meist, in ihrem Alltag. Menschen, die mit Not den Holocaust überlebt hatten, Menschen, die dem deutschen Terrorregime knapp entkommen sind.
Eine Woche habe ich sie in Kiew besucht.
Was für eine Stadt! Was für ein Land!
Im Mai 2017 war es. Das Land war von ansteckender Freude erfüllt. Der Visumzwang zur Einreise in die Europäische Union war gefallen.
Kiew eine europäische Stadt, die Ukraine ein europäisches Land. Eine junge Stadt und ein junges Land mit großem Hunger auf Zukunft und Freiheit, mit Lebenswillen und Lebensfreude.
Und doch auch Rekrutierungsbüros. Auf dem Majdan wurde an die Toten des Krieges erinnert, der im Osten des Landes geführt wurde.

Das Regime Putin hat Angst vor der Ukraine, weil sie für Frieden, für Menschenrechte, für Freiheit und für eine konsequente Abwicklung der kommunistischen Gesellschaftsordnung und Machtstrukturen steht. Das Regime hat große Angst, denn das wünschen auch Teile der russischen Gesellschaft, erst recht der russischen Jugend.
Dieser Krieg wird auch gegen die Jugend geführt. Gerade die Jugend steht dort wie hier für eine Zukunft auf, eine Zukunft, die Abschied von der naturverzehrenden und naturzerstörenden Lebensweise nimmt.
Dieser Krieg ist auch deshalb allein möglich, weil es dem russischen Regime ganz und gar egal ist, was aus dieser Welt wird. Der Krieg in der Ukraine ist ein Krieg gegen die Zukunft.

Was tun? Gut, dass ihr da seid! Gut, dass wir so viele sind. Wir stehen auf für die Ukraine, für Europa und die Zukunft. Weiter so, mit der Hilfsbereitschaft, weiter spenden.
Dazu brauchen wir – gleich wie dieser Krieg ausgeht – wir alle werden viel Geduld brauchen und Kraft.
Ganz besonders die Ukraine.
Nicht allein zum Wiederaufbau der zerstörten Städte. Mit dem 24. Februar 2022 wurde das Vertrauen in die russische Regierung gänzlich zerstört. Es wird Geduld brauchen und Kraft, auch dieses Vertrauen wieder aufzubauen.

Ich weiß nicht, wie das gehen kann.
Ich kenne die Herausforderungen nicht, die noch kommen werden.
Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. Mit diesen Worten hat Jesus seine Jünger in die Zukunft geschickt.

Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.

Wir werden nüchtern sein. Wir werden sehr genau und vorsichtig handeln. Wir werden neue Wege suchen, Wege, von denen wir noch keine Vorstellung haben. Wir werden das russische Volk nicht entmenschlichen. Wir werden klar für Freiheitsrechte, für die universellen Menschenrechte und die Demokratie eintreten. Wir treten leidenschaftlich für eine lebenswerte Zukunft ein. Für die Zukunft der Ukraine, die Zukunft Europas, für die Zukunft der Jugend. Wir werden das Gebotene tun. Wer kann bete. Es ist ernst!

Frieden jetzt!

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