(Be)rauschende Kritik — Gedanken am Geburtstag von Karl Marx

von Sören Asmus

Dankbar könnte mensch sein, an einem Geburtstagsgedenktag wie heute einfach auf die Worte des zu Gedenkenden selbst zurückgreifen zu können. Was Karl Marx zu Religion schrieb, ist in seiner Einfachheit, Klarheit und Anregungskraft allein schon geeignet diesen Blog zu füllen. Allein dies wäre aber eine Unterschätzung der LeserInnen, die hier sich selbst schon auskennen könnten. (Wer es nachlesen mag: Link zur Rechtsphilosophie siehe unten.)  Daher also lässt es sich besser angeregt sein und weiter zu denken. Insbesondere deshalb, da die Ambivalenz der Religion gerade jetzt wieder ihre Kraft entfalten könnte und Trost und Kritik sein könnte.

Das und in wieweit Karl Marx die Strukturen des Leids und der Ausbeutung, die Wirklichkeit hinter dem Schleier von Ökonomie und Ideologie des Kapitalismus erkannt hat, die auch heute noch wirksam ist, haben wir uns zu seinem 200. Geburtstag vor Augen führen können (vgl. z.B.: https://marx200.org/mediathek ). Und doch steht die Notwendigkeit der Kritik des Alltags und der Entfremdung weiter auf der Tagesordnung. Wer sie querdenkenden Unfugsprechern überlässt, tut den Leidenden unrecht. Ist doch die Kirche einer der wenigen Orte in unserem Land, in dem nicht das Credo des Marktes und des Wachstum gesungen wird, sondern das der Solidarität, der Würde und der Gerechtigkeit — und das jede Woche und in vielfältig verschiedener Weise. Also reden wir von Trost und Protestation gegen das Leid der Welt.

Bildrecht: Sören Asmus

CORONA macht alles nur noch schlimmer.
Ein „Tweet“ brachte es auf den Punkt: „Wenn wir zwar zur Arbeit müssen, aber in der Freizeit nicht mehr rausdürfen, dann sind wir nur noch Produktionsmittel.“ In der Pandemie zeigen sich die Irrtümer und Fehler neoliberalen Denkens in brutaler Deutlichkeit: Kaputtgespartes Gesundheitssystem, soziale Ungerechtigkeit im Bildungssystem, Unterbezahlung der „systemrelevanten“ Berufe, mangelnde Solidaritätsstrukturen und staatliche Unfähigkeit, langfristig zu denken. Und eben die Reduktion der Menschen auf Produktionsmittel. Die einzige Hoffnung, die in dieser Lage Politik und große Teile der Öffentlichkeit zu verbreiten wissen: „Es muss wieder so werden wie früher!“ Früher aber, das heißt: „Die Menschen müssen wieder vergessen, dass sie nur Produktionsmittel sind.“ Gleichzeitig wächst die Verstörung über diese Einsicht und die Konsequenzen bei denen, denen es noch wehtuen kann — bei denen, die noch etwas zu verlieren haben und die fürchten müssen, dass ihre „Freiheiten“ sich auszuklinken in Alternativen Lebensformen oder auf Malle doch noch vom System aufgefressen werden, wenn es dem Gewinn und Wachstum dient. Andere halten sich an der Hoffnung fest, dass ein ökologisch-sozialer Umbau der Wirtschaft ohne Schmerzen und Verzicht möglich sei. Bis auch sie erkennen müssen, dass ein an Wirtschaft orientiertes Denken auf Klimawandel und soziale Verarmung keine Rücksicht nehmen wird.


Querdenken und Querdenker
Es ist dabei leider denen, die an Kritik kein Interesse haben, gelungen, dass Systemkritk und Querdenken — also das in Frage stellen dessen, was ist — selbst für die zu einem Schimpfwort zu machen, die sich verantwortlich und solidarisch für unsere Gesellschaft einsetzen wollen. Das macht die „Querdenker“ nicht etwa zur Vorhut der Weltverbesserung, denn ihre wirren Thesen helfen keinem Kranken oder Gefährdeten. Aber es macht die notwendigen Fragen zu einem Tabu. Denn die Angst, die Entfremdung, die Hilflosigkeit und die Überforderung bleiben. Homeoffice und Homeschooling sind keine Antwort auf die Probleme, wenn diese Antwort darin besteht, überforderte Familien weiter zu überfordern, statt ihnen neue Möglichkeiten zu schaffen. Heimarbeit war schon immer eine besondere Form der Ausbeutung, das kann man nicht nur in Gerhard Hauptmanns „Die Weber“ nachlesen — was sicher nicht mehr in Schulen gelesen wird… Und nicht ohne Grund war bisher Homeschooling der Ausweg von Fundamentalisten, ihre Kinder der öffentlichen Bildung zu entziehen…


Opium — Trost und Traum
Bleiben also diese drei: Angst, Entfremdung, Hilflosigkeit? Dann kann man wirklich nur zum Opium raten — Trost im Rausch zu finden, welcher den Schmerz lindert und von einer besseren Welt träumen lässt. Allein, die Religion — zumindest die unsrige — ist selbst durch die Marx´sche Kritik gegangen und hütet sich vor der Einlullung der Glaubenden. Stattdessen tröstet sie mit dem Eingeständnis der Hilflosigkeit der Prediger und der Betroffenheit der Pfarrerinnen. Allein die Hoffnung auf eine Neue Schöpfung bietet Bilder der Zukunft, die aber nicht von dieser Welt sei. Daran ist gut, dass es in den Kirchen einen Ort gibt, an dem die Angst ausgesprochen werden kann und es Andere gibt, die diese Angst mit aushalten. Das Eingeständnis der eigene Hilflosigkeit hütet vor den „Lügen der Tröster“ (Henning Luther), dass alles besser werde. Aber es muss eben nicht „alles besser“ sondern vieles anders werden. Wie anders? Davon lasst uns träumen, angeregt von den Geschichten der Gerechtigkeit und Solidarität, des Friedens und der Befreiung der Bibel und frei von der Zensur des „Alternativlosen“. Und mit diesen Träumen sehen wir auch deutlicher, wo die alternativlose Welt uns zugrunde richtet, verletzt und entwürdigt. Und dann? Dann bleiben Glaube, Hoffnung Liebe.

Bildrecht: Sören Asmus


Marx und die Religion
Für Karl Marx war die Religion zu überwinden: „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen  Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“ (Karl Marx, Kritik der Hegel´schen Rechtsphilosophie, s.o.) Wenn aber das wirkliche Glück da wäre, dann wäre es für mich Ausdruck dessen, was Inhalt des Glaubens ist: Erlösung. Bis dahin mag die Erinnerung an Marx uns darin bestärken, diejenigen Zustände zu kritisieren, die Trost nötig machen und mit oder ohne Religion gegen Angst, Entfremdung und Hilflosigkeit zu protestieren.
Https://de.wikisource.org/wiki/Zur_Kritik_der_Hegel’schen_Rechtsphilosophie

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