„Alles, was ist, ist in Gott“ – oder: Vom Wunder menschlicher Geisteskraft“

Dr. Martin Fricke
von Dr. Martin Fricke

Ich gestehe, ich habe eine Schwäche für philosophische Systeme. Ihre Ästhetik, innere Stimmigkeit und gedankliche Schärfe, die Klarheit und Grandiosität, zu der sich der menschliche Geist erheben kann – all´ das hat etwas Mitreißendes und zugleich zutiefst Befriedigendes. Vergleichbar nur mit einer Mozart-Sinfonie oder einer Skulptur von Rodin. Nichts ist da verwischt und verwackelt. In der stürmischen See unseres zeitgenössischen Lebens, in der so viele Gewissheiten unterzugehen scheinen, kommt mir die Prägnanz und Vollkommenheit der philosophischen Ratio wie ein letzter Rettungsanker vor. Eine blasse Erinnerung an das Paradies, in dem alles sehr gut war…

Baruch de Spinozas Philosophie ist ein solches System. Wie die meisten Philosophen hat er über die Wahrheit nachgedacht. Und über ein Leben, dass dieser Wahrheit entspricht. Aber sein Hauptwerk erscheint auf den ersten Blick gar nicht lebendig, sondern wie ein Lehrbuch der Geometrie. Ethica, ordine geometrico demonstrata hat er es genannt. Als wolle er grundsätzlich, ein für alle Mal festlegen, was es mit Gott und der Welt und uns Menschen irgendwo dazwischen auf sich hat. Allgemeingültig und unbezweifelbar, wie die Formen der euklidischen Geometrie eben.

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Wer war dieser Baruch de Spinoza? – Am 24. November 1632 als Bento de Espinosa geboren, wuchs er im jüdischen Viertel von Amsterdam auf. Seine Eltern waren sephardische Immigranten aus Portugal. Bei seiner Beschneidung erhält er den Namen Baruch. Schon früh stellt sich die immense denkerische Begabung des zerbrechlichen Jungen (er litt zeitlebens an einer chronischen Lungenkrankheit) heraus. Er besucht die ersten Jahrgänge der Talmud-Schule und lernt Hebräisch, Thora, Talmud und Kabbala. Sein freier Geist scheint sich mit all´ dem allerdings bald nicht mehr zufriedengegeben zu haben. Vor allem gegen die Tradition, dass der Schüler gehorsam dem Weg zu folgen hat, den der Lehrer und die Überlieferung vorgeben, lehnt sich Baruch auf. Er selbst will die Sachen klären! Religion, so wird Spinoza später in seinem Tractatus theologico-politicus formulieren, ziele nicht auf Erkenntnis, sondern auf Gehorsam; der Philosophie hingehen gehe es nicht um Gehorsam, sondern um Erkenntnis.
Nach dem Tod seines Vaters besucht er die private Lateinschule des ehemaligen Jesuiten Franciscus van den Enden. Hier lernt er nicht nur Latein, sondern saugt das gesamte Wissen der Spätscholastik, der Renaissance und der beginnenden Aufklärung in sich auf. Freilich nicht ohne in Konflikt mit der jüdischen Gemeinde zu geraten – wagt er es doch, in der Konsequenz seiner Studien und im Kontakt mit anderen geistig unabhängigen Denkern, die Wahrheit der biblischen Schriften und der orthodoxen Glaubensrituale anzuzweifeln. Für das Judentum und auch für die Kirche seiner Zeit liegt das außerhalb aller Toleranzgrenzen. Am 27. Juli 1656 belegt seine Gemeinde ihn mit dem Bannfluch: „Nach dem Urteil der Engel und der Aussage der Heiligen verbannen, verfluchen, verwünschen und verdammen wir Baruch d‘ Espinosa. Er sei verflucht bei Tag und verflucht bei Nacht, verflucht sein Hinlegen und verflucht sein Aufstehen, verflucht sein Gehen und verflucht sein Kommen. Nimmer möge der Herr ihm vergeben und fortan der Zorn des Herrn und der Eifer Gottes über diesen Menschen kommen und ihn mit allen Flüchen beladen.“

