Die neue „BasisBibel“ ist ein Offenbarungseid

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Bernd Beuscher

die evangelische Deutsche Bibelgesellschaft bewirbt ihre neue „BasisBibel“ als „Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert“. Die EKD empfiehlt diesen vereinfachenden Text als „Erstbegegnung“ mit dem Christentum. „Entmündigung ist kein Seelentrost“ betitelte Hannah Bethke in der F.A.Z. vom 2. Februar 2021 ihre Kritik an dieser Empfehlung der „Basisbibel“ durch die EKD. Ich schließe mich der Kritik an und ergänze: die „BasisBibel“ und die entsprechende EKD-Empfehlung sind ein theologischer Offenbarungseid.

„Ich kann übersetzen. Das können sie nicht“ hatte Luther 1521 den Anfeindungen seiner Kollegen entgegnet. Luther hatte die Bibel jährlich zweimal von vorne bis hinten durchgelesen, bis er endlich aufgab, „Jesus auf unsere … dämlichen Begriffssysteme zu kreuzigen“ (Eugen Rosenstock-Huessy). Ihm war klar geworden, dass „die Frage der christlichen Sprache nicht eine oberflächliche Angelegenheit der Propagandamethodik“ ist. Ermuntert durch Melanchthon hatte er in elf Wochen das gesamte Neue Testament ins Deutsche übersetzt. Luthers Arbeit erfuhr eine bisher nie dagewesene publizistische Erfolgsgeschichte. Von seiner Übersetzung des Neuen Testamentes samt einem Teil des Alten Testamentes erschienen bis 1525 schon 22 Auflagen. Man schätzt, dass ein Drittel aller Deutschen, die lesen konnten, eine solche Luther-Übersetzung besaß. Wendungen wie „ein Buch mit sieben Siegeln“, „ein Herz und eine Seele“, „die Zähne zusammenbeißen“, „Perlen vor die Säue werfen“, „etwas ausposaunen“, „auf Sand bauen“, „Wolf im Schafspelz“, „der große Unbekannte“ oder „im Dunkeln tappen“ sind ebenso Luthers Erfindungen wie die Wortschöpfungen „Selbstverleugnung“, „Lückenbüßer“, „Machtwort“, „Gewissensbisse“, „Schandfleck“, „Feuertaufe“, „Lockvogel“, „Lästermaul“ und „Bluthund“.

Das Besondere der philologischen Treue der Lutherbibel gegenüber den achtzehn Bibeln, die damals bereits existierten und sich durch ein wortwörtlich-gestelztes Hoch- bzw. Niederdeutsch auszeichneten, war sein revolutionärer Ansatz, sich bei der Übersetzung nicht an den „lateinischen Buchstaben“ der Vulgata und einer monströsen akademisch-klerikalen Blase zu orientieren, sondern unter ständigem direktem Kontakt zu den hebräischen und griechischen Texten gleichzeitig auf den existenziellen Lebenstext zu horchen und auf die Straßenschläue der ungelehrten Menschen mit ihrem Sinn für die tragische Dimension. Luthers „Sendbrief vom Dolmetschen“ zielt nicht auf eine Kommunikations- bzw. Acquisitationsstrategie („Wie komme ich an die Leute ran?“, „Wo muss man die Leute abholen?“, „Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler“ usw.). Es ging bei Luther wie in den Jesustraditionen eben gerade nicht um Volkstümlichkeit und marketingstrategische Zielgruppenanbiederei, sondern um „existenzielle Zündung“. Dass Jesus in Gleichnissen redete, begründete er zum Beispiel nicht damit, dass damit Schwieriges leichter verständlich gemacht werden solle. Sondern er tat dies mit der systemischen Absicht, Hör- und Sehgewohnheiten zu irritieren: „Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht“ (Matthäus 13,13). Jesus und Luther haben sich also nicht dem Zeitgeist und den sprachlichen Gepflogenheiten angepasst, sondern Tacheles geredet. Sprache ist ein bildgebendes Verfahren. Das Leben erzählt seine Geschichten. Bibelgeschichten sind Lebensgeschichten. Lebensgeschichten sind Glaubensgeschichten. Es geht beim „Dolmetschen“ der Bibel darum, das Hebräisch-Existenzielle und Griechisch-Existenzielle ins Deutsch-Existenzielle oder in existenzielles Deutsch zu übersetzen. Luther hat die Krisenfrage, was im Leben zählt, existenziell so klar und von allem Klerikalen entschlackt formuliert, dass er die Menschen ins Herz traf.

Die „BasisBibel“ hat die theonome Dimension gelöscht. So ist aus einer „Theologie des Wortes“ eine „Theologie der richtigen Wörter“ geworden. Sie ist moralischer Kitsch, der das Märchen von der Selbstgerechtigkeit erzählt. Dann wird aus dem Nächsten der Mitmensch, aus Auferstehung die Auferweckung und aus Barmherzigkeit Mitleid. Wer mit der „BasisBibel“ die Erstbegegnung mit dem Christentum hat, bekommt den Eindruck, Kirche sei Humanismus mit frommem Flair und konfessorischem Touch. Aus dem „fleischgewordenen Wort“ (Johannes 1) ist „wortgewordenes Fleisch“ geworden.

PS. Im Content von theofy finden Sie als Vertiefung der Thematik die Artikel „Leichte Sprache“ sowie „Behinderung/Inklusion“. Schauen Sie mal rein.

Prof. Dr. Bernd Beuscher lehrt Praktische Theologie an der Evangelischen Fachhochschule in Bochum und ist außerordentlicher Professor am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn. Er ist Produzent der Bildungs-App THEOFY

2 Kommentare

  1. Die Kritik zur Basis Bibel hat mich inspitiert zu einer Grußkarte von Rauhes Haus Hamburg folgendes hinzuzufügen:Die Übersetzung dort auf der Rückseite von Matthäus 7,12,ruft mein Unverständnis hervor.“Alles nun,was ihr wollt,dass euch die Leute tun sollen,das tut ihr ihnen auch!“
    LEUTE statt MENSCHEN (christliches Menschenbild etc.) ,in meiner Bibel steht sehr wohl Menschen ,was für mich einen grossen Unterschied macht.Sprache ändert das Bewustsein.Grüsse,Sabine Kaschner.

  2. Die Kritik zur Basis Bibel hat mich zu Folgendem inspiert: Auf einen Glückwunschkarte von Rauhes Haus Hamburg findet man folgenden Text „Alles nun,was ihr wollt,dass euch die Leute tun sollen,das tut ihr ihnen auch! Matthäus 7,12
    Menschen mit Leuten zu Übersetzen ,widerspricht für mich dem christlichen Menschenbild.Der umgangssprachliche Begriff kann hier nicht nachvollzogen werden.Viel zu häufig verändert Sprache heutzutage das Bewustsein.

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