Zwei Jahrzehnte später betreibt die Kirche das Verbot seiner Schriften. Es überrascht daher wenig, dass Spinoza, wenn überhaupt, fast ausschließlich anonym publiziert hat. Einen universitären Lehrstuhl hat er nie innegehabt. Dennoch gilt er unter Europas Gelehrten als Geheimtipp. Mit ihnen unterhält er eine rege Korrespondenz, einige besuchen ihn persönlich; so etwa kurz vor seinem Tod noch Gottfried Wilhelm Leibniz. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Schleifer von Linsen für Mikroskope und Ferngläser. Das verschuldete Handelsunternehmen seines Vaters zu übernehmen, hatte er ausgeschlagen. Unterstützung erhält er außerdem von republikanischen Gönnern. Sie teilen seine Überzeugung, dass in den Niederlanden Religionsfreiheit herrschen müsse.
Am 21. Februar 1677, im Alter von 44 Jahren, stirbt Spinoza in Den Haag. Zeit seines Lebens ist er Jude geblieben. Manche bezeichnen ihn als den ersten säkularen Juden. Ein Mensch, treu gegenüber dem Glauben seiner Väter und Mütter, aber nicht bereit, seine Religiosität der Sehnsucht nach Erkenntnis unterzuordnen. Im erst nach seinem Tod veröffentlichten Traktat über die Verbesserung des Verstandes schreibt er: „Nachdem die Erfahrung mich gelehrt hat, dass alles, was im täglichen Leben sich gewöhnlich ereignet, nichtig und wertlos ist, und da ich sah, dass alles, vor dem ich mich fürchtete und das ich fürchtete, nicht etwas Gutes oder Schlechtes in sich selbst enthielt, sondern nur insofern, als das Gemüt davon bewegt wurde, so beschloss ich endlich zu erforschen, ob es irgendetwas  gäbe, das ein wahres Gut sei, dessen man teilhaftig werden könne von dem allein, unter Zurückweisung alles anderen, das Gemüt erfüllt werde; ja ob es etwas gäbe, durch das ich, wenn es von mir entdeckt und erlangt ist, eine beständige und höchste Freude auf ewig genießen könne.“

Diesem Forschungsprogramm folgend, hat Spinoza die großen philosophischen Fragen in Angriff genommen, die sich zu seiner Zeit stellten. Fixstern am Philosophenhimmel war damals René Descartes. Der hatte den philosophischen Zweifel bekanntlich so lange vorangetrieben, bis er auf den archimedischen Punkt cogito ergo sum stieß: Dass ich im Moment meines Denkens existiere, ist die einzige Gewissheit, die ich nicht mehr denkend anzweifeln kann. Doch Descartes hatte nicht zufriedenstellend beantworten können, wie mein Denken sich zu meinem Körper verhält und auf welche Weise dieser Körper wie alle Körper in der Welt nach (Natur-)Gesetzmäßigkeiten in Bewegung sein können. Es brauchte etwas außer meinem Denken Existierendes, das die Bewegungen der Körper steuert und die Einheit von Körper und Seele garantiert. Dies nannte Descartes „Gott“. Aber dieser Gott ist lediglich ein Postulat und keinesfalls so unbezweifelbar wie mein denkendes Ich, das doch der alleinige Grund aller Erkenntnis sein sollte.
Spinoza löst dieses Problem mit einem genialen Kniff: Er kehrt den Zusammenhang einfach um! Gott ist die erst- und letztgültige Gewissheit! „Alles, was ist, ist in Gott, und nichts kann ohne Gott sein oder begriffen werden“, schreibt er im ersten Teil der Ethik. Gott ist die „ungeschaffene Substanz“, die sich den Menschen als Materie und Geist zeigt. Sie erleben Gott in den Grundmodi der Gestalt und Bewegung der Körper bzw. der Idee und des Willensakts des Geistes, die synchron aufeinander bezogen sind. In ihnen äußert sich nichts anderes als die Kraft und das Denken Gottes selbst. Gott ist in allem, alles ist (Attribut) Gott(es).

Dass diese pantheistische Anschauung den etablierten Religionsgemeinschaften missfiel, versteht sich von selbst. Allein schon deshalb, weil der Gott Spinozas nicht frei gegenüber der Welt, sondern lediglich in sich selbst ist. „Gottes Vermögen ist seine Wesenheit selbst“, schreibt er. Und der Mensch? – Seine Aufgabe ist, im Einklang mit der Wirklichkeit zu leben, die nichts anderes ist als die Wirklichkeit Gottes. Ethik bedeutet, sich einzulassen auf die göttliche Notwendigkeit des Seins der Dinge. Und Streben nach Erkenntnis ist amor intellectualis Dei: Gottesliebe.
All´ dies entwickelt Spinoza in seiner Ethik in fünf Teilen und 259 Lehrsätzen sowie unzähligen Definitionen, Ableitungen, Beweisen. Und ich gestehe, dass ich eine Schwäche für sein System habe. Dem Gott der biblischen Überlieferungen mag es am Ende nicht gerecht werden. Denn die Bibel systematisiert nicht, sondern erzählt Geschichten Gottes mit den Menschen. Außerdem ist Spinozas System so fehl- und angreifbar wie jede andere philosophische Argumentation. Aber die gedankliche Präzision des niederländischen Linsenschleifers und die kunstvolle Architektur seiner Philosophie kommt mir vor wie eines jener unendlich vielen Wunder des Ewigen, dessen Wesen sich letztlich all´ unserem Sinnieren und Formulieren entzieht – und doch in allem wirkt. Ein Wunder, das unseren Verstand inspirieren und unser Gemüt derart erfüllen mag, dass wir in den Wechselfällen des Lebens und den Stürmen der Zeit trotz allem eine tiefe Freude am Leben empfinden. Wie ein Nachklang aus dem Paradies eben. Als alles sehr gut war…

Seien Sie behütet!

Dr. Martin Fricke.

PS: Wenn Sie mehr über Spinozas Denken wissen möchten, besuchen Sie unser Seminar „Jüdische Religionsphilosophie von Spinoza bis Mendelssohn“ am 24.11. und am 01.12.2020 (Kurs 99). Herzliche Einladung!

